altMit dem scharfen Schwert der Freiheitsstatue

von Christoph Fellmann

Zürich, 18. April 2012. Von allen Antworten, die bisher auf den "Kulturinfarkt" gegeben wurden, ist dies die frohsinnigste. Sollen die vier Autoren dieses Buches ruhig die Schließung jeder zweiten Bühne fordern: Das Schauspielhaus in Zürich reagiert darauf, indem es seinen Regisseuren nicht eine Bühne, nein zwei Bühnen hinstellt. Ha! Anlass für den gesteigerten Kulissenbau ist: Frank Castorf kam in den Schiffbau, um "Amerika" zu spielen, angereichert durch Einträge aus den Tagebüchern von Franz Kafka.

Auf in die Rettungsboote

Und nach drei Viertelstunden, in denen das Publikum im Innenhof rund um eine Bühne platziert ist, die tut, als sei sie ein Schiffdeck, wechselt es für die restlichen vier Stunden in die Halle. Und dort steht ein noch viel aufwendigerer Aufbau, eine Stahlkonstruktion nämlich, die nun tut, als sei sie Amerika. Sprich: eine Industrie-, Vergnügungs- und Verkehrsruine in einem. Aber sowas von abgefuckt. Zu später Stunde tropft echtes Bier aus dem fahrenden Hotdog-Stand!

An Deck: Matthias Horn Auf Deck: Patrick Güldenberg, Margit Bendokat, Marc Hosemann © Matthias HornAuf der ersten Bühne, dem Schiff ("S.S. America", you name it), spielen also die ersten Szenen dieses Romanfragments von Franz Kafka, das 1957 am nämlichen Haus für die Bühne erschlossen worden ist. Die Figuren rennen über Deck, als checkten sie auf der Arche Noah ein, und verschieben Rettungsboote. Warum ist egal. Was aber gesichert ist: "Als der sechzehnjährige Karl Rossmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte."

Viel Selbsterkenntnis, viel Selbstverstümmelung

So heißt es bei Kafka, und das Schwert, das an seiner Freiheitsstatue die Fackel ersetzt, wird noch wichtig werden: Amerika ist nämlich nicht nur gut für Glück, sondern auch für Selbstmordversuche und Selbstverstümmelungen mit scharfer Klinge. Castorf zitiert hier "Eine glatte Million" von Nathanael West, den wohl grausamsten und komischsten Roman über den amerikanischen Traum schlechthin: Lemuel Pitkin, dessen Held, wird auf seiner Jagd nach Geld und Glück die eine Gliedmasse nach der anderen abgetrennt. amerika4 280q matthias horn uUnd in Kabinen © Matthias Horn

Karl Rossmann, der Held dieses Theaterabends, sucht das in einem seltenen Moment der Selbsterkenntnis gleich selber zu erledigen. Amerikastreber, der er ist. Da befinden wir uns schon in der Halle und auf der zweiten Bühne, und ein Kamerateam holt die Szene auf die Grossleinwand – pardon, natürlich auf die zwei Grossleinwände. Gespielt und geschrien auf der Hinterbank eines alten VW-Busses, ist sie nur für die wenigsten Zuschauer direkt einsehbar.

Bunte Revue in Ruinen

Ja, Amerika ist groß. Das Publikum reiht sich folglich der Länge der Halle nach auf und reckt die Hälse nach der Handlung. Das leuchtet insofern ein, als Franz Kafka seinen Roman ursprünglich "Der Verschollene" nennen wollte: Karl Rossmann und seine Mitspieler verschwinden im Dunkel, im Souterrain oder halt in einem der hüttenähnlichen Verschläge, die auf der Bühne rumlottern. Und der Zuschauer, der seinen Blick auch mal von der Leinwand löst, darf sein Auge oft minutenlang über die pittoreske Bühne gleiten lassen, ohne dass irgendein Schauspiel ihn davon ablenken würde.

Natürlich, das alles gilt ebenso für den Kontinent, den dieser Karl Rossmann erkundet: Amerika ist weit, es macht seine Bewohner unsichtbar und also kamerageil. "Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann!": So lockt das Land am Ende auch nochmals Karl Rossmann zur Revue, den eigentlich bereits gescheiterten Immigranten.

Das Konzept ist also plausibel, aber die Realität dieses Abends ist eine andere: Castorf bietet zwar interessante Ansätze, zum Beispiel in all den Figuren, die ihre Identität, Ethnie und Herkunft frei nach dem amerikanischen Traum variieren: Du kannst sein, was immer du willst. Und das wäre ja auch eine Kernkompetenz des Theaters. Dieses "Amerika" aber, es will viel Bühne sein, recht viel Filmbeam, und sehr wenig Theater.

Amerika
nach Franz Kafka
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denic, Kostüme: Adriana Braga, Video: Andreas Deinert, Licht: Frank Bittermann, Musik: Bojan Krstic Orkestar, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Marc Hosemann, Robert Hunger-Bühler, Margit Bendokat, Gottfried Breitfuss, Siggi Schwientek, Lilith Stangenberg, Sean McDonagh, Patrick Güldenberg, Irina Kastrinidis.

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite von Deutschlandradio findet sich Roger Cahns Beitrag aus "Fazit" vom Premierenabend (18.4.2012): Die fast fünf Stunden erscheinen dem Kritiker als erschöpfend. Zum "faszinierenden letzten Kapitel" von Kafkas Roman sei Castorf ohnehin nur noch eingefallen, das Bojan Krstic Orkester, angeführt von Irina Kastrinidis "durch die lange Halle" treppauf, treppab zu hetzen, "verfolgt" von der "emsigen Filmcrew". Dabei hätte alles "vielversprechend begonnen", mit Castorf "genialem dramaturgischen Ansatz" das Ensemble in verschiedenen Rollen in New York einlaufen zu lassen. Auch der Eintritt in die "riesige Halle" mit der "spektakulären Dock-Landschaft" habe "Erwartungen" geweckt. Die seien jedoch je länger "desto stärker enttäuscht" worden. Das Spektakel habe sich zum Klamauk anstatt zum Theater entwickelt. Fazit: Castorf habe seinen Zenit überschritten. "Die Zeit zum Aufhören wäre gekommen."

"Frank Castorfs Bühnen-Amerika ist halb qualmende Hotdog-Bude, halb kapitalistische Geisterbahn und ermöglicht, vielmehr: erzwingt rasende Auf- und Abtritte, forcierte Läufe quer über die Bühne", so Cornelia Ueding auf DLF Fazit (19.4.2012). Alles von Beginn an befeuert von der serbischen Blechbläser-Band Bojan Krstic Orkestar, das die Worte und Bilder nicht nur begleite, sondern antreibe und mit Emotionen fülle. "Im Vergleich dazu überzeugen Castorfs zappelnde, hampelnde, knirschende, schnarrende Regiebemühungen eher seltener." Wer sich für eine etwas langatmige, zerdehnte, politisch aufgestockte Comic-Version von Kafkas Amerika interessiere – und wer, nicht zu vergessen: fantastische Balkan-Blasmusik liebt, dem kann dieser Abend durchaus empfohlen werden, so Ueding.

"Das gewohnte Castorf-Cabaret. Die übliche rebellische Berliner-Volksbühne-Folklore: Amerika ist ein weites Feld. Es bietet Andockmöglichkeiten für allerhand Assoziationen und Abschweifungen, Clownerien und Kalauer, der billigeren oder der kostbareren Sorte", schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (20.4.2012) Andreas Klaeui, für den der Abend insgesamt "ernüchternd bescheidenen assoziativen Erkenntnisgewinn" und "triste Dekonstruktions-Routine" hat. Einen wundersamen Moment gebe es, wenn Rossmann im Bett statt auf einem Kopfkissen auf der Schreibmaschine liege, "wie im Traumrausch fallen ihm die Sätze zu, die er dann mit dem Schädel direkt in die Tasten tippt". Da verdichte sich in einer hinreissenden Bühnenmetapher der ganze Kafka und sein nächtiges Schreiben. "Ein schönes Bild, teuer erkauft mit langen, spannungslosen Wartestunden." Fazit: "Rar sind die Strecken, wo sich auf der Bühne dramaturgisch Zug entwickelt; über die längste Zeit bleibt es ohne Motivierung und, auch technisch, im hilflos Ungefähren. Fabelhafte Schauspieler helfen da nichts."

Gerhard Stadelmaier (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.4.2012) reiste extra nach Zürich und lässt auch an dieser Castorf-Inszenierung kein gutes Haar - alles Andere wäre allerdings auch eine Sensation gewesen. Fazit: "Kafka schickt seinen Karl auf eine empfindsame Entdeckungsreise in die Schrecken der Existenz: ein Jugenddrama in Romanfragmentform. Castorf schickt den Karl als Schießbudenfigur auf den Jahrmarkt: eine Beschaffungsmaßnahme für die alten Geisterbahnfahrgeschäfte der Volksbühne. Es herrscht eine Bombenstimmung, auch wenn am Ende vor lauter Erschöpfung, Blasmusik und Video-Chaos keiner mehr weiß, wo die Bomben noch hochgehen sollen."

Am Ende sei klar, so Simone Meier in der Süddeutschen Zeitung (21.4.2012), "weder Franz Kafkas Emigrant Karl Rossmann noch Frank Castorfs Abend werden sich aus dem Sumpf, in den sie sich geritten haben, wieder erheben". Davor aber habe es guten Grund zur Hoffnung gegeben. "Es funkelten da ein paar glitzrige Spurenelemente von Castorfs alter Genialität durch die Spielstätte in der Schiffbauhalle."Die Bühne beschreibt Meier als "erhaben und bezaubernd", und die "Frickeleien des Ensembles" seien eineinhalb Stunden lang auch richtig angenehm. "Hübsch verspielt" gehe es hier um "den amerikanischen Traum, der in Kafkas Wirklichkeit ein Spiel ist, das jeder verliert". "Doch dann kommt das letzte Drittel – und wie das erste hätte man dieses einfach streichen können."

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