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Frau ohne Gewissen

von Rainer Nolden

Trier, 28. April 2012. Weiß ist nicht die Farbe der Unschuld, sondern von Eis und Leichentüchern. Vom selben Weiß sind auch die Laken, die auf den Möbeln eines weitgehend in weiß gehaltenen Salons ausgebreitet sind und erst entfernt werden, als die Hausbesitzer von ihrer Hochzeitsreise zurückkehren. Dieses Wohnzimmer von luxuriöser Ungemütlichkeit erinnert an die eleganten "living rooms" aus Hollywoodfilmen der 1950er Jahre, in denen man etwa alles über Eva erfahren oder einer Frau ohne Gewissen begegnen konnte.

Eine Ehe vor dem Aus

Es ist in der Tat ein beeindruckendes Bühnenbild, das Gerhard Weber sich von Anouk Schiltz für seine "Hedda Gabler" hat bauen lassen – inklusive Terrasse, angrenzendem Speisesaal, Kamin und einer Andeutung von Bibliothek. Der Trierer Intendant hat Henrik Ibsens Dauerbrenner um etwa fünf Dekaden vorverlegt und in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angesiedelt. Da waren Moral und Standesdünkel zwar nicht mehr ganz so ausgeprägt wie zur Entstehungszeit des Dramas. Eine kaputte Ehe aber, auf die wacklige Hypothek einer möglichen Berufung auf einen Lehrstuhl und damit äußerst zweifelhafte finanzielle Basis gebaut, bleibt nun mal eine kaputte Ehe.

Eine geradezu bemerkenswerte Weitsicht kann man Ibsen angesichts der Tatsache zugestehen, dass er Themen wie die Angst vor dem Abstieg in die Armut, Furcht vor dem beruflichen Versagen, Konkurrenzdenken und wissenschaftlichen Ideenklau in "Hedda Gabler" zur Sprache bringt.

hedda1 560 marco piecuch xKühle Erotik: Alina Wolff als Hedda Gabler mit Michael Ophelders als Richter Brack
© Marco Piecuch

Immer wieder greift Weber in seiner Inszenierung auf Hollywood als Chiffre zurück, etwa wenn Alina Wolff in der Titelrolle wie einst Barbara Stanwyck, die "Frau ohne Gewissen", mit wallendem Blondhaar, eng anliegendem Kleid, hochhackigen Schuhen und laszivem Hüftschwung ihr Revier abschreitet – mal als lauerndes Raubtier, mal als listige Schlange und kälter als der Eisberg, der zum Untergang der Titanic führte. In den kühlen Blondinen, wie Alfred Hitchcock sie für seine Filme bevorzugte, brodelte stets ein Vulkan der Leidenschaft.

Bei Alina Wolffs Hedda, dieser in die Gegenwart gebeamten Film-noir-Teufelin, stößt man bestenfalls auf kalte Asche. Was Richter Brack (schmierig-bräsig: Michael Ophelders) nichts auszumachen scheint. Mit dicker Brille, dicker Zigarre und ebensolchem Ego ausgestattet, redet er nicht lange um den heißen Brei herum und schlägt der in jeder Beziehung unbefriedigten Hedda eine "ménage à trois" vor.

Studie in stiller Grausamkeit

Denn natürlich hat auch er rasch spitzgekriegt, wie sie ihrem Mann gegenüber empfindet. Die Verachtung, mit der sie Tesman wie ein lästiges Insekt betrachtet, das falsche Lächeln, zu dem sie die dunkel geschminkten Lippen verzieht, die exaltierte Art, wie sie ihre Worte haucht, das macht selbst den Zuschauer frösteln. Mit dem Teufel Kirschen essen ist ein lustiger Kindergeburtstag im Vergleich zu einem Abend mit dieser Frau. Aber: phänomenal, diese Studie in stiller Grausamkeit, kühler Erotik, eleganter Rücksichtslosigkeit und emotionaler Leere, die Alina Wolff aus ihrer Hedda macht. Es passt zu ihr, dass sie sich das Schießen mit Pistolen, Erbstücken ihres Vaters, zum Hobby gewählt hat, Pistolen, die sie mit bewundernswürdiger Konsequenz am Ende gegen sich selbst richtet.

Von all den Eigenschaften Heddas bekommt ihr Mann Jørgen Tesman nur wenig mit. Klaus-Michael Nix ist ein weltfremder Bücherwurm, dessen Blut beim Anblick alter Schriften mehr in Wallung gerät als beim Anblick seiner schönen Frau. Ein Pantoffelheld eben, wie Ibsen uns etwas überdeutlich zu verstehen gibt: Wie ein Kind freut er sich über ein Paar selbstgenähter Schlappen, die ihm seine geliebte Tante Julle (Angelika Schmid) symbolträchtig bei der Rückkehr aus den Flitterwochen überreicht.

hedda5 560 marco piecuch xFilm-noir-Teufelin im 1950er Jahre-Ambiente: Alina Wolff als Hedda Gabler © Marco Piecuch

Der Tod kommt nicht ungelegen

Vanessa Dauns Thea Elvsted ist der Gegenentwurf zu Hedda: ein schlichtes, entsagungsvolles Hausmütterchen, das seinem "Kameraden" Eilert Løvburg (und gleichzeitig Tesmans schärfstem Konkurrenten) als "Inspiration" dient. Jan Brunhoeber gerät dieser Løvburg zu einer fast schon pathetischen Karikatur eines intellektuellen Versagers mit der Anmutung eines romantischen Dichters, dem der Tod von Anfang an ins Gesicht geschrieben steht.

Einen makabren Scherz baut Weber am Ende in seine Inszenierung ein. Nachdem der tödliche Schuss gefallen ist, juxt Heddas Ehemann, anders als im Original: "Jetzt hat sie sich in die Schläfe geschossen". Eine kleine, aber bedeutsame Änderung: Fast könnte man meinen, ihr Tod käme ihm gar nicht so ungelegen. Schließlich hat er in Thea eine "Kameradin" gefunden, mit der er sich auf Anhieb prächtig versteht. Mal ehrlich: Da würde eine Ehefrau langfristig doch nur stören.


Hedda Gabler
von Henrik Ibsen
Regie: Gerhard Weber, Bühne: Anouk Schiltz, Kostüme: Carola Vollath, Dramaturgie: Sylvia Martin
Mit: Alina Wolff, Klaus-Michael Nix, Angelika Schmid, Vanessa Daun, Michael Ophelders, Jan Brunhoeber, Sabine Brandauer.

www.theatertrier.de

 

Kritikenrundschau

Im Grunde erzähle Anouk Schiltz mit ihrem bärenstarken Bühnenbild schon die halbe Geschichte, schreibt Dieter Lintz im Trierischen Volksfreund (29.4.2012). Regisseur Gerhard Weber seinerseits vertraue dem Autor: "Keine Dekonstruktion, keine Mätzchen, keine Deutungsebenen zwischen den Zeilen des Originaltextes." Die Trierer Inszenierung stelle nichts infrage, suche keine Gründe. "Man kann das oberflächlich nennen, aber vielleicht macht die Mitleids- und Erklärungslosigkeit auch gerade die spezifische Aktualität der Interpretation aus." Hedda Gabler stehe und falle freilich mit der Konzeption der Titelrolle. "Und da liegt in Trier das Problem. Nicht wegen der jungen Darstellerin Alina Wolff, die die kapriziöse Diva mit Talent und Spiellust fast bis zur Karikatur zeichnet." Aber ihre Figur komme – und das sei offenbar so gewollt – über den Status der Zimtzicke aus dem Fernsehvorabendprogramm kaum hinaus. Ansonsten zeichne das Ensemble "gelungene Rollenporträts".

 
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