altKreuzberg gegen die böse Welt

von Esther Slevogt

Berlin, 1. April 2012. Das haben wir jetzt davon. Jahrelang wurde der Osten wahlweise als stasiverseuchtes Spreewaldgurkenparadies beschrieben oder zur pittoresken Poprepublik verklärt, in der selbst die Stasi eigentlich nur ein Verein von anonymen Melancholikern war. Jetzt also ist der Westen dran. Westberlin genauer gesagt. Und noch genauer: Kreuzberg, der einzige Ort, wo der antifaschistische Schutzwall wirklich ein Schutzwall war. Gegen die Welt, die böse, und gegen sonstige unliebsame Wirklichkeitseinbrüche. Wohin der Westdeutsche dem vollgefressenen Wirtschaftswunderland BRD und seiner brutalen Geschichtsvergessenheit in eine hedonistische Agonie entkommen konnte. Wo er kein Deutscher mehr, sondern nur noch Künstler war. Mit oder ohne Kunst.

Keiner hat davon so schön wie Sven Regener in seiner Lehmann-Trilogie erzählt. Deren letzten Teil (der eigentlich die Initiationsgeschichte des Bremers Frank Lehmann zum Westberliner erzählt) hat am Maxim Gorki Theater nun Milan Peschel inszeniert. An diesem Theater pflegt man ja ein besonders inniges Verhältnis zu versunken utopischen Refugien der jüngeren Geschichte. In Fritz Katers zärtlich-melancholischen Bilderbögen zum Beispiel. Und es fängt auch bei Milan Peschel schön an.

Transit per Panda

Auf leerer Bühne steht ein kleines Auto, das man beim flüchtigen Hinsehen augenreibend zunächst für einen Trabant hält, aber dann schnell als Fiat Panda identifiziert: ein kistenhafter Kleinwagen, der in den 1980er Jahren kurz Kultstatus genoss. Als der Westen seiner fetten Mercedeshaftigkeit selber ein wenig überdrüssig geworden war. Da sitzen also Frank und Wolli drin und fahren über die Transitstrecke Richtung Westberlin. In rasenden Perspektivwechseln erzählen Michael Klammer und Paul Schröder diesen Transit und schaffen dabei gleichzeitig mit links höchst glaubhaft den Transit den Romanstoffs auf die Bühne, im Autoinnern spärlich von funzeligem Licht beleuchtet, während die Autoscheinwerfer gleißend das Publikum blenden.

Da wird raus aus dem Auto, an die Rampe gehetzt, manchmal nur für ein einziges Wort. Erzählt wird mal in der dritten Person, dann wieder werden Klammer und Schröder die, von denen sie erzählen: Wolli und Frank Lehmann eben, der nach Westberlin zu seinem Bruder will. Doch dieser Bruder ist verschwunden und in einer 48-Stunden-Odyssee gerät Lehmann auf der Suche nach ihm in die Kreuzberger Szene des Novembers 1980, zwischen Hausbesetzer, Aussteiger, Möchtegernkünstler, Szenekneipen, halbseidene Galerien mit Pseudokunst. Zwischen Leute, die damit beschäftigt sind, irgendein verkümmertes Selbst zu verwirklichen. So überhaupt ein solches vorhanden ist.

Subkultur und Klischee

Leider aber beginnt für den Beobachter des Bühnengeschehens ein ziemlicher Leidensweg, kaum dass Paul Schröder alias Frank Lehmann Mitfahrer Wolli bei einem besetzten Haus abgesetzt, das Auto verlassen und zerlegt hat. Denn jetzt wird nur noch geschrien und grimassiert. Und das ausufernd lang und ohne, dass eine tiefere Idee erkennbar würde. Die Kreuzbergklischees, die hier krachen, sind nicht mal besonders schrill. Ein bisschen "Du-Wichser"-Gekreisch mit Punkfrisur (Regine Zimmermann), Künstlerkarikaturen wie ein zuckender Falco-Klon am Keyboard (Holger Stockhaus) oder eine tranige Galeristin (Sabine Waibel). Dazu ein schmerbäuchiger chauvinistischer Alternativ-Kneipier (Peter Kurth) und ein fuchtelnder Kunstspießer mit Goldherz (Ronald Kukulies).kleinerbruder3 thomas aurin 560 uEin Panda aus der Hansestadt in Kreuzberg, besungen von Maike Rosa Vogel, besprungen von Ronald Kukulies. © Thomas Aurin

Zwischen den Szenen sorgt die Frankfurter Liedermacherin und Musikerin Maike Rosa Vogel mit kühl-sentimentalen Live-Stücken (und Indie-Einschlägen) für etwas Authentizität. Kurze Momente des Zuschauerglücks bescheren nur Paul Schröder als Lehmann, der sich in Milan Peschels Klischeehölle eine staunende Unschuld erhält, und Michael Klammer, der gleich ein paar Subkulturfiguren mit geradezu existenzieller Inbrunst spielt.

Berufsjugendlichkeit als Konzept?

Die Rollen sind im Durchschnitt zwanzig Jahre zu alt besetzt. Bei Regener sind die Protagonisten zwischen Siebzehn und Ende Dreißig. Im Maxim Gorki Theater kann man das Durchschnittsalter auf Mitte bis Ende Dreißig festlegen, mit Open End in eine perspektivlose Berufsjugendlichkeit. "Das ist Konzept", klärt mich ein Kollege in der Pause auf, und zieht Parallelen zum heutigen Prenzelberger Bionade-Biedermeier, dessen Protagonisten zwischen durchfeierten Nächten und sinnentleertem Bohèmetum plötzlich kurz vor der Rente die Sinnkrise erfasst. Die Kritikerin aber spürt nur die Leere eines uninspirierten Theaterabends mit Überlänge und flüchtet nach dreieinhalb Stunden erschöpft in die Berliner Nacht.

 

Der kleine Bruder
von Sven Regener
für die Bühne bearbeitet von Milan Peschel
Regie: Milan Peschel, Bühne und Kostüme: Madalena Musial, Musik: Maike Rosa Vogel, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Paul Schröder, Ronald Kukulies, Peter Kurth, Holger Stockhaus, Regine Zmmermann, Michael Klammer, Sabine Waibel, Frank Isael, Martin Otting, Maike Rosa Vogel.

www.gorki.de

 

Im Dezember 2009 inszenierte Leander Haußmann Sven Regeners "Der kleine Bruder" mit Studenten der Hochschule "Ernst Busch" am bat-Studiotheater – hier die Nachtkritik.

Kritikenrundschau

Nach einem schönen Anfang drehe Peschels Inszenierung sich "mächtig redundant und allzu aufgedreht im Kreise", befindet Hartmut Krug im Deutschlandradio Fazit (1.4.2012). "Sie zieht sich über dreieinhalb Stunden, zahlreiche Spannungslöcher und etliche mögliche Schlüsse dahin, mehr mit erzählten als gut gespielten Gags, die eingehüllt sind in mächtig viel Gelaber." Obwohl die Schauspieler alle viel älter seien als die Romanfiguren, sei dies kein reflektierender Blick von heute zurück in ein vergangenes Westberlin, sondern einfach eine muntere Beschreibung einer Lebensart, die es neben anderen im offenen sozialen Biotop Westberlin gegeben hat. "Diese Beschreibung wirkt vor allem kabarettistisch, plustert sich zuweilen auch ein bisschen provokant und bleibt dabei doch unfreiwillig komisch." Zum Schluss sei manch Zuschauer froh, dass dieser lange, unrhythmische, mäßig erkenntnisreiche und trotz Regeners pointierten Texten nur gelegentlich lustige Theaterabend endlich zu Ende ist.

"Neun Schauspieler hampeln knapp vier breiige Stunden lang von einem Scheiße-Satz zum nächsten und meinen nie etwas anderes als das, was sie da sagen, keine Welt und auch kein Selbst, weil es diesen Figuren an Welt- und Selbstreflektion mangelt, um so etwas Anspruchsvolles wie Welt und Selbst überhaupt zu haben", beschreibt Dirk Pilz den Abend für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau (2.4.2012). "Es gibt für sie nur Einbahnstraßenbeziehungen: ich und mein Bier, ich und mein scheiß Leben." Der Anfang sei "noch halbwegs lustig, weil hübsch klischeesüffig, und halbwegs theatereigensinnig, weil schön schräg". Auch später schafften die Gorki-Schauspieler immerhin "herrlich doofe Abziehbildchen vom Kreuzberger Lodderleben". Und "alle haben eine eigene Weise des Scheißerufens, weil sie alle dasselbe Luxusproblem haben, nicht zu wissen, was sie lieber wollen: Bier saufen oder nölen." Also machten sie beides so ausgiebig, dass von den Figuren nur noch die Comicblasen bleiben. "Einzige Ausnahme: Maike Rosa Vogel und ihre Electro-Folk-Songs. Kommt, winkt, singt, winkt und geht wieder." Mehr brauche es eigentlich nicht, um ein Lebensgefühl atmosphärisch einzufangen. "Aber der Rest: oh weh." Ok., das Buch sei auch "nicht viel mehr als ein bisschen lustig, weil es sprachlich immer auf derselben Beschreibungstiefebene" bleibe. "Aber so schal wie es an diesem Abend wirkt, ist es nun auch wieder nicht."

Etwa zwei Stunden zu lang findet Peter Laudenbach den dreieinhalbstündigen Abend in der Süddeutschen Zeitung (3.4.2012). Die Überdosis Gerede, die Sven Regener in seinem Roman einsetze, sei dort ziemlich lustig, "weil genau beobachtet", aber in Milan Peschels Inszenierung laufe das Gelaber ins Leere. Über Typenkabarett komme die Inszenierung selten hinaus. Am Ende behalte der geschäftstüchtige, weil schwäbische Kneipier Erwin ("wunderbar schluffig: Peter Kurth") recht: "Das ist doch alles Nostalgie-Kacke."

"Emotionsgeladen und ungemein dynamisch" fand's hingegen Jan Scheper in der taz (3.4.2012). Ungemein ausgefeilt, wenn auch gelegentlich etwas holprig seien die Perspektivenspiele, die Peschel dem Stück verordne. Offenkundig regierten die körperlichen und verbalen Dichotomiegefechte das Stück, in dem eigentlich das Ensemble der Hauptdarsteller sei. Packend an Peschels Umsetzung sei ihre "anachronistische Qualität". "In Aversionen und Assoziationen der Figuren dürften sich heutige Kreuzberger und Restberliner Avantgardisten, von einem strahlenden Kunstpanzer verschalt, süffisant spiegeln."

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