altIch kotze, also bin ich?

von André Mumot

Hannover, 14. April 2012. Ist es wirklich schon fast zwanzig Jahre alt, das deutsche Popliteratur-Phänomen mit seiner fluffig verzweifelten Musik- und Marken- und Party- und Pubertätsprosa? Christian Krachts "Faserland"-Roman von 1995, das kann man dem Programmheft entnehmen, wird jedenfalls ab dem nächstem Schuljahr zum Abiturstoff erhoben. Verwundert auch nicht, schließlich ist das Buch im Grunde streng moralisch und warnt vor der existentiellen Leere des ewigen Feierns. Es ekelt sich.

faserland 280h birgithupfeld uFluffige Selbstmordgewässer   © Birgit HupfeldBekanntlich hat Kracht, der spitzzüngige Feingeist, seit damals nicht aufgehört, wunderlich elitäre Weltfluchtgeschichten zu schreiben, und seine neueste bringt ihm zurzeit den Ruf ein, rassistische Herrenmentalität auszudünsten. Das Schauspiel Hannover kann nur froh sein um diesen Rummel, denn so fällt auch ein gutes Stück Aufmerksamkeit auf die "Faserland"-Uraufführung.

Redefluß durch Deutschland

Regisseur Robert Lehniger jedenfalls scheint ein echter Fan des Romans zu sein, denn er lässt ihn mit beachtlicher Ausdauer vom Ensemble gut zwei Stunden lang rezitieren. Hierfür stehen die fünf Darsteller (Lisa Arnold, Dominik Maringer, Oscar Olivo, Sandro Tajouri und Martin Vischer) auf einer hoch aufgebockten Bühne und teilen den gewaltigen Redefluss des Ich-Erzählers untereinander auf. In den einzelnen Passagen der großen Deutschlandreise, die den verbittert benebelten Helden von Sylt bis zum Bodensee führt und schließlich zur Rettung über die Schweizer Grenze, wechseln sie einander ab, fallen sich aber auch gelegentlich ins Wort oder spielen kurz ein Gegenüber: einige unbedeutende Frauen, mit den pro forma geflirtet wird, und einige männliche Freunde, mit denen man nicht flirten kann, die den Protagonisten aber umso unglücklicher machen, weil sie harte Drogen nehmen und Sex haben und so verkommen sind wie der ganze schreckliche Rest des desolaten Westdeutschlands.

Währenddessen ist hinter den Darstellern ein veritables Roadmovie als große Projektion voller Sonnenauf- und Untergänge, Flughäfen und Dünen zu sehen. Die Schauspieler haben die Stationen des Romans im Vorfeld persönlich bereist und können sich so immer mal wieder mit sich selbst unterhalten. An der Rampe stehen sie und fahren gleichzeitig in einem Taxi durch Frankfurt oder kommen in ein Hotelzimmer oder sitzen im Bord-Treff des Interregio. Auf der Bühne selbst hantieren sie mit Hunderten von Volvic-Wasserflaschen, deren Kästen sie zu Requisiten umstellen und deren Inhalte sie in zunehmend manischer Manier auf den Bühnenboden und in einen kleinen Pool kippen, der dann als Badewanne dient, als Selbstmordgewässer, als Schweizer Bergsee.

Selbstgefällige Rituale

Sie übergeben sich auch immer wieder recht herzhaft. Nicht wirklich allerdings. Die Flaschen werden eben bloß mit den entsprechenden Gesten und Würggeräuschen entleert. Und dann wird gelacht. Als gäbe es keinen Grund zur Sorge. Erbrochenes, das eigentlich bloß Wasser ohne Kohlensäure ist, scheint den Kracht'schen Ästhetizismus ganz gut zu treffen, ebenso wie die blauen Hemden, die beigefarbenen Hosen, die weißen Schuhe. Aber doch stimmt die Attitüde nicht.

faserland1 560 birgithupfeld uKrachend gesund: die Kracht-Darsteller in Hannover   © Birgit Hupfeld

Die fünf Darsteller bewegen sich mit munterer Gesundheit durch die mäandernden Texte, sie sind sympathisch, locker, natürlich. Sie erzählen ihre Anekdoten in aufgeräumter Weise, und kaum je hat man das Gefühl, dass sie auf dieser Reise durch die Drogenpartys und die selbst gewählte Einsamkeit ernsthaften Schaden nehmen könnten. Der überempfindliche Snobismus von Krachts Ich-Erzähler, sein distinguiertes Angewidertsein, seine Mischung aus dünkelhafter Unberührbarkeit und verhärmter Sentimentalität, seine verkrampfte Verschrecktheit sind auf der Bühne nicht zu sehen.

Zum Glück (und zur Aufführungsrettung) taucht zwischen den Stationen der Schülerchor eines Hannoveraner Gymnasiums auf – noch sehr junge Teenager in leuchtend bunten Kapuzenpullis, die von hinten unter das Podest treten, auf dem die erwachsenen Darsteller ihre selbstgefälligen Rituale aufführen.

Schmerzhafter Punkt

Hier unten beginnen sie, in glockenheller Eindringlichkeit, klug gewählte Lieder von Tomte, Blumfeld, Tocotronic anzustimmen: "Es war eine Mischung aus Angst und Bier, die dich trieb, weiterzugehen", singen sie, "an die Plätze, die Menschen in unserem Alter vermeiden, um dort nicht zu verglühen."

Dann setzen sich die Jugendlichen, die schlacksig sind und ungekünstelt und manchmal kurz kichern müssen, in die erste Reihe und lassen sich das Elend zeigen. Schließlich treten sie auch auf die Bühne, wo sie die Schauspieler berühren, an ihren Kleidungsstücken zupfen, als wollten sie sie aufwecken, als wollten sie sie zurückholen in den Zustand der Unverdorbenheit. Dieser Abend, der den immer noch sehr schönen Kracht-Text verwässert und verharmlost und manchmal langweilig klingen lässt, findet hier den schmerzhaften Punkt, an dem die Reise beginnt, die aus der Jugend hinausführt.

Aus Kindern werden Leute, klar. Aber müssen es solche Leute werden, kotzende, grinsende, einsame, unglückliche Leute? Wie lächerlich das ist, wenn man es aus diesen Augen sieht. Aber alles hat seine Zeit, nach wie vor: auch die Popneurosen, auch die Flucht. Oder wie es der Chor an diesem Abend so abgeklärt singt: "Im Zweifel für den Zweifel. Und für die Pubertät."

 

Faserland
von Christian Kracht
Regie: Robert Lehniger, Bühne und Kostüme: Irene Ip, Video: Bert Zander, Dramaturgie: Vivica Bocks.
Mit: Sandro Tajouri, Lisa Arnold, Martin Vischer, Oscar Olivo, Dominik Maringer und dem Kleinen Schulchor der Tellkampfschule unter Leitung von Eiko Saathoff.

www.schauspielhannover.de


Mehr Christian Kracht auf deutschsprachigen Bühnen? Im Sommer 2011 exozierte Armin Petras am Stuttgarter Staatsschauspiel Krachts Totalitarismus-Farce Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten.

 

Kritikenrundschau

Eine "rundum gelungene, sehr genau ausbalancierte Bühnenfassung" hat Elske Brault für Deutschlandradio Kultur (14.4.2012) gesehen. Regisseur Robert Lehniger führe Christian Krachts in "Faserland" beschriebene Reise "auf geniale Weise in die Gegenwart fort". Es habe dabei "seine ganz eigene Berechtigung, dass die Tocotronic-Texte in der Kinderchor-Fassung so kitschig wirken wie Schlager von Andrea Berg. Oben auf der Bühne, auf der Bewusstseinsebene, diskutieren die fünf Krachts mega-cool den besten Hemdenschneider oder die soziale Signalwirkung der Zigarettenmarke. Alles, was aus dem Unterbewussten hochblubbert, lässt sich als schlechter Stil brandmarken, als Kitsch belächeln und abtun. Aber es bricht sich eben immer wieder Bahn."

"Martin Vischer spielt den Erzähler zu Beginn – und das macht er großartig", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen (16.4.2012). "Ihm gelingt eine erstaunliche und sehr angemessene Verbindung von Arroganz und Humor, er wirkt kränkelnd und doch stark, gegen alles imprägniert und doch verwundet. Er hätte diese Rolle auch den ganzen Abend lang durchhalten können. Es wäre ein Wagnis gewesen. Die Aufteilung des Erzählers auf fünf Figuren dagegen wirkt wie ein Kompromiss (...). Sie ist auch falsch: Denn so aufgesplittert wie hier behauptet, ist das erzählende Ich des Romans eigentlich gar nicht." Letztlich sei die Hannoveraner Bühnenfassung "ein großer K(r)ampf": Kracht "müsste man sanfter, intelligenter und auch tiefer zu fassen bekommen."

Krachts Roman sei "eine Kopfgeburt der neunziger Jahre", schreibt ein Nicole Korzonnek in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.4.2012). Doch davon, dass sich "die Welt inzwischen weitergedreht" habe, sei in Robert Lehnigers Inszenierung nicht viel zu sehen. In der eingekürzten Bühnenfassung würden sich "die Ich-Erzähler mit ihren Plappereien nicht nur abwechseln, sondern sich auch mal ganz gern gegenseitig ins Wort fallen, kommentieren und ergänzen". Ansonsten werde viel mit Wasser hantiert, und "ausgerechnet bei der Schlüsselstelle des Romans, wenn der Erzähler nämlich endlich mal seine lakonische Konsummaske fallen lässt und sein verlorenes Inneres zeigt, springen die anderen um ihn herum und veranstalten eine fast schon rituell zelebrierte Wasserschlacht". Fazit: Wo "Kracht Oberfläche vortäuscht und Tiefgang versteckt, verhält es sich bei Lehniger genau andersherum: Er tut so tiefgründig und kreativ, dümpelt dabei aber seicht an der Oberfläche herum und ertränkt jede Form von Subtilität in lauter Wasserschwall".

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (18.4.2012): Was so nerve an Christian Krachts "Faserland" sei die "Manier, die ganze Welt mit Stilkriterien zu beurteilen", eine Form der "anteilslosen Abschätzigkeit" der Krachts Buch "ein Denkmal gesetzt" habe. Die "vernichtenden Urteile", die Krachts Romanheld andauernd fälle, seien vor allem "Geschmacksekel". Nun wäre es, schreibt Briegleb, angesichts "blendend aussehender Diktatoren-Gattinnen, die in Paris shoppen gehen, während ihre Männer mit schwerer Artillerie auf das eigene Volk schießen lassen", ja vielleicht möglich, "Faserland" einmal "daraufhin abzuklopfen, wo der gute Stil nur eine soziale Brutalität tarnt". Doch Regisseur Lehniger sei "leider total fasziniert von dem Buch". Und ließen schon die Videoaufnahmen für die Inszenierung wenig andere Empfindungen zu als: "Die Welt ist schön!", so zeuge auch die übrige "freundliche Darreichung" von einer "naiven Begeisterung für sorglose Jugend mit verrückten Partyerlebnissen".

 
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