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Und wollen wir wirklich so weitermachen?

von Grete Götze

Frankfurt, 27. April 2012. "Der Freund krank" ist ein Stück über einen Heimkehrer. Es ist ein Stück über Landflucht, ein Stück über zurückgelassene Kleinbürger, ein Stück über eine Liebe im Dreieck, ein Stück über die Trauer des Erwachsenwerdens, ein Stück über das Einfach-so-verrückt-werden und nicht mehr mitmachen wollen. Ein Stück über die Vorteile und Nachteile des Handelns. Ein Stück über einen Protagonisten mit einem kleinen Selbstwertgefühl. Es ist also ein Stück über ziemlich vieles. Deswegen hat Nis-Momme Stockmann, Autor des Stückes und ein Hoffnungsträger zeitgenössischer Dramatik, auch 160 Seiten dafür gebraucht.

Martin Schulze braucht für seine Uraufführung in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt eineinhalb Stunden. Im Programmheft steht, die Herausforderung für das Regieteam habe darin bestanden, eine Spielfassung zu erstellen, die sich auf einen Ausschnitt des Werkes konzentriert – nicht einfach bei einem Stück, das größtenteils als ein innerer Monolog angelegt ist.

Ich selbdritt

Schulze macht eine flotte Inszenierung daraus. Er hängt halbtransparente Vorhänge auf die Bühne und lässt das Ich drei Männer in Anzug und Krawatte sein. Mit "Herren"schuhen von Deichmann, die vorne eckig sind und viel von deutschen Arbeitnehmer-Männern auf Messen getragen werden. Das Ich, früher immer nur der verprügelte Idiot, kommt in seine Heimatstadt zurück, weil sein bester Freund Mirko, den Ich einst bewundert hat, verrückt geworden ist. Das ist schlecht für Nora, Mirkos Frau. "Ich habe ein Kind in meinem Bauch, von einem Mann, der sich von mir wickeln lässt", sagt Nora. Sie wird gespielt von Henrike Johanna Jörissen, die schon in Stockmanns Stück "Das blaue blaue Meer" die weibliche Hauptrolle in Frankfurt hatte.

freundkrank 02 560 birgit hupfeld uChristian Bo Salle, Nico Holonics, Henrike Johanna Jörissen, Marek Harloff.  © Birgit Hupfeld

Der Erdbeerduft von früher

In "Der Freund krank" ist sie ziemlich alleine mit den drei Ichs auf der Bühne. Oder die drei Ichs sind ziemlich alleine mit ihr auf der Bühne. Zusammen machen sie Klaumauk. Auf Noras Frage, ob sie schön sei, kippt Ich sich erstmal einen Kurzen hinter die Binde und sorgt so für Lacher. Als Noras Freundin stirbt, thront sie auf den Schultern der drei Ichs, die so tun, als könnten sie aus ihrem Stöckel heraus schießen. Wieder lacht das Publikum.

Dabei ist eigentlich alles ganz trostlos in der deutschen Stadt, die irgendwo an der B 1 liegt, einer Bundesstraße, die sich von der niederländischen Grenze im Westen bis zur heutigen polnischen Grenze im Osten erstreckt. Denn in dieser Stadt, die überall in Deutschland sein könnte, auf dieser Bühne verlieren Menschen mit Prekariatsgesichtern ihre Arbeit, weil das Aroma-Werk abgerissen wird, in dem sie geschafft haben. Das Werk, das Pfefferminz-, Karamell- und Erdbeerduft über die Stadt verbreitet hat.

Nora, die Schwangere, die nicht rauchen sollte, sagt in grauer Jogginghose und mit zu Beginn der Inszenierung angeschnalltem Schwangerschaftsbauch, dass sie keine Hoffnung mehr hat, dass ihre Welt zerbricht. "Das sind Tatsachen!", sagt sie. "Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen", entgegnet das Ich, das heimkehrende, Nietzsche zitierende, bürgerliche Immobilienmakler-Ich, das allen Gesichtern der Vergangenheit wieder begegnet: Trullmann, der immer nur "Woll, ja" sagt, den Baschis, die ihn verprügelt haben, dem Vogelpeter, den Snakes, sich selbst. Dann ist das Ich kurz glücklich in seiner Kleinbürger-Idylle, mit der einst so verehrten Nora, dem verrückt gewordenen Mirko und Paketen aus dem Media-Markt.

Die "Scheiß Souveränität" wegnehmen

Aber dann ist man plötzlich nicht mehr sicher, ob es Mirko überhaupt gibt, denn der ist in Schulzes Inszenierung nur die Projektion eines liegenden Mannes auf den Vorhang. Plötzlich weiß man nicht mehr, ob das Ich Mirko am Ende wirklich lebendig begräbt, nachdem Nora ihr Kind verloren und erfahren hat, dass "Ich" die Stadt verkauft hat. Vielleicht begräbt Ich auch nur sein quälendes Über-Ich, das atmet und findet, man sollte seine Heimatstadt nicht für die Verlegung einer Autobahn verkaufen. Plötzlich weiß man nicht mehr, ob das kapitalistische Ich der Täter oder das Opfer ist.

Eineinhalb Stunden sind nicht viel für einen Theaterabend. Aber diese eineinhalb Stunden wirken lang, weil der Text auf den Zuschauer einprasselt, viel Text, der viel infrage stellen soll. Text, der von einem Autor geschrieben ist, der nicht den Zwängen von Kunst und Markt erliegen möchte, der den Menschen "die Scheiß Souveränität im Umgang mit der Welt" wegnehmen möchte, wie er 2010 in einer Rede über die Aufgabe des Autors verkündete.

Wenn der Klamauk aus der Inszenierung gewichen ist, wenn man nicht mehr den Eindruck hat, dass es jetzt irgendwie jugendlich und dynamisch auf der Bühne zugehen soll, wenn Marek Harloff, Nico Holonics und Christian Bo Salle nicht mehr so viel spielen müssen, sondern sich erschöpft diesen großen Brocken Text zu eigen machen, dann entwickelt er wieder seinen eigenen, Stockmannschen Rhythmus, seine Alptraum- und Märchenlogik, die von den kleinen Leuten und ihren Problemen erzählt. Dann fragt die Inszenierung, ob wir wirklich so weitermachen wollen. Aber nur dann.

 

Der Freund krank (UA)
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Martin Schulze, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Ulrike Obermüller, Musik: Dirk Raulf, Dramaturgie: Livia Theuer, Licht: Johannes Richter.
Mit: Marek Harloff, Nico Holonics, Christian Bo Salle, Henrike Johanna Jörissen, Peter Schröder.

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

"Der Freund krank" sei das (letzte und) beste Stück in der "nicht ganz glücklichen Zusammenarbeit zwischen dem jungen Dramatiker von der Insel Föhr mit seiner die Gattungsformen sprengenden Theatersehnsucht und der gepflegten Klassiker-Wiederaufbereitungsanlage, als welche der Frankfurter Intendant Oliver Reese sein Haus vornehmlich betreibt", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (30.4.2012). Für seine Uraufführungsinszenierung habe Martin Schulze den Text stark eingekürzt, "ohne ihm die Not und Schmerzlichkeit des Psychogramms zu nehmen, welches Stockmann hier gelungen ist". Diese Fassung gehe sehr in Ordnung, "zumal der Regisseur theatrale Elemente herauszuholen und zu betonen weiß". Richtig gut sei die Idee, die stets so unsichere, mit sich und der Welt ringende "Ich"-Figur auf drei Schauspieler aufzuteilen. Marek Harloff, Nico Holonics und Christian Bo Salle seien als potenziertes schlechtes Gewissen ein amüsantes Dreigestirn, changierend zwischen Beflissenheit und Peinlichkeit, "manchmal allerdings auch chargierend".

"'Der Freund krank' ist kein Stück. Eine schmarrenhafte Materialsammlung. Eine Wust- und Bruch-Variation über das Lebensschreibthema des noch jungen, aber seit 2010 schon etliche dramatische Rhapsodien geliefert habenden Autors Nis-Momme Stockmann", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.4.2012). Immer werde da ein schwaches, aber wortreiches Außenseiter-Ich mit allerlei Familien-, Sozial-, Universal- oder Kiez-Elend vernäht. "Das hatte manchmal eine horrible Eleganz, manchmal einen schönen Witz, aber auch öfter schon Schwurbel und Schwulst." In der Uraufführungsinszenierung von "Der Freund krank" von Martin Schulze werde "aus dem Endspiel" "die verdreifachte Ego-Komödie eines Arroganzlings, der hier genauso daherkommt, wie das Dorf und die Umwelt ihn sehen". Wo Stockmann kitschig ungenau und etwas aufgeblasen trauere, da amüsierte sich die Aufführung unprätentiös trocken und präzise. "Ein hübscher Zeitbefund. In locker böser Heiterkeit. Amüsierter Beifall."

"Ein Theaterstück mit 'Ich' und mit Gedanken, ein Theaterstück aus den Schocks und der Wehmut eines Heimkehrers, das ist durchaus ungewöhnlich", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (30.4.2012). "Nis-Momme Stockmann, der damit seine Tätigkeit als Hausautor in Frankfurt beendet, hat als drittes Stück ein Ich-Drama geschrieben, dessen oberste Schicht man wie ein Landstraßenanrainerdrama lesen kann, zwischen später Horváth-Nachfolge und Kroetz-Prekariat." So nähmen es das Schauspiel Frankfurt und der Regisseur Martin Schulze. "Man bekommt die Story versiert serviert, mal knackig, mal kitschig, das unterhält und macht betroffen." Das Missverhältnis zwischen dem 161 Seiten langen, rahmensprengenden Stück und der anderthalbstündigen Inszenierung sei so eklatant, dass man an der Frage verzweifeln kann, warum dieses Stück in Frankfurt gemacht wurde. "Eigentlich zeigt sich nur eines: Nis-Momme Stockmann und Frankfurts Theater haben nie zusammengepasst: Im Kontrast zeigen sich beide deutlicher." Das Schauspiel Frankfurt suche die Konfektionsware, Stockmann wolle es als Autor wissen. Sein Stück wirke als Symptom, "als Reaktion auf ein Theater, das sich fürs Drama nicht interessiert, das dem Drama keine Autorität und Form zugesteht". Und das Theater sage dazu nur eines: "Warte nur, wir bekommen auch dich klein." Da zumindest habe es recht. Die Gedanken des 'Ich' seien der interessantere Teil dieses Stücks. "'Der Freund krank' könnte das Drama einer sprachlosen Zeit sein, eine Autorenphantasie, ein Ausbruch, eine Gedankenwelt, eine Anmaßung, eine Überforderung. Im Theater: Routine."

 
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