Wer ist hier falsch besetzt?

Berlin, 23. April 2012. In einem Interview mit Peter Laudenbach im Tagesspiegel spricht Michael Klammer, Schauspieler am Maxim Gorki Theater, über die Blackfacing-Debatte. Die schwarzen Masken der Schauspieler in Michael Thalheimers Unschuld-Inszenierung am Deutschen Theater sind für ihn kein Problem: "So stark, wie die beiden Schauspieler geschminkt sind, hat das eine klare Zeichenhaftigkeit. Es symbolisiert die Fremdheit der Figuren. Theater muss mit solch artifiziellen Mitteln arbeiten dürfen."

Dass die beiden Schauspieler jetzt weiß geschminkt werden, erscheint ihm "seltsam": "Wenn man diesen beiden Fremden aus Afrika eine weiße Clownsmaske aufschminkt, finde ich das viel deplatzierter, als wenn man sie deutlich zeichenhaft schwarz schminkt. Ich habe selbst in einer 'Unschuld'-Inszenierung in Salzburg den Fadoul gespielt, einen der beiden Afrikaner in Dea Lohers Stück. Ich bin kein Afrikaner, sondern Südtiroler, auch wenn mein Vater Nigerianer ist. Der Kollege, der Elisio gespielt hat, den anderen Afrikaner in 'Unschuld', war ein Weißer aus Südafrika – also der einzige Afrikaner in der Inszenierung. Wenn es bei einer Besetzung nicht um das Talent, sondern um die Herkunft gehen würde – wären dann ich oder der Kollege falsch besetzt?"

Außerdem erinnert Klammer an Jan Bosses Amphitryon-Inszenierung, in der er als Merkur übertrieben schwarz geschminkt war. "Merkur imitiert den Sosias. Sosias ist schwarz geschminkt und trägt eine Kraushaar-Perücke, also musste sich der Merkur auch anmalen, damit konnte man sehr schön spielen. Vielleicht ist das Theater einfach weiter."

Letztlich solle man den Rassismus nicht ausgerechnet im Theater suchen. "Viel wichtiger fände ich es, sich für ein Verbot der NPD einzusetzen. Und auch was in Lampedusa mit den afrikanischen Flüchtlingen geschieht, ist menschenunwürdig. Dagegen sollten wir als Europäer protestieren, egal, welche Hautfarbe wir haben."

(geka)

 

Mehr zu Michael Klammer? Der Schauspieler war am Maxim Gorki Theater zuletzt in Der kleine Bruder, Jeder stirbt für sich allein und Rocco und seine Brüder zu sehen.

Kommentare

Kommentare  
#1 Presseschau Michael Klammer: kein Mehrwert durch SchminkeBesucher 2012-04-23 18:36
Ich habe Jan Bosses "Othello" und seinen "Robinson Crusoe" gesehen und in keiner der beiden Inszenierungen hat das Schwarz-Schminken der weißen Darsteller einen Mehrwert für mich als Zuschauer erzeugt. Und wenn das Publikum über den schwarz geschminkten Burg-"Freitag" schenkelklopfend lacht, ist das Theater sicher auch nicht "weiter", wo auch immer das wäre.
#2 Presseschau Michael Klammer: schwarze ImmigrantenStefan Schweers 2012-04-23 21:18
"Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft so weit ist, einen schwarzen Faust im Theater zu akzeptieren"

-Christian Thombeil, Intendant Schauspiel Essen 2012

Das Theater ist keinen Zentimeter weiter.

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die schwarzen Immigranten in dem Stück fast in allen Inszenierungen von Weißen gespielt werden, Herr Klammer (vielleicht lesen Sie ja mit)?

Mit freundlichem Gruß

S.
#3 Presseschau Michael Klammer: Preise verliehenoscar 2012-04-24 03:02
lustig eigentlich, dass hier vor noch nicht allzu langer zeit große preise verleihen wurden...:
www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=3821:othello-jan-bosse-inszeniert-die-ethno-als-frauentragoedie&catid=80
#4 Presseschau Michael Klammer: ohne WortePeschek 2012-04-24 03:08
Es wird langsam immer grotesker, was das Thema PC in Deutschland betrifft . Dass dieser zumeist opportunistische Duckreflex nunmehr auch am Theater seine - unaufgeklärten- Anhänger findet war leider abzusehen. Zuschauer wie "Besucher" benötigen also schon einen "persönlichen Mehrwert", wenn hellhäutige Schauspieler schwarz geschminkt werden. OMG ..ohne Worte

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