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Mit Sorgen-Rucksack in den Biergarten

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 28. April 2012. Noch mehr menscheln könnte es eigentlich nur beim Frisör, wo Menschen angeblich so gerne alle ihre Nöte und Sorgen abladen. Als Psycho-Depot eignet sich auch gut eine Bierstube. Dort siedelt Christoph Nußbaumeder sein 2010 in Köln uraufgeführtes Stück an. Ideal, wenn in einem solchen Etablissement ein weiblicher Engel wie Sigrid seine seelenhygienischen Dienste (und nicht nur diese) anbietet.

Wer auch nur irgendwelche Schatten auf dem Gemüt hat, lässt sich diese von Sigrid, dem Endzwanziger-Single, einfach wegleuchten. Empathie nennt man gemeinhin diese Fähigkeit, die sich so wunderbar kommod konsumieren lässt. Sigrid hat nicht nur gute Worte für jeden, dem sie ein Getränk hinstellt. Ein koketter Augenaufschlag, eine Umarmung für den heute wieder gar so Armen – und so gibt eines das andere.

Kellnerin und Seelen-Klempnerin

Kein Wunder, dass Sigrid "zieht" bei den Männern und man im Gastgarten an der Donau, unter einem romantische Felsen gelegen, um die treue Stammklientel nicht bangen muss. Kein Wunder aber auch, dass Sigrid selbst hoffnungslos auf der Strecke bleibt, als distanzlose Klempnerin an der malträtierten Männerseele. Das Wort "Märchenprinz" würde sie nie in den Mund nehmen, die vermeintliche Männer-Versteherin, aber die Sehnsucht nach ihm ist natürlich da. Aber, wie es Sigrid mal selbst sagt: "Ich muss auf alle schauen." Ein wenig zoomen täte manchmal vielleicht nicht schaden.

Dramaturgisch hat Christoph Nußbaumeder ein Stück geschrieben, das mit Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" mehr als nur eng verwandt ist. Ein Epos voller praller Volksfiguren, die kommen und gehen und wiederkommen und einfach nicht gehen. Ein jeder schnürt seinen Sorgen-Rucksack auf. Dort sind natürlich heutige Nöte drin, zerbrochene oder gar nicht erst zusammen gezimmerte Beziehungskisten, Verlust der Arbeit, Frühpension mit und ohne Hund als treuem Begleiter.

Uferloses Leid am Donauufer

Die ganze Palette von Macho bis Underdog, von Grobian bis zartem Seelenpflänzchen: Da hat man zwei Stunden (ohne Pause) zu schauen, und in den Kammerspielen des Linzer Landestheaters hat man auch die Typen dafür beisammen: Der selbstbewussteste ist der Yuppie-Rechtsanwalt Adam (Markus Subramaniam), der menschlich berührendste der Frührentner Gobi (Sven-Christian Habich), der nicht wahrhaben will, dass er keinen Hund mehr hat und ihn an der imaginären Leine führt. Der Arzt Joseph, der bei Sigrids Mutter abgeblitzt ist, ertränkt seinen Kummer in Alkohol. Dass die Lokalbesitzerin (Verena Koch) eine Lesbe und ihre Freundin (Bettina Buchholz) eigentlich mit dem Krakeeler Paul (Sebastian Hufschmidt) zusammen ist, der – angeblich – Selbstmord begeht, ist schon enorm dick aufgetragen: Aber wenn der Biergarten voll ist, häufen sich halt auch die Wechselfälle des Lebens. Die Fabulierlust des Autors ist schier ungebremst.

kunstdesfallens1 560 christian brachwitz hDas pralle Leben am Donauufer. © Christian Brachwitz

Da arbeitete sich die Regisseurin Bernarda Horres wacker durch, sie tariert und arrangiert mit viel Geschick das uferlose Leid am Donauufer, an Klapptischen mit herzigen, karierten Tischtüchern (Ausstattung: Anja Jungheinrich), und relativiert manch überschwappende Emotion. Liebenswert absurd ist es letztlich, wie all die Leute ihr Allein- und Ausgesetztsein in der biergarten-geborgenen Gruppe lauschig zelebrieren. Das kommt beinah schon ironisch rüber, was der Autor aber überhaupt nicht so, sondern bierernst meint.

Mutter Teresa und Mutter Courage

Die Aufführung lebt schließlich von der Hauptfigur: Anna Eger gelingt es, viel Sympathie zu wecken für die disparate Sigrid. Das müsste nicht so sein, denn diese eigentlich aufdringliche Seelenretterin, eine unglückliche Symbiose von Mutter Teresa und Mutter Courage, nimmt nicht automatisch für sich ein. Anna Eger zeigt uns aber einen dünnhäutigen Menschen, verkorkst irgendwie, dessen tiefe Unsicherheit in Koketterie ausartet, die von den anderen stets falsch verstanden wird. Eine interessante, zurückhaltende Figur auch: Paul, der anheuert im Bierlokal, weil er sowohl Job als auch Ehefrau eingebüßt hat. Aurel von Arx spielt ihn leise und zurückhaltend. Er ist Künstler, Zeichner – und er hat als einziger die nötige Sensibilität für Sigrid, aber nicht die Kraft, zu ihr zu stehen. Das ist in der Inszenierung schön und ruhig herausgearbeitet.

Und der Stücktitel, "Die Kunst des Fallens"? Die beherrschen alle Figuren irgendwie, sie stehen stets an Abgründen und rappeln sich doch immer wieder auf. Bis auf den Einen, der sein Leben im freien Fall einbüßt.


Die Kunst des Fallens (ÖEA)
von Christoph Nußbaumeder
Regie: Bernarda Horres, Bühne: Anja Jungheinrich, Kostüme: Stephanie Geiger, Dramaturgie: Franz Huber
Mit Anna Eger, Angela Smigoc, Verena Koch, Bettina Buchholz, Aurel von Arx, Markus Subramaniam, Georg Bonn, Sven-Christian Habich, Sebastian Hufschmidt, Manuel Klein.

www.landestheater-linz.de


Hier geht' zur Nachtkritik der Kölner Uraufführung von Die Kunst des Fallens.

 

Kritikenrundschau

Christoph Nußbaumeder zeige "Figuren, die an ihrer Sprachlosigkeit ersticken, in denen die Verletzungen tief drinnen rumoren und deren Seelen zerkratzt sind", schreibt Silvia Nagl in den Oberösterreichischen Nachrichten (30.4.2012). Diese Figuren "tragen schwer an den vielen Klischees, die Schwermut ist ihr ständiger Begleiter". Regisseurin Bernarda Horres gebe ihnen mit bedächtiger bis langatmiger Inszenierung auch noch eine bleischwere, langsame Zähigkeit in Worten und Taten mit. "Das Stück hat seine Plattheiten, die mit mehr Tempo, mehr Bissigkeit bei der Personenführung überspielt werden könnten." In dieser zelebrierten Langsamkeit aber würden sie zu oft enttarnt. Fazit: "Zwei sehr lange Stunden Aufführungsdauer."

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