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Den Dämon beschwören

von Sarah Heppekausen

Bochum, 14. April 2012. Sie spricht etwas zu laut, diese Frau, zu exaltiert. Ihre Finger krampfen, knibbeln, kratzen. Ihr Oberkörper bäumt sich auf, und ihr Hals zieht sich lang, als stecke etwas zu Großes in ihrem Inneren, etwas Unbezähmbares. Diese Frau hat ein Begehren, eigentlich ein menschliches, allzumenschliches. Sie will Mutter werden. Aber ihre Sehnsucht ist nicht bloß schöpferischer, lebensspendender Natur. Sie bringt auch physische und psychische Zerstörung. Diese Frau ist eine Besessene.

Bettina Engelhardt spielt García Lorcas Yerma in Cilla Backs Inszenierung in den Bochumer Kammerspielen. Sie spielt sie als Getriebene, immer in Bewegung, und wenn es nur ihre Augen sind, die sich vor Wut mit Tränen füllen. Ihren Mann Juan, der ihr kein Kind zeugt, bedrängt sie nicht nur mit bohrenden Fragen, sondern auch mit feurigen Flamenco-Schritten. Rollt sie Teig, hat ihr Rollen eine Wucht, als könne sie so ihren unbefruchteten Körper kleinkriegen. Das ist so zwanghaft neurotisch wie ein permanentes Waschen, das Hände nicht mehr sauber, sondern blutig reibt. Jeder ihrer (Tanz-)Schritte ist eine Aufforderung, jeder Blick ein Verlangen.

Körper-Komposition
Mit Cilla Back setzen die Bochumer ihre Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern fort. Das Theater der finnischen Regisseurin ist ein extrem körperliches, jede Bewegung ist choreografiert. Die Begegnung von Yerma und dem Schafhirten Victor zum Beispiel wird zum Liebestanz beim rhythmischen Wäschewringen. Die Körper-Komposition hat mitunter aber auch etwas Komisch-Statisches. Wenn die beiden Schwägerinnen in schwarzen Ganzkörperkutten, die Juan als Aufpasser für seine Frau ins Haus geholt hat, im Gleichschritt um den Tisch tänzeln, ihn heben und senken, dann werden entfernt vielleicht gesellschaftliche Zwänge und religiöse Rituale angedeutet. Vor allem aber sieht das lächerlich aus.

Und wenn Juan (Werner Strenger) betont die Arme über dem Kopf kreuzt, demonstriert das allenfalls unbeholfene Verkrampftheit. Anders als bei Yerma fehlt die Motivation zur Körperlichkeit. Da wird Gefühl in Geste übersetzt, aber ohne Notwendigkeit. Ohne den Drang zur Form, der bei Yerma aus dem Inneren erwächst. So ist die präzise Choreografie gleichzeitig Stärke und Schwäche der Inszenierung. Bei den Nebenrollen wirkt sie abkühlend, wo doch Leidenschaft gefordert ist. Bei Yerma intensiviert sie Verzweiflung zur Obsession. Da liefert Cilla Back die Seelenschau einer krankhaft Sehnsüchtigen.

Die Brachliegende
Die Regisseurin hält sich an den Text. Dass Kinderlosigkeit 1934, als das Stück in Spanien uraufgeführt wurde, noch eine andere Bedeutung hatte, ist für die Regie kein großes Thema. Im Gegenteil, sie nimmt Yermas Leiden als ein grundsätzliches ernst. Ihr Begehren ist das nach einem eigenen Kind. Es könnte auch jedes andere Begehren sein.

yerma-01 560 diana kuester uBettina Engelhardt als Yerma © Diana KüsterDie Bühne ist der Übersetzung von "Yerma" als "Brachliegende" entsprechend in ödem Ocker gehalten. Aus Holzstämmen hat der Architekt und bildende Künstler Csörsz Khell eine Regenauffangstation konstruiert; Wasser als Sinnbild für die Fruchtbarkeit. Ein überdimensionaler Fächer hängt als Dach über Yermas und Juans Wohnung. Spanien ist angedeutet, auch in den Kostümen. Aber Hitze strömt von dieser Bühne nicht aus. Da kann der Chor der Waschweiber (gespielt von Statistinnen) noch so verschwörerisch summen.

Gläubige und Teuflin
Back will Lorcas rauschhaften Dämon beschwören. Den Dämon, der die Kunst antreibt, wie im Programmheft nachzulesen ist. Mit Bettina Engelhardt gelingt ihr das auch. Ihre Yerma begibt sich in die Hände der Hexe, weil sie selbst von magischen Mächten durchdrungen ist. Der lebensfrohen Maria Friederike Bechts begegnet sie gebückt und misstrauisch beobachtend. Der ungläubigen Alten (Ute Zehlen) mit stolz erhobenem Haupt. Sie ist Gläubige und Teuflin, und vor allem immer anders als die anderen. Mit den episodenartigen Szenen wird die Figur mehr und mehr aufgefüllt, bis auch der Mord an Juan bloß noch notwendige Umsetzung einer größeren Kraft ist.

Während der Rest der Inszenierung am Formalen scheitert und archaisches Denken ausstellt, zieht Bettina Engelhardt ihre Stärke daraus. Choreografierte Bewegung ist bei ihrer Yerma Körper- und Seelenkampf. Und das macht sie sehenswert.

Yerma
von Federico García Lorca
deutsch von Susanne Lange
Regie und Choreografie: Cilla Back, Bühne: Csörsz Khell, Kostüme: Cilla Back, Dramaturgie: Sabine Reich.
Mit: Bettina Engelhardt, Werner Strenger, Daniel Stock, Veronika Nickl, Friederike Becht, Ute Zehlen.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Cilla Back achte "darauf, keine Befragung der Ehr- und Gesellschaftsbegriffe vorzunehmen – beides sind hier noch Synonyme", meint Edda Breski im Westfälischen Anzeiger (16.4.2012). "Sie filtert Kernfragen: Was wünsche ich? Wie steht mein Wunsch in Beziehung zu meinem Leben, was geschieht, wenn er sich nicht erfüllt?" Und Cilla Back spüre "dem Schmerz nach. Trommeln und Klagegesänge begleiten Yerma. Das Stück bleibt kein Bilderbogen; das liegt auch an Bettina Engelhardt. Sie spielt die Yerma mit einer Härte, die immer schmerzhafter wird, je länger man ihr zusieht. Ihre Unterwürfigkeitsgesten, ihr Bitten um Mitgefühl – alles ist Starre und Angst."

Cilla Back richte "ihre Inszenierung ganz auf Yerma aus. Das Geschehen auf der Bühne ist ein Kreuzweg durch die Stationen ihres Leidens", schreibt Max Florian Kühlem in den Ruhrnachrichten (16.4.2012). Bettina Engelhardt zeige "ein ungemein intensives, körperliches Spiel. In jeder Sekunde ist ihr anzumerken, wie ihr Begehren sie verzehrt, innerlich zerreißt." Doch auch die anderen Frauenfiguren seien stark: "Ute Zehlen als zynische, ungläubige Alte, Friederike Becht als junge, schwangere Maria, das blühende Leben, dem Yerma nur mit Neid begegnen kann."

 
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