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Versteckspiele in Chile

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 21. April 2012. Auf wenigen Seiten entfesselt Heinrich von Kleist in seiner Novelle "Das Erdbeben in Chili" den puren Horror, und es ist nicht etwa die rohe Gewalt der Natur, die den Schrecken evoziert – es sei denn, man würde die Bestie Mensch als Teil der Natur betrachten. Santiago de Chile im 17. Jahrhundert: Ein junges Paar wird bei einem Frevel ertappt; die Liebenden haben sich in einem Kloster begattet, das Mädchen wird Mutter. Sie soll hingerichtet werden, ihr Geliebter will sich erhängen. Das Erdbeben stoppt beides, die Geschichte scheint sich ins Gute, geradezu Idyllische zu wenden. Bei einem Gottesdienst in der Kathedrale von Santiago, an dem die Liebenden naiverweise teilnehmen und bei dem ihr Frevel als Grund des Bebens markiert wird, erkennt man sie; der Mob treibt sie auf die Straße, sie werden massakriert, ihr Kind überlebt – nur weil man es mit einem anderen verwechselt.

beben1 280 sebastian hoppe uZeltlagerromantik               © Sebastian Hoppe

Eine pessimistische Komödie

Was für eine Geschichte! Das alles in der Kleist-typischen Verdichtung erzählt, in zeitlichen Verschränkungen, langen Sätzen, grellen Zuspitzungen. Der chilenische Autor und Regisseur Guillermo Calderón, der vom Düsseldorfer Schauspielhaus den Auftrag annahm, Kleists Text zu adaptieren und ihn, wie auch immer, auf das Erdbeben zu projizieren, das sich im Februar 2010 in Chile ereignete, wollte eine "pessimistische Komödie" schreiben. Er erzählt von vier jungen Deutschen, die nach dem Beben nach Chile kommen, um traumatisierten Kindern zu helfen. Doch die Deutschen entpuppen sich selbst als Kinder, als unreife Wesen, die mehr von ihren eigenen Problemen umgetrieben sind als von der Not anderer.

Calderón wurde 1971 geboren, zwei Jahre vor der Ermordung des Präsidenten Allende. Er ist in der Diktatur aufgewachsen – auch unter dem elterlichen Diktat, draußen nicht zu erzählen, was er zu Hause hörte. Diese persönliche Erfahrung spiegelt sich im Verhalten der vier Deutschen im Stück, die ein permanentes Versteckspiel voreinander betreiben, ohne allerdings wirklich etwas verbergen zu müssen. Sie tun ja im Prinzip Gutes, nur leider ohne gutes Gewissen.

Zeltlagerromantik

Gespielt wird auf der Studiobühne des Düsseldorfer Produktionszentrums beinahe im Dunkeln; nur zwei kleine Scheinwerfer und etliche Taschenlampen erhellen die Szenerie ein wenig. Notwendig wäre dieser Kunstgriff nicht unbedingt, doch er verstärkt den Effekt des Geheimnisvollen, sozusagen zeltlagerhaft Romantischen, der dem kurzen Abend innewohnt und der sich von Kleists Furor und Radikalität doch allzu bescheiden abhebt. Es ist ein eher wohliger, harmloser Schauer, der den Zuschauer ergreift.

beben3 280 sebastian hoppe uIngo Tomi, Elena Schmidt und Janina Sachau
© Sebastian Hoppe
Der Charme des Schauspieler-Quartetts – Janina Sachau, Xenia Noetzelmann, Elena Schmidt, Ingo Tomi – rettet immerhin manches. Die Vier agieren auf hohem Niveau, mit schönen Nuancen und feinem Gespür für die Merkwürdigkeiten ihrer Figuren. Kleists Novelle wird nacherzählt – im Duktus des Autors und im Präsens. Es wird dadurch, nun, etwas anderes daraus. Eine der Vier hat die düstere alte deutsche Geschichte traumatisierten Kindern aufgetischt, gewissermaßen als homöopathische Maßnahme; eine andere findet das verwerflich. Daraus entspinnt sich ein Konflikt: Soll man leidenden jungen Menschen das Wissen um die "Grausamkeit der Welt" zumuten oder nicht? Kann der Schrecken den Schrecken heilen?

Vielleicht ist es Guillermo Calderón ja gelungen, mit seinen sparsamen Mitteln eine kleine "pessimistische Komödie" zu entwerfen. An die Stelle der Kleist'schen Konzentration des Ungeheuerlichen tritt dabei allerdings das Gegenteil – eine recht verträgliche quasi-romantische Diffusion des Schreckens.


Beben (UA)
von Guillermo Calderón
aus dem Spanischen von Hedda Kage
Regie: Guillermo Calderón, Bühne: Katharina Grantner, Kostüme: Katharina Grantner, Dramaturgie: Almut Wagner
Mit: Janina Sachau, Xenia Noetzelmann, Elena Schmidt, Ingo Tomi.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Guillermo Calderón rüttele in "Beben" "genüsslich am Sinnfundament ausländischer Katastropheneinsätze, indem er vier selbst höchst hilfsbedürftige Helfertypen in ihrem abgeschirmten Zeltlager aneinandergeraten lässt", schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (23.4.2012). Calderón schaffe in seiner Inszenierung "dichte Momente, in denen die Helfer im Camp ihrer Chefin Kleists Novelle erzählen, halb ironisch flapsig, halb beschwörend wie sehr guten Gruselstoff. Dazu ringen sie um die Interpretation der Novelle, sie wird zur Folie". Das sei "geschickt gemacht, allerdings zu glatt, durchsichtig, well made, um den Zuschauer zu erschüttern. Der Ton von Calderóns Stück ist ironisch, es ist unterhaltsam, gut gebaut. Jede Figur bekommt ihr Solo, Kleist gibt dem Ganzen tieferen Gehalt. Der aber erschöpft sich dann doch in der Erkenntnis, dass radikale Utopisten wie Kleist gefährdet leben."

"Immer abstrusere Geschichten" enthülle Guillermo Calderón im Laufe seines Stückes, meint Stefan Keim auf Deutschlandradio Kultur (22.4.2012). Calderóns Thema sei "interessant. Ob alle Nichtregierungsorganisationen in Krisengebieten Spendengeld sinnvoll einsetzen, muss und darf gefragt werden. Allerdings stellt Calderón grenzdebile Psychopathen auf die Bühne, deren wilde Geschichten man kaum ernst nehmen kann." Die Schauspieler allerdings machten "das Beste aus dem schwachen Text, erspielen glaubwürdige Momente, setzen groteske Pointen. Außerdem überzeugt die Atmosphäre." So lange Calderón "die Konflikte nur andeutet", habe "seine Aufführung Kraft."

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