altDie Empfindsamkeit der Mörder

von Steffen Becker

Ingolstadt, 4. April 2012. Die Kälte kriecht das Bein hoch und in die Seele hinein. Die Mauern des Ingolstädter Festungsbau Turm Triva wehren den Frühlingsabend ab, "Das Monster weint" von Regisseurin Kathrin Mädler drückt an diesem Spielort tonnenschwer aufs Gemüt. Mädler kombiniert die Aufzeichnungen des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß mit Ausschnitten aus Mary Shelleys "Frankenstein"-Roman. Dessen Labor könnte man sich in den Katakomben gut vorstellen, zumal sich die Romanfigur Victor von Frankenstein an der Ingolstädter Universität die Inspiration für sein Spiel mit dem Leben holte – der schmutzig-weiße Bombenbunker-Putz im Turm passt zur Assoziation heimlicher medizinischer Experimente.

monster2 280q u© Ludwig OlahHier reiht Mädler die Zuschauer am Rand einer ungedeckten Tafel auf. Karlheinz Habelt und Ulrich Kielhorn rezitieren Mary Shelley mit dem Rückblick des Protagonisten, der seine Leidenschaft verflucht, mit der er die Wissenschaft betrieben hat. Patricia Coridun, Barbara Schmick und Lukas Umlauft teilen sich in angedeutetem Zombielook (fahle Schminke, Kontaktlinsen) das Monster. Es weint nicht, es lamentiert – über seinen Schöpfer, den Hass der Menschen, die Selbstverachtung.

Kleinbürgerlich-moralischer Massenmörder

Was das mit den Auschwitz'schen Gaskammern und ihrem Verwalter zu tun hat, wird nach einer halben Stunde erstmals angedeutet. Anhand von zu Beginn ausgeteilten Bildchen selektieren die Schauspieler das Publikum und schicken es etwa in eine enge Kammer ohne Fluchtweg. Getrennt voneinander erzählen die Schauspieler den Lebensweg Höß', der ihn an die Spitze der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie führte – ein geschickter Kniff von Regisseurin Mädler, der unterstreicht, wie normal deren Befehlshaber als Mensch war: ein Jedermann. Behütete Kindheit, jung im Krieg, im Freikorps politisch radikalisiert, aber vor allem dem Traum nach einem Bauernhof mit großer Familie anhängend. Erwischt man mit Lukas Umlauft allerdings einen der Schauspieler, die zuvor Frankensteins Monster Stimme und Ausdruck liehen, stört dessen Optik doch etwas den Eindruck von Höß' Erzählungen über den ersten Sex im Lazarett und die Welle von Zärtlichkeit, die dieses Erlebnis in ihm hochsteigen ließ.

monster5 560 u© Ludwig Olah

Diese Kollision ist umso bedauerlicher, als Umlauft den kleinbürglich-moralisch empfindenden Massenmörder menschlich werden lässt. Er wirkt tatsächlich wie das Eigenbild des Lagerkommandanten – ein stramm stehender Mann mit Prinzipien, der in eine ungute Sache geraten ist und seine Pflicht getan hat. Gleichzeitig erschaudert man bei dem Gedanken, in diesem Höß etwas anderes als ein Monster zu sehen, einen Schauder, den das Ensemble im Schlussraum auf die Spitze treibt: Gemeinsam jonglieren sie im Gewölbe auf Stühlen und verrücken sie geordnet, während sie die Details der generalstabsmäßigen Vernichtung schildern – immer in Kombination mit der Betonung besonderer Empfindsamkeit des Rudolf Höß.

Zwei mordende Monster – und doch grundverschieden

Dem das alles zuwider war, der beim Anblick von Vergasungen an seine Kinder dachte und dem das Herz blutete, wenn ihn der Blick einer flehenden Mutter traf. Das klingt gerade im Kollektiv schmerzhaft glaubwürdig. Als sei die Leitung von Auschwitz ein Zufall im Leben eines anständigen Bürgers gewesen, der auch anderen hätte passieren können; dass es keiner Bösartigkeit bedarf, um das Böse zu tun.

Frankenstein kommt in diesem Part kaum mehr vor. Darin liegt auch das Grundproblem von "Das Monster weint": Der Bogen des Abends ist zu weit gespannt, die Bezüge zwischen den zwei Inszenierungs-Elementen sind zu verschwommen. Frankenstein bereut seinen Irrweg, Höß hält die Judenvernichtung nur für einen Fehler, weil der Holocaust das Reich zum Paria gemacht habe. Deutlicher werden die Verbindungen Höß' mit dem Monster, das mordet, obwohl es hinausschreit, dass Liebe und Güte in ihm sind. Es tut es allerdings aus Einsamkeit und Ablehnung heraus – was man nicht zusammenbekommt mit dem Familienleben eines Rudolf Höß, der nur bedauert, nicht mehr Zeit mit seinen Kindern verbracht zu haben. Am Ende bleibt der Eindruck, dass ein beklemmender Text durch einen lokalen Gruselbezug aufgepeppt werden sollte. Das schmälert nicht die Wucht der Ortes und die Leistung des Ensembles als das normale Böse, verwehrt dem Abend aber die Stimmigkeit.

Das Monster weint
Regie: Kathrin Mädler, Ausstattung: Mareike Porschka, Dramaturgie: Lene Grösch.
Mit: Patricia Coridun, Barbara Schmick, Karlheinz Habelt, Ulrich Kielhorn und Lukas Umlauft.

www.theater.ingolstadt.de

 

Mehr zu Kathrin Mädler? Einen ähnlich gelagerten Abend inszenierte die Regisseurin in der Kongresshalle des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes mit Peter Weiss' Die Ermittlung.

Kritikenrundschau

Im Ingolstädter Donaukurier (6.4.2012) schreibt Anja Witzke: Auf "höchst spannende Weise" verknüpfe Katrin Mädler romantischen Grusel und realen Horror zu "einem eindrucksvollen Theaterabend". Die Kasematten am Turm Triva, ein unterirdisches Gewölbelabyrinth mit niedrigen Gängen und klaustrophobischen Kammern erwiesen sich als ideale Bühne für diesen Abend. Der Wahnwitz von Mary Shelleys "frustriertem Wissenschaftler und der Ingrimm seines verstoßenen Geschöpfes" würden überlagert von "Rudolf Höß' Details über die Erfindung einer Todesmaschinerie, gepaart mit betulicher Empfindsamkeit und perfiden lyrischen Entgleisungen". Mädler habe die "Darstellungsform" klug gewählt. Sie setze auf Reduktion und hohe Textkonzentration und führe ihre fünfköpfige Schauspielcrew wie auch das Publikum "behutsam durch einen so komplexen wie verstörenden Abend". "Kein Pathos, keine großen Gesten, kein falscher Theaterton, aber auch keine Betroffenheitsallüren".

 
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