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Per Doppelpass durch die Erinnerung

von Michael Stadler

München, 27. April 2012. Der eine ist freundlich, etwas überdreht, trägt ein weißes Trikot und spielt mit einem Fußball herum. Der andere legt hippe Musik auf, trägt ein rotes Trikot und wird die Leitung des Abends übernehmen. Fordert den aufgekratzten Spieler auf, seinen Kaugummi aus dem Mund zu nehmen. Der eine, der Kaugummi-Kauer, ist der Vater. Der andere, der Moderator, ist sein Sohn.

Bevor der Niederländer Ilay den Boer, Jahrgang 1986, und sein 53 Jahre alter Vater Gert in "This is my father" auch körperlich in einen heftigen Generationen-Clinch gehen, interagieren sie mit dem Publikum, lassen Gerts Lebenslauf in Form von Heftchen verteilen, fordern zum Lesen, dann zum Fragen auf. Es ist eine Authentizitäts-Falle, die sie aufspannen und im Anschein freien Improvisierens zuschnappen lassen. Die Unterschiede zwischen Vater und Sohn sollen mit dem Publikum erkundet werden. Jedem relevanten Lebensjahr von Gert den Boer ist bereits ein Schubladenfach in einer dunklen Schrankwand zugeordnet. Aus jeder Schublade kann Ilay markante Requisiten ziehen.

vater2 280 moon saris uGert und Ilay den Boer © Moon Saris

Das Quiz des Lebens

Ein Rahmen ist also gesteckt, und beide Männer sind wohl präpariert. Wie war das denn mit der "möglichen Entjungferung" des Vaters im Jahr 1973? Ilay zieht eine Flasche und eine Blue Jeans heraus. Gert erzählt seine Anekdote. Ist das spontan? Echt erscheint es, echt ist es wohl auch, aber vor allem soll dieses Echt-Sein in den weiteren Verlauf hineinziehen. Was an diesem Abend erst mal nicht gelingt. Sei es, weil im Volkstheater die nötige intime Atmosphäre nicht entstehen will, obwohl es auf ein Dutzend Reihen verkleinert wurde. Sei es, dass Gert den Boer zu sehr aufdreht. Oder dass Ilay zu flapsig mit den Fragenden, zu harsch mit einem den Raum verlassenden Zuschauer umgeht.

Da fragt man sich schon, wieso man diesen beiden überhaupt zuhören soll. Doch der Abend hat etwas Spannendes zu erzählen. Unmerklich lassen Vater und Sohn das Quiz in eine fest einstudierte Performance übergehen. Da erinnert sich der einstige Torwart Ilay, wie in seinem Fußball-Team bekannt wurde, dass er Jude ist. Kurze Zeit später wurde er Opfer antisemitischer Attacken. Antisemitisch? Der Vater, protestantisch getauft, aus der Kirche ausgetreten, mag sich mit dieser Bezeichnung nicht anfreunden. Es war eine typische Schlägerei unter Jungs für ihn. Mehr nicht.

Zwei Männer, zwei Versionen der Geschichte

Gert den Boer wurde jedoch selbst damals hineingezogen, auf sein Auto wurde mit Kot ein Hakenkreuz geschmiert. Aber selbst wenn Ilay und Gert zusammen einer Bedrohung ausgesetzt waren, gehen ihre Erinnerungen auseinander. Gert will keine antisemitischen Beschimpfungen gehört haben und hält an seinem Standpunkt fest, dass alles halb so wild war. Das führt dazu, dass Illay immer massivere Mittel zur Überredung seines Vaters auffährt: Er reißt die Schubladen auf und zieht deren Inhalt hervor, darunter eine mit SS beschmierte Gedächtnistafel und einen Stapel Dokumente, auf denen die antisemitischen Übergriffe eines Jahres in den Niederlanden verzeichnet sein sollen.

vater1 280 moon saris u© Moon SarisDarum geht es Ilay den Boer: Er möchte auf den Antisemitismus in den Niederlanden aufmerksam machen, dessen Opfer er selbst geworden ist. Gleichzeitig zeigt er die Unmöglichkeit auf, die permanenten Übergriffe und sein Leiden nachvollziehbar zu machen. Da drängt er seinen Vater dazu, ihn als "dirty fucking jew" anzuschreien. Da zieht er sich vor ihm nackt aus und kippt sich eiskaltes Wasser über den Kopf, wie es ihm damals geschah. Doch der Vater ändert seine Meinung nicht. Er mag sich auf Ilays Geheiß sogar ausziehen: Es gibt keine Identifikation. Im Gegenteil. Zum Schluss klagt Spät-Hippie Gert den Boer seinen Sohn an, selbst ein Rassist und Nationalist geworden zu sein.

Werkzyklus zur jüdischen Identität

"Die Angst vor dem Antisemitismus", so wird Ilay den Boer beim Publikumsgespräch zitiert, "könnte selbst zu einer Form von Extremismus werden." So stellt er vielleicht auch die Haltung seines Bühnen-Ichs, aber sicherlich nicht seine Anklage gegen den Antisemitismus in Frage. Den Boer hat sich mit seiner jüdischen Identität in insgesamt sechs Teilen seines Werkzyklus "Het Beloofde Feest" befasst. In jedem Teil beschäftigt er sich mit einem Familienmitglied und steht immer selbst mit auf der Bühne. Eine ausdauernde, selbstbezogene, mutige Recherche. "This is my father" ist der dritte Teil, und den Boer findet in seinem bühnenerfahrenen Vater einen Partner, dem es nichts ausmacht, sich in der auf echt getrimmten Spielsituation unbeliebt zu machen.

Ob alles so geschehen ist, spielt letztlich keine Rolle. Vater und Sohn lassen die entgegengesetzten Positionen ihrer Bühnen-Ichs nebeneinander stehen und beziehen eindeutig Haltung zu einem Land, dessen rechtsliberal-christdemokratische Regierung gerade zerbrochen ist. Die Niederlande stecken im Chaos. Ilay und Gert den Boer prangern den dortigen Antisemitismus von einst und heute an. Zuletzt räumen sie die Bühne auf. Gemeinsam.


This is my father – The Promised Feast III
von Ilay den Boer
Konzept: Ilay den Boer, Ausstattung: Edo Sutherland, Musik: Anan den Boer, Dramaturgie: Maya van den Heuvel-Arad
Mit: Ilay den Boer und Gert den Boer

www.radikaljung.de


Kritikenrundschau

Egbert Tholl schreibt in einer Mini-Rezension für die Süddeutsche Zeitung (30.4.2012): Obgleich Ilay den Boer "ein bisschen ungeduldig zum Kern der Inszenierung zusteuert: zum Neonazismus in Holland, zum Umgang seines Vaters damit – und seinem eigenen", sei dieser Theaterabend "so spannend wie suggestiv, ein starker Anreiz zur Diskussion". Bedauerlich einzig, dass sich der Regisseur und Performer nach dem Gastspiel bei "Radikal jung" nicht zum Publikumsgespräch begab, um sich den Nachfragen der interessierten Zuschauer zu stellen.

 
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