altEkel am Krieg

von Hartmut Krug

Senftenberg, 5. April 2012. Der letzte Zuschauer, der die Studiobühne betritt, greift einen Programmzettel und zündet sich eine Zigarette an. Er trägt heutige militärische Tarnuniform und wird von einem Schauspielerkollegen, als vom Eingang "Zurückbleiben bitte" und das von der Berliner S-Bahn bekannte Klingelzeichen für das Schließen der Türen erklingt, harsch angefahren. Alles klar, Horvaths anonymer, arbeitsloser junger Ich-Erzähler, der in seinem 1937 vollendeten Roman "Ein Kind unserer Zeit" zum Militär geht, soll einer von uns sein.

Und so sitzen wir auf Holzbänken auf beiden Seiten und in den zwei Etagen einer Raumbühne mitten im Geschehen. Katharina Sichtlings so funktionale wie faszinierende Bühne, ein schäbig-leerer, gekachelter Durchgangsraum mit Wandöffnungen, wirkt angemessen trost- und zeitlos. Hier werden erst einmal Befehle gebrüllt, bevor alle drei die ersten Worte des Romans singen: "Ich bin gern Soldat."

kind1 560 SteffenRasche u Wir sind gerne Soldaten!   © Steffen Rasche

Und schon wird es munter: der Musiker Mando, der das Geschehen mit Gitarre und Human Beat Box live atmosphärisch grundiert, steigt als werbender Ausrufer für Unterhaltungsangebote hinab in den Raum. Er macht die Zuschauer an, verteilt Lose und später auch einmal Bratwurst, während die Soldaten Luftballons zerschießen oder über Frauen räsonieren. Der schlaksig-steife Till Demuth, der die Hauptfigur spielt, also "Das Kind unserer Zeit" sein soll, spielt dies von Anfang an als nachdenklichen, suchenden Mann. Auch wenn er mittönt, "Es gibt ein Land, das werden wir uns holen", und zwar, indem "wir säubern, wir säubern", steckt darin weniger Aggressivität als selbstverständliche Gedankenlosigkeit.

Illusionslose Nüchternheit

Horvaths Roman, – immerhin schrieb er 22 Theaterstücke – wird immer wieder gern für die Bühne eingerichtet, weil er so deutlich Kritik am Nationalsozialismus übt. Er nennt allerdings keine konkreten Namen oder Fakten sondern versinnlicht bestürztend klar und in einer nüchtern poetischen Sprache das unschöne Kälterwerden von Menschen und Situationen in den ersten Jahren der Diktatur. Aber er ist kein Theaterstück und wird es auch in Nicole Oders Bearbeitung und durchaus phantasievoller Inszenierung nicht. Weil seine Denktexte, Beschreibungen und inneren Monologe szenisch ausgestaltet manchmal merkwürdig uneigentlich klingen können (die Gedanken über Gräuel, das Töten von Zivilisten), und weil Till Demuth die Hauptfigur von Beginn an als nachdenklich leidende Schmerzensfigur spielt, die näher bei der Gefühligkeit von Borcherts Kriegsheimkehrer Beckmann als beim verirrten und verwehenden Trotz von Horvaths Figur und ihrer illusionslosen Nüchternheit ist.

Und ob dieser Text, der besonders gern von Jugendtheatern auf die Bühne gebracht wird, uns wirklich zeitlos-aktuelles über unsere Gegenwart zu sagen vermag (Stichworte: deutsche Soldaten in Afghanistan, Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus), das scheint mir allzu didaktisch gehofft.

Klare Formensprache

Dennoch, und das ist kein Widerspruch: die knapp eindreiviertelstündige Aufführung unterhält ihr Publikum aufs Beste mit vielen szenischen Einfällen. Da kommt Lachgas oder eine Diskokugel zum Einsatz, Briefe, die im Text eine große Rolle spielen, fliegen in großen Mengen durch den engen, aber weiträumig genutzten Raum, und Mando beatboxt mit seinen (musikalischen) Mundgeräuschen die Stimmungen für die Inszenierung. Drei Schauspieler spielen sich durch achtzehn unterschiedliche Figuren. Sie bieten keine Psychogramme oder ausgefeilte Figurenentwicklungen, sondern malen ihre Figuren vor allem durch Kostümwechsel und mit mimisch-gestischer Überdeutlichkeit aus. Die Entwicklungsgeschichte des freiwilligen Soldaten wird, verglichen mit dem Roman, verkürzt. Zuweilen aber auch allzu sehr verdeutlicht.

So wechselt Tanya Erartsin souverän von einer groben Soldatenfigur zur träumerisch liebreizenden Kassiererin auf dem Rummel, während Bernd Färber eher die auch hilflose Komik seiner Figuren betont. Die Entwicklungsgeschichte des freiwilligen Soldaten wird, verglichen mit dem Roman, verkürzt. Zuweilen aber auch allzu sehr verdeutlicht. Wenn der Soldat, der seinen Hauptmann im Krieg retten wollte, ohne zu wissen, dass dieser aus Ekel am Krieg Selbstmord machte, mit zerschossenem, steifem Arm erst ins Lazarett und dann in die Invalidität und Arbeitslosigkeit entlassen wird, so erscheint in dieser Inszenierung die (auch erotische) Zusammenkunft mit der Hauptmannswitwe nur als spielerisches Klischee. Zu allen emotionalen Szenen zithert die Gitarre von Mando.

Verzweifelt, vereinsamt, seiner Freude am Soldatentum und seiner klaren Wertvorstellungen verlustig und auch mit der Hoffnung auf Liebe gescheitert, stirbt das Kind seiner Zeit am Schluss im Park in der Winterkälte, – und die Schauspieler lassen dazu den Schnee in die Szene rieseln. Der Abend ist klar in seiner Botschaft und seiner so einfachen und zugleich einfallsreichen Formensprache. Er ist, bei allen kleineren Einwänden, ein besonderer für die Neue Bühne Senftenberg. Die junge Regisseurin Nicole Oder vom Heimathafen Neukölln, bekannt mit Arabqueen und "ArabBoy", die vor kurzem auch schon auf der kleinen Bühne des Staatstheaters Kassel inszeniert hat, beweist sich mit ihrem Senftenberger Horvath als ein hoffnungsvolles Regietalent.

 

Ein Kind unserer Zeit
von Ödön von Horvath
Dramatisierung des gleichnamigen Romans von Nicole Oder
Koproduktion mit dem Theater Heimathafen Neukölln
Regie: Nicole Oder, Bühne: Katharina Sichtling, Kostüme: Stephan Fernau, Musik: Mando, Dramaturgie: Esther Undisz.
Mit: Tanya Erartsin, Till Demuth, Bernd Färber und dem Musiker Mando.

www.theater-senftenberg.de

 

Kritikenrundschau
Angetan zeigt sich Sandra Diekhoff in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (11.4.2012). Die Zuschauer seien mittenmang und zwischendrin. "Schnell wird klar, dass das Publikum dem Stück ebensowenig entfliehen kann wie der eigenen Geschichte." Diekhoffs besonderes Lob erntet Tanya Erartsin, die sich "wandelbar und vielseitig" zeige. Vielseitig sei auch die musikalische Begleitung durch Daniel Mandolini. Insgesamt sei die Aufführung "jung, modern, oder, in der Sprache Neuköllns 'fresh', gleichzeitig aber nah am Original".

Die 90-Minuten-Fassung des Romans lasse vor allem die Horváthsche Sprache unangetastet, referiert Torsten Klaus in den Dresdner Neuesten Nachrichten (11.4.2012). An diesem "Text zwischen Dichtung und Realismus" bleibe kein Zweifel. Dafür sorge auch und vor allem das Schauspielertrio Tanya Erartsin, Till Demuth und Bernd Färber. "Demuth gibt den Soldaten in Zeiten des Abgesangs auf den Humanismus. Erartsin und Färber schlüpfen ihrerseits in zahlreiche Rollen und bilden so den personellen Kosmos des Ganzen." Diese Rollenwechsel seien mit der Dramaturgie der Handlung so eng verwoben, dass sie dem Publikum fast wie etwas Natürliches vorkämen. "Nicht zu vergessen auch Daniel Mandolini, der als Musiker und menschliche Beatbox einen Soundtrack liefert, der sich nicht vor die Handlung drängelt." Als "einzig platte Zuschreibung des Abends" bezeichnet Klaus Nicole Oders Entscheidung für Soldaten-Uniformen in Bundeswehr-Khaki. Denn man fühle sich bei den Kriegsszenen deutlich weniger an aktuelle Auseinandersetzungen erinnert, eher an solche wie den Vietnam-Krieg.

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