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Auf dem Todesstern

von Falk Schreiber

Hamburg, 21. April 2012. Was für ein Einstieg. Das Volk tobt, Gitarre und Sampler dröhnen, die Revolutionäre stolpern über die Drehbühne, ackern, prügeln, wärmen sich am offenen Feuer. Und im Hintergrund rotiert eine mehrere Meter hohe Bühnenskulptur, eine Mischung aus Klettergerüst, Todesstern und Firmenlogo (Bühne: Florian Lösche). Minutenlang geht das so, und als endlich die ersten Worte mehr gestammelt als gesprochen werden, hat man kapiert: Wenn Jette Steckel am Hamburger Thalia Büchners "Dantons Tod" inszeniert, wird einem nichts geschenkt. Weder den Zuschauern noch den Darstellern – noch bevor das Stück richtig begonnen hat, schwirrt den einen schon der Kopf und sind die anderen schweißgebadet.

Schnell, hart, laut

Steckel gelingen immer wieder solche starken Bilder: Die Gerichtsverhandlung etwa zeigt sie als Schlagzeugduell zwischen Danton (Jörg Pohl) und Robespierre (Daniel Lommatzsch), die Liebesszene zwischen Danton und Marion (Karin Neuhäuser) als Groteske. Und ohne Unterbrechung rast dazu die Drehbühne, ohne Unterbrechung wirft diese großartige Skulptur immer wieder neue, unerwartete Schatten, ohne Unterbrechung legen Matthias Grübel und Jonas Landerschier einen ohrenbetäubenden Klangteppich zwischen Ambient und Rock über die Szenen. Starke Bilder, die die Inszenierung damit erkauft, dass sie von Anfang bis Ende fast ausschließlich auf Lautstärke und hohes Tempo baut.

Man sitzt mit offenem Mund da, ist begeistert von der Raffinesse, mit der die Regisseurin hier Bildertheater auf höchstem Niveau bastelt und übersieht dabei beinahe, dass dieses Niveau leise Töne konsequent untergehen lässt. Wenn Lommatzsch das erste Mal an die Rampe tritt, "Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen, ist Gnade; ihnen verzeihen, ist Barbarei" spricht und diese Rede voller "Äh", falscher Betonung und ins Nichts laufenden Sätzen ins Unverständlichste treibt, wenn Lommatzsch dazu schwitzt, die Brille knetet und sich den Kreidestaub von den Kleidern klopft, dann könnte man merken, dass dieser Robespierre ein überaus uncharismatischer Redner ist, ein verklemmter Intellektueller, der allen Grund hat, sich vor dem Populisten Danton zu fürchten. Man könnte diese sensible Figurenzeichnung aber auch ignorieren und auf die Bühne starren, gespannt, was der Todesstern bei seiner nächsten Umdrehung für eine Überraschung an Licht bringt: Seht nur, ein Schlagzeug! Seht nur, eine überlebensgroße Nackte!

danton1 280 armin smailovic h© Armin Smailovic

Zu kurz gedacht

Ein wenig läuft diese Inszenierung Gefahr, dass man begeistert ist von der Form, vom Szenenaufbau, auch schlicht von der handwerklichen Akkuratesse, mit der in wenigen Sekunden das Szenenbild verändert wird, bis die nimmermüde Bühne sich einmal um 180 Grad gedreht hat – und dabei den Inhalt aus dem Auge verliert. Es ist wie häufig bei Steckel: So radikal sie ein Stück formal an seine Grenzen führt, so desinteressiert ist sie an der inhaltlichen Ebene.

Im zweiten Akt spricht Camille (Mirco Kreibich) einen Fremdtext, es geht darum, dass die Landwirtschaft des Jahres 2012 problemlos in der Lage wäre, die Weltbevölkerung satt zu machen, "Ein Kind, das heute verhungert, wurde ermordet", Kapitalismuskritik auf kleinstem gemeinsamen Nenner mit dem Publikum. Weil direkt im Anschluss aber der Aufruf zur Aktion folgt, "Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: die erbärmliche Wirklichkeit!", muss man diesen Fremdtext lesen als Anregung dafür, dass der globalisierte Kapitalismus der Gegenwart auch mal wieder eine Revolution nötig hätte. Dass aber der Freiheitsbegriff, der in "Dantons Tod" hochgehalten wird, diesen Kapitalismus überhaupt erst möglich gemacht hat, so weit denkt Steckel nicht.

Keines Zweifels Blässe

Dafür zitiert das Programmheft eine Rede Slavoj Žižek vor New Yorker Occupy-Demonstranten. Žižek passt zu diesem "Dantons Tod": Der slowenische Philosoph ist cool, unverbindlich, irgendwie subversiv. Er packt aber die Probleme der Globalisierungskritik so wenig an wie die Inszenierung das Problem einer Freiheit anpackt, die ohne Gleichheit und Brüderlichkeit gedacht wird.

"Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte", klagt Danton gegen Ende, ein Fatalismus, der eigentlich jeden treffen müsste, der sich ernsthaft mit diesem Stoff auseinander setzt. Bei Steckel aber wirkt nichts zernichtet, an keiner Stelle ist ihr "Dantons Tod" angekränkelt vom Zweifel. Im Gegenteil, die Regie ist sich vom Einstieg bis zum Schlussmonolog Luciles (herzzerreißend: Lisa Hagmeister) vollkommen sicher in der Wahl ihrer Mittel. Diese Regisseurin weiß, was sie kann: viel. Weswegen sollte sie sich dessen schämen?

 

Dantons Tod
von Georg Büchner
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Matthias Grübel, Jonas Landerschier, Klangräume: Ronald Steckel, Licht: Paulus Vogt, Ton: Rewert Lindeburg, Nourdin Ghanem, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Jörg Pohl, Mirco Kreibich, André Szymanski, Thomas Niehaus, Daniel Lommatzsch, Karin Neuhäuser, Maja Schöne, Lisa Hagmeister, Axel Olsson

www.thalia-theater.de

 

Zuletzt besprachen wir Georg Büchners nach Protokollen des Pariser Nationalkonvents gearbeitetes Drama in der Version von Claus Peymann im Januar 2012 am Berliner Ensemble und in der von Sebastian Baumgarten im April 2010 am Berliner Maxim Gorki Theater.

 

Kritikenrundschau

Büchners "Dantons Tod" sei "ein Akt der Verzweiflung, am Menschen, am Dasein, an der Ungerechtigkeit der Welt. Und genau als solchen – düster, grimmig, verzweifelt – inszeniert das auch Jette Steckel", schreibt Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen (23.4.2012). Jette Steckel habe "für das Rauhe, Aufwühlende, Verführerische an Revolutionszeiten ein zentrales großartiges Bild gefunden: Zum Showdown, dem Prozess gegen Danton, schieben die beiden Männer je ein schwarzes Schlagzeug an die Rampe, setzen sich und beginnen ihr Rede- und Ideenduell. Zwei Gladiatoren unter Trommelfeuer." Die Inszenierung bleibe "in diesen Momenten, wie überhaupt an diesem wunderbar konzentrierten Abend, ganz nah bei Büchner und der Frage, warum Revolutionen so ablaufen müssen, warum der Mensch ist, wie er ist."

Stefan Grund kommt in der Welt (23.4.2012) auf "das geniale Bühnenbild von Florian Lösche" und auch die "starke Elektro-Livemusik" zu sprechen, ist aber letztlich der Ansicht, es handle sich bei Jette Steckels Inszenierung um "einen großen Fehlwurf". Jörg Pohl mühe sich "vergeblich, Danton darzustellen – was er spielt, changiert zwischen dem legendären Piraten Klaus Störtebeker, Büchners Leonce und dem Maler Vincent van Gogh im maoblauen Revolutionskittel. Unterm Strich ein Dritteldanton. Daniel Lommatzsch hingegen scheitert an Robespierre komplett." Steckels Versuch, "die klug gekürzte Textfassung mit eigenen Einschüben zu aktualisieren", gelinge hingegen "nur bedingt". Immerhin aber führe die Regie-Idee, "dass mit der Jugend die revolutionäre Ideenkraft ausläuft, zu starken Bildern".

Jette Steckel gelinge "etwas Erstaunliches", meint hingegen Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (23.4.2012): "Sie erfindet großartige Bilder, entwirft einen ohrenbetäubenden Klangteppich und lässt ihr hinreißendes Ensemble exzessiv spielen und herumturnen. Erklären will sie nichts. Die Welt ist in Aufruhr, in Bewegung. Dass es ein Oben und Unten gibt, ein Vor und Zurück, das wird hier optisch deutlich, nicht durch des Gedankens Blässe." Steckels Inszenierung diene "der Schrei als ohnmächtiger Protest. Es wird so viel zur Musik geschrien, dass man oft kein Wort versteht. Aber ging es uns nicht immer schon so mit 'Danton', dass wir das Stück nicht ganz verstanden haben?"

Büchners Drama "hätte einer starken, ordnenden Hand bedurft", sagt Elske Brault auf Deutschlandradio Kultur (22.4.2012). "Die Kräfte einfach fließen zu lassen, führt hier ins Chaos: Vor allem im zweiten Teil, wenn die Musik immer mehr überhand nimmt und Danton und Robespierre, statt einander musikalisch zu bekriegen, ihre Schlagzeugsoli zu einem höllisch lauten Konzert vereinen, während Jörg Pohl als Danton Büchners Text vergeblich dagegen an zu schreien und zu behaupten sucht." Wie hingegen das "Private ins Politische übergeht, vermag Jette Steckel nicht zu fassen." Und so sei dies in "der bisher ungebrochenen Erfolgsreihe der erst 30-jährigen Regisseurin ein erster schwächerer Abend".

"Philosophie wird hier Boxkampf, Debatte Dekor, Argument Akrobatik", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.4.2012) und findet das gar nicht komisch. "Dieses Sich-Verzetteln in Zeichen und Symbolen" präge den fast dreistündigen Abend "mit einer Zerfahrenheit", die durch die meterhohe Drehskulptur noch gesteigert werde. "Die Konsequenzen von Weltanschauung und männlicher Eitelkeit, also Büchners Stoff, verwandeln sich konsequent in die rein anschauliche Welt eines eitlen Theatersports."

Oranus Mahmoodi schreibt in der tageszeitungtaz (25.4.2012): die zentrale Bühnenskulptur stelle den Erdball dar, das Drama spiele darauf, der Äquator diene als zweite horizontale Bühne. Camille zähle die "Schandtaten des aktuellen Kapitalismus" auf. Steckel mache "deutlich": solange die "soziale Frage ungeklärt" bleibe, reproduziere sich "der Determinismus der Ungleichheit". Die einfachen Bürger der Straße inszeniere sie "klamaukig, mürrisch und wankelmütig". Sie könnten "das System stürzen, sie tun es nicht". Die "Lähmung und die Verdummung der Massen" mache "das Scheitern der Revolution" unausweichlich - der "Fatalismus der bürgerlichen Revolution". Die "Hure Marion" spreche aus, "was das ganze Stück durchtränkt: das Immergleiche der unerfüllten Hoffnungen."

"Jette Steckel liebt die Momente, da zwei Figuren einander argumentativ in die Enge treiben und einander, auf Augenhöhe, nicht mehr entkommen lassen", holt Peter Kümmel in einer seiner mittlerweile seltenen langen Kritiken aus (Die Zeit, 26.4.2012). "Das Denken selbst vermag dann die Bühne zu beherrschen und die Wirkung des Bühnenbildes in den Schatten zu stellen". Es ist in den besten Steckel-Momenten so, als sei der Zusammenstoß zweier Ideen und Temperamente viel dramatischer und gefährlicher als jedes andere Naturschauspiel. "Aber in ihrer 'Danton'-Inszenierung will sie beides: den Disput und das Naturschauspiel." Der Abend werde zu einer Welt als Knochenmühle, "der Disput ein Drum Battle, und zwei Rockmusiker an den Bühnenrändern (ein Gitarrist, ein Keyboarder) schreddern und raspeln ihre Riffs und Akkorde drüber hin." Fazit: Man ahne "die Sehnsucht aller Beteiligten, dieses Schauspiel in ein großes Konzert ausufern zu lassen". Es handle sich um eine "Utopie, die mitten durch die Zerstörung hindurchmuss, eine Potlatch-Vision. Sie führt nicht sehr weit, aber sie wirkt doch menschenfreundlicher als der Traum vom großen Pranger, den Volker Lösch vor drei Jahren in dieser Stadt geträumt hat."

 
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