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Da ist nichts

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 14. April 2012. Vielleicht ist die Paarbeziehung ja das falsche Konzept – wie der Kapitalismus, die katholische Kirche, die CDU und der Adel. Vielleicht ist es ein Irrtum, zu glauben, ein einzelner, bestimmter Mensch könne uns – möglichst ein Leben lang! – glücklich machen. In einen Rausch versetzen, auf den keine Ernüchterung, kein Kater folgt. Wenn man dieser These nachgeht, dann entpuppen sich all die Herkulesarbeiten am eigenen Profil, wie sie sich auf "Facebook" und allen möglichen Partnerschafts-Börsen abspielen, als vergebliche Liebesmüh. Aber soweit sind wir noch nicht. Noch sind wir auf der Suche nach dem Wunschpartner, der uns von den Augen abliest, wer wir eigentlich sind und was wir wirklich brauchen. Der uns nicht etwa bei uns selbst sein lässt (denn "da ist nichts"), sondern uns in der Symbiose erlöst. Der für uns entscheidet, in welcher Phase unseres Lebens wir vielleicht ein Kind haben möchten, und mit dem wir, wenn Probleme auftauchen und falls wir privat versichert sind, zum Paartherapeuten pilgern können, damit der ein paar Reparaturen an uns vornimmt und unsere Beziehung wieder in Schwung bringt.

Im permanenten Beziehungsgespräch
Der Autor und Regisseur Falk Richter und die niederländische Choreografin Anouk van Dijk haben mit einem gemischten Ensemble von zwölf Tänzern und Schauspielern einen Abend erarbeitet, der solche Fragen in zugespitzter und oft parodistischer Form thematisiert. Fragen, wie sie sich in einer jungen Beziehung heute, in einer Welt der Dauer-Evaluierung, eben stellen: Warum wir "normativ unzufrieden" sind; ob wir die Liebe unseres Lebens bereits gefunden haben oder ob "noch was Besseres kommt"; warum zum Teufel wir die attraktivsten Aspekte unserer Persönlichkeit bei "Facebook" ins Schaufenster stellen, während die traurigeren, die Ängste und die Abgründe, der "Offline-Welt" vorbehalten sind. Die Bühne (Katrin Hoffmann), komplett in Schwarz, besteht nur aus einigen Sitzgarnituren, Türmen und vor allem Batterien von Scheinwerfern. Die Tänzer werfen sich zur lauten elektronischen Musik von Ben Frost (über achtzig Dezibel, wurde schon im Foyer gewarnt) mit Schwung und Geschmeidigkeit auf die Möbel, tauchen auf den Boden oder halten sich mit knapper Not an jemandem fest, der auf der Spitze einer Leiter sitzt. Und die schönen jungen Liebenden, gespielt von Lea Draeger und Aleksandar Radenkovic, versuchen im permanenten "Beziehungsgespräch" zu klären, was ihnen zu ihrem Glück fehlt.

rausch 005 560 draegerensemble sebastianhoppe uIm Ich- oder Wir-Rausch © Sebastian HoppeNeu: die Dynamik der Finanzkrise
Manche der Motive dieses Abends, etwa die Problematik der Paartherapierung, tauchten, ebenfalls in satirischer Zuspitzung, schon vor drei Jahrzehnten bei Botho Strauß auf, in "Kalldewey Farce". Auch Pina Bausch hat natürlich mit ähnlichen Fragestellungen und Methoden gearbeitet. Neu ist die Dynamik der Finanzkrise, die auch die Stress-Symptome der Liebe neu zu beleuchten scheint. "Wir wollen die Krise, uns ist langweilig!" heißt es in einem provokanten Zwischenruf von Alem Grabovac. Und in den Zeltlagern von "Occupy" macht man natürlich auch mit der Sexualität interessante Erfahrungen – wenn man Glück hat, ist es dann nicht nur das Pfefferspray, das einem Tränen in die Augen treibt. Die "Politisierung", nach Jahrzehnten des Rückzugs ins Private, vermag das Leben womöglich zu dynamisieren. Zunächst aber ist und bleibt "Facebook" der kompletteste, der bündigste, der perfekte Ausdruck des narzisstischen Zeitalters, in dem wir leben. Das haben Falk Richter und Anouk van Dijk richtig erkannt, und nicht zuletzt ist "Rausch" ein Theaterabend über soziale Netzwerke und darüber, wie sie unser Liebesleben verändern, verschönern oder zerstören.

Rausch
Ein Projekt von Falk Richter und Anouk van Dijk
Text von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Anouk van Dijk, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Ben Frost, Choreografie: Anouk van Dijk, Falk Richter, Licht: Carsten Sander, Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit: Peter Cseri, Lea Draeger, Cédric Eeckhout, Birgit Gunzl, Philipp Fricke, Angie Lau, Gregor Löbel, Steven Michel, Aleksandar Radenković, Jorijn Vriesendorp, Thomas Wodianka, Nina Wollny.
Düsseldorfer Schauspielhaus in einer Koproduktion mit anoukvandijk dance company

duesseldorfer-schauspielhaus.de
www.anoukvandijk.nl


Mehr Phänomene unserer Zeit haben Falk Richter und Anouk van Dijk in ihren bisherigen Zusammenarbeiten Trust und Protect me an der Berliner Schaubühne analysiert; in Düsseldorf, wo Richter seit der Spielzeit 2011/12 Hausregisseur ist, gab er seinen Einstand mit Karte und Gebiet nach Michel Houellebecq.


Kritikenrundschau

Richter und van Dijk haben eine "politisch-poetische Kollage aus Text, Musik und Tanz" entworfen, schreibt Annette Bosetti für die Rheinische Post (16.4.2012). Untersucht würden die "Unerträglichkeit des Seins in Zeiten von Netzpräsenz" und die "dissonanten Momente" der Gegenwart: "Realitätsverlust, Verunsicherung, Wahrnehmungsstörungen, Panik und Ohnmachtsgefühl". Van Dijk pflege in ihren Choreographien die "Countertechnik: Immer setzt sie zur Kraft die Gegenkraft, ihre Tänzer zeigen ein Ganzkörperzittern, Breakdance, moderne Pas de Deux." Das Lob der Kritikerin für den "anregenden, ästhetisch wertvollen Theaterabend" wird seinem Inhalt angemessen in eine Facebook-Metapher gekleidet: "Es ist damit zu rechnen, dass ‚Rausch' im Düsseldorfer Schauspielhaus vielfach gepostet wird, gerade bei jungen Leuten."

Als jung, "laut und wild" lobt Sema Kouschkerian in der Westdeutschen Zeitung (16.4.2012) die Inszenierung und insbesondere die "packenden" Choreographien von Anouk van Dijk. Das Stück "kreist effektvoll und mit viel Humor um die komplexen Angelegenheiten der Gegenwart". Es beleuchte die "Kommunikationsmechanismen unserer Zeit" und ein ganzes Spektrum von "große(n) Themen": "Social Media, Liebe, Kapitalismus, Politik". "Nur stellenweise schwächelt die rasante Inszenierung, etwa wenn die Kritik am Internet ins Moralisierende abdriftet oder die Brisanz der Finanzkrise im Weltverbessererpalaver verwässert."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.4.2012) macht sich Tanzkritikerin Wiebke Hüster über die "Anouk-van-Dijk-Tanzerei" und sich selbst lustig: noch die banalsten Falk Richter-Sätze fänden Tanzkritiker normalerweise ja "sexy", die "zwar naturgemäß das Bauchgeschliddere und An-die-Wand-Gepralle" sofort durchschauten, aber doch "durch Schaupielerhandwerk immer leicht zu bezaubern" seien. Diesmal aber nich'! Denn alles, was Richter den "großartigen jungen Schauspielern" in den Mund lege, sei doch alles längst bekannt. Lea Draeger, Aleksandar Radenkovič und Thomas Wodianka seien "fabelhaft, wie sie sich "künstlich echauffieren beim Ausstellen eines wie aus der Zeitung abgeschriebenen Texts". Ansonsten bediene sich die Inszenierung bei Forsythe, Sidi Larbi Cherkaouis und Damien Jalet und Hüster fragt: "Ist das ein Theater, das sich in der eben gerade abgeschlossenen Gegenwart bedient, ihren Zeitungen, Zeltlagern und Choreographien, um ein aus geklauten Zitaten und ungekennzeichneten Kopien gefertigtes 'Boah ey, so geht's zu'-Theater vorzuspielen?"

"Lose Linkliste" ist Vasco Boenischs Kritik in der Süddeutschen Zeitung (19.4.2012) überschrieben, der den Abend für weniger berauschend als für ein Rauschen hält. "Ein schweißtreibendes Nebeneinander von sattsam bekannten Themen und Thesen, das nur ab und zu von bestechenden Pointen durchbrochen wird." Rausch als Sehnsucht, als Ausbruch aus genormten Leben und gelabelten Normen, bleibe eine vage Klammer für szenische Versatzstücke, die schon vorherige Arbeiten der beiden Künstler bestimmt habe.

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