Poetischer Kapitalismus

von Bernd Noack

Würzburg, 17. November 2007. "Ich wähle meine Arbeit nach den Stunden, die sie mir nimmt", sagt Undine und würde für diesen Satz bei jeder Arbeitgeber-Vollversammlung tosenden Beifall bekommen. Solch' Werktätige braucht das Land! Schön ist Undine dazu: wie sie dasteht, klitschnass und traurig um die verschmierten Augen, ein ganz der Realität entrücktes Wesen.  

Ihrem Fließband-Job bei der Post gewinnt sie eine sehnsuchts-erotische Seite ab, weil sie dort von fremden Fernen und geheimnisvollen Adressaten träumen darf. Aber sagt jemand zu ihr, sie sei "ganz schön romantisch", dann fällt sie ihm schneidend ins Wort: "ganz schön verzweifelt" und rückt so den falschen Eindruck trotzig-stolz zurecht. Bei Undine sieht beides gleich aus. Aber gut geht es ihr dabei gar nicht.

Romantisch und verzweifelt, hire and fire

Vier Personen suchen zwischen Selbst- und Mehrwert einen Sinn für ihr Dasein, Undine ist eine von ihnen. In Sigrid Behrens Stück "Unter Tage", das der Autorin den in diesem Jahr erstmals vergebenen "Leonhard-Frank-Preis" des Mainfranken-Theaters Würzburg eingebracht hat und nun dort auch uraufgeführt wurde, wechseln sie wie gehetzt vom Tagwerk auf die Nachtseite des Lebens – und zurück: die Angst vor Untätigkeit und Liebesentzug, die Drohung, ausgesondert oder verlassen zu werden, bestimmen und lähmen ihr Handeln und Denken.

Die Beziehung zur Arbeit ist gefährlich emotional und die Beherrschung der Emotionen artet in Arbeit aus. Auch das könnte die Bosse freuen: "Ich möchte in die Arbeit gehen am Ende der Nacht und sie beschließen nach Abbruch des Tages, ich möchte das Sonnenlicht, wenn es das gibt, hinter Vorhängen verborgen sehen." Das sind so ungefähr die Handlungs- und Textbrocken, die uns die junge Autorin da vorsetzt, zusammengebastelte Schnipsel aus Gefühls- und Geschäftswelt.

Spiel mit den Vorstellungen der Existenz 

Die wacklige Existenz zwischen Maloche und Stillstand, Beförderung und Befriedigung, Selbstaufgabe und Identifikaton – acht Stunden sind kein Tag, wenn aber der Rest einem auch durch die Finger und das Hirn rinnt wie sinnloser Sand, wenn er der Zeit zwischen dem Klicken der Stempeluhr so beklemmend gleicht, dann hat man etwas falsch gemacht. Bei Behrens wird die Auflösung dieses Dilemmas (die es naturgemäß nicht gibt) mit sehr vielen Worten in einem von ihr so genannten "Gruppenmonolog" verhandelt, will sagen: alle reden vor und für sich hin und garantiert aneinander vorbei.

Man muß schon gehörig aufpassen, um aus dem wohltönenden Satzgeklingel die Absichten der Autorin herauszuhören. Denn bei allen poetischen Verschlingungen, kopflastigen Verwirrungen und übersteigerten Sprachverliebtheiten ist der Text nämlich doch viel konkreter und radikaler um das Thema Arbeit bemüht, als es uns nun die Regie von Nada Kokotović glauben machen will. Sie illustriert diese kanonartigen Selbstgespräche dabei nicht mal, sie schafft vielmehr Bilder ganz neben der Sprache und flüchtet in die Abstraktion. Und das führt dann bisweilen ins Lächerliche, Bemühte und ganz entschieden Kunstgewerbliche. Sie ästhetisiert auf Sozialromantik-komm-raus. Herb und schön wird die Entfremdung, rätselhaft die Vereinsamung, kitschig der Schmerz.

Wo sind die neuen Nachrichten aus der Arbeitswelt?

Gezirkelte Choreografie am Rande des Abgrunds, Bewegungs-Wirrwarr und gestelzte Posen erzeugen zusammen eine seltsam schicke Endzeitstimmung. Einer fliegt in den Raum, einer verkrampft an der Wand, zwei sind aneinander gebunden, alle verrenken sich und zieren sich und fallen aus ihren Rollen, derweil sie die Sätze schon mal jodeln, brüllen oder stammeln müssen, vornehmlich da, wo es gerade am sinnlosesten ist.

Schwarz und grau gekleidet sind sie, na klar, und stellen auf nackter Bühne sowas wie expressionistische Existentialisten (oder umgekehrt) vor, die kunstvoll abheben und sich dabei immer weiter von ihrem Thema und ihrer Last entfernen. So glatt und letztlich platt können die Nachrichten aus der Arbeitswelt auf der Bühne gemacht werden. Kokotović hat das Stück nicht verstanden (was man ihr noch nachsehen könnte), es aber trotzdem inszeniert.

Gewinner und Verlierer

Zum Glück gibt es in Würzburg Schauspieler, die auf diesem Grat agieren können, damit dann nicht gleich das komplette Unternehmen unrettbar abstürzt: Natalie Forester, Andreas Anke, Klaus Müller-Beck und Christian Higer nehmen sich in dem  gelackten Vanitas-Ambiente ironische Freiheiten heraus, kratzen immer wieder mal am allzu heiligen Ernst der Sache und finden in Behrens' Text, der dann kurzzeitig wie ein Großstadt-Märchen düster leuchtet, durchaus absurde, bitter-süße und komische Nischen.

Was das alles mit dem standhaft sozialistischen und sehr realistischen  Gentleman-Dichter und (in Würzburg geborenen) Preis-Namensgeber Leonhard Frank (1882 – 1961) zu tun hat? Eine mögliche Antwort darauf findet man durch puren Zufall in seinem berühmten autobiografischen Roman "Links wo das Herz ist", gleich auf Seite 9: "Nichts! Dazu hat's nicht gereicht!"

 

Unter Tage
von Sigrid Behrens 
Regie und Bühne: Nada Kokotović.
Mit: Natalie Forester, Andreas Anke, Klaus Müller-Beck, Christian Higer.

www.theaterwuerzburg.de

 

Kritikenrundschau

Hilflos gibt sich Jürgen Strein in den Fränkischen Nachrichten (20.11.2007) angesichts Sigrid Behrens' Stück "Unter Tage": "Worum geht’s ’n hier eigentlich?" Sigrid Behrens’ "poetische Auseinandersetzung mit dem Undine-Mythos" sei thematisch und sprachlich so reflexiv, dass der Rezensent glaubt, er habe den "Sinn vielleicht gar nicht begriffen". Seine Vermutung: Für Undine, als einem "Geschöpf der Nacht", gehört der Tag der Arbeit, die Nacht der Liebe. Ihr Liebster "Hans verrät Undine an den Tag und damit endet die Liebe." Nicht verstanden, Umsetzung aber eindrucksvoll gefunden: Nada Kokotovi, die vom Tanztheater kommt, "setzte auf szenische Aktion voller abrupter Brüche, auf extreme Körperbewegungen, auf Verweigerung von Eindeutigkeit" (au weia, auch das noch). Heftiger Applaus für alle nur "der Rezensent: blieb ratlos".

 
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