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Marktplatz des kulturellen Austauschs

von Andreas Schnell

Oldenburg, 29. April 2012. Zehn Tage, rund einhundert Aufführungen, dreißig Produktionen, eine Tagung der Dramaturgischen Gesellschaft, Gesprächsrunden, ein eigens errichtetes temporäres Dorf aus Cargo-Containern, Open-Air-Kino, ein Abendprogramm mit Bands aus dem In- und Ausland – das und noch ein bisschen mehr war das dritte PAZZ-Festival in Oldenburg.

Ein Festival als Work in Progress

2008 wurde das Festival am Oldenburger Staatstheater mit dem Ziel ins Leben gerufen, Akteure der Performing Arts international zu vernetzen und nach Schnittfeldern zwischen performativen Künsten und Stadttheater-Kunst zu suchen. Dass das Work in Progress ist, ist klar: Ganz ausdrücklich firmiert das PAZZ als Arbeitsfestival mit Workshopcharakter.

pazz containercity 280 staatstheater oldenburg uDie Container City vor der Exerzierhalle
© Staatstheater Oldenburg
Das Spektrum 2012 war entsprechend breit gefächert und reichte von kleinen und kleinsten Formaten wie Stadtführungen mit "Utopians in Residence" über bereits festivalerprobte Freie-Szene-Higlights wie Money – It came from outer space von Chris Kondek/Christiane Kühl oder die Bibliothekserkundung The Quiet Volume von Ant Hampton und Tim Etchells bis hin zu größeren Stadttheater-Produktionen wie Marc Beckers Uraufführung Avanti Infantilitanti.

Als thematische Klammer diente die Frage nach der Übertragbarkeit in den Künsten. Was beileibe nicht nur die Frage nach verbalen Übertragungen zwischen verschiedensprachigen Aufführungsräumen meint. Viele der Arbeiten dieses Festivals setzten Übertragbarkeit ganz elementar an: Wie entsteht ein Ausdruck, eine Atmosphäre, eine Geste, ein symbolischer Moment, der noch nicht zu komplexeren Sinnformen oder zu einer Geschichte angewachsen ist?

Im finnischen Zelt mit Pfannkuchen und großer Muße

Die finnischen Künstler Juha Valkeapää und Taito Hoffrén, die in einem Zelt am Rande der "Container City" ihre "Ten Journeys To A Place Where Nothing Happens" zeigten, fanden eine eigene, sehr charmante Antwort auf diese Frage. Wer das Zelt betrat, wurde auf frisch gebackene Pfannküchlein und Tee oder Kaffee eingeladen. Dann passierte – nichts. In Schaukelstühlen geben Valkeapää und Hoffrén den Rhythmus vor, langsam schwingend. Hoffrén singt ein Lied. Pause. Ob man ein Video sehen wolle? Warum nicht. Eine Minute Schneegestöber.

ten journeys 560 juha taito u"Ten Journeys To A Place Where Nothing Happens" im finnischen Zelt © Juha Taito

Valkeapää erzählt mithilfe eines Tagebuchs, wie es begann mit den Reisen an Orte, wo nichts geschieht, von Sponsorensuche, Saunabesuchen und Warten. Vielleicht noch ein paar Pfannkuchen? Noch ein Video? Dann sind wir allein. Draußen wird gesägt. Hoffrén kommt mit einem geschnitzten Bären zurück. Steht da. Noch ein Video? So geht das dahin, bei Tee und Pfannkuchen. Wir erfahren von Hoffréns Plattenlabel Aania. Dass er von jeder Veröffentlichung 1000 Exemplare pressen lasse, weil das nicht mehr koste als die 500, die er davon verkaufe. Weshalb er zuhause mit einigen Tausend CDs lebt.

Ein Gastauftritt zweier Gitarristen, die am Abend auf dem Festival spielen – und eine kleine Episode, in der Valkeapää in einer grünen "Burka" einen Musiker spielt, der beim Plattenboss Hoffrén vorspielt, der ihm vorrechnet, was vom Gewinn an einer Veröffentlichung abzuziehen ist. Und dann erzählt wieder Valkeapää, bis wir in seinem Tagebuch am jetzigen Moment angekommen sind. "And then... is now". Die strukturelle Offenheit ihrer eigenweltlichen Performance macht mit wenigen dramaturgischen Mitteln, ohne große Erzählung eine Atmosphäre erfahrbar, die in der ländlichen Peripherie Helsinkis ebenso funktioniert wie im Trubel eines internationalen Theaterfestivals.

Elementare Objekterkundungen mit Kate McIntosh

Einen ebenfalls stringenten, betont pointenarmen Duktus hat "Untried Untested" von Kate McIntosh – und ist doch ganz anders. Es geschieht nämlich die ganze Zeit etwas. Doch es führt scheinbar nirgends hin. Die vier Performerinnen experimentieren, als hätten sie nie eine Schule von innen gesehen. Zunächst mit Luftballons, die sorgfältig über den Bühnenboden verteilt sind, wo sie von Ventilatoren sanft in Bewegung versetzt werden. Luftballons lassen sich bekanntlich eine Menge Laute entlocken, bis zum finalen Knall. So kommt es, wie es kommen muss, bis alle Ballons kaputt sind.

untried 280 katemcintosh u"Untried Untested" © Kate McIntoshDann bringen die Performerinnen Bücherstapel auf die Bühne, heben Bücher hoch und lassen sie fallen, blasen neue Luftballons auf, lassen sie furzend fliegen oder atmen die Luft daraus wieder ein. Ein Stein, Federn, das lässt sich in unterschiedlichen Reihenfolgen aufeinander schichten. Seifenblasen gibt es auch. Ein Laubbläser wird in Anschlag gebracht. Der weht einiges weg. Aber den Stein nicht. Was ist bloß mit dem Stein los, scheint sich eine der vier Performerinnen zu fragen. Und auch ihre Kollegin bewegt sich kein Stück. Da muss doch noch was gehen. Rücksichtslos schleift sie den Körper über die Bühne, biegt die Gliedmaße in alle möglichen und unmöglichen Richtungen, steckt den Körper mit den Füßen voran in einen Jutesack und versucht den Oberkörper auch noch hineinzustopfen.

Aber es gibt mehr zu tun: Türme aus Büchern, Kartoffelsäcken, Tauwerk und Federn zu bauen. Dann entdeckt eine den Lichtschalter. Knipst an. Aus. An. Klingt, als wäre "Untried Untested" eine alberne Angelegenheit. Aber die Akteurinnen bleiben ernst. Staunen, experimentieren. In anderen Worten: McIntosh transponiert hier gleichsam Methoden der experimentellen Wissenschaft auf einen ganz grundlegenden Kenntnisstand, um etwas über alltägliche Dinge herauszufinden – Bücher dienen nicht als Text, sondern als stoffliches Material.

Lachen und wie es vergeht

Eine andere Schnittstelle erforscht Antonia Baehrs "Lachen". Von Freunden ließ sie sich Lach-Partituren schreiben, von denen sie beim PAZZ einige aufführte. Das hatte durchaus Längen, war aber in seiner musikalischen Abstraktion vom Lachen als Alltagsäußerung durchaus faszinierend. Mit großer Virtuosität zeigt Baehr dabei den enormen Facettenreichtum dieses eigentlich ja eher unplanbaren körperlichen Vorgangs, den sie mit ihrer Arbeit in eine regelrechte Kulturtechnik verwandelt.

vater1 280 moon saris uIlay und Gert den Boer in "This is my father"
© Moon Saris
Einer der Höhepunkte des diesjährigen PAZZ-Festivals war "This Is My Father" von Ilay den Boer (am vergangenen Wochenende auch beim Nachwuchs-Regie-Festival "Radikal jung" in Müchen zu sehen). Was beginnt wie ein ziemlich lustiges Buddy-Programm von Vater Gert und Sohn Ilay den Boer, die hier gemeinsam auf der Bühne stehen, zog so unmerklich wie unwiderstehlich in eine Problematik hinein, die weit über das Autobiographische hinausgeht: Die Existenz eines zeitgenössische Antisemitismus in den Niederlanden, die Vater Gerd, professioneller Schauspieler und so etwas wie ein alter Hippie, nicht wahrnehmen will. Da mag der jüdische Sohn noch so eindringlich seine persönlichen Erlebnisse mit Diskriminierung schilden, sie kommen nicht überein. Am Ende räumen sie gemeinsam auf. Allerdings räumt der Vater die Dokumente über antisemitische Straftaten immer wieder dorthin zurück, wo der Sohn sie gerade abgeholt hat. Ein unter die Haut gehender Abend – dass man an seinem Anfang noch gelacht haben soll, mag man hernach kaum noch glauben.

Bizarre Geschichten

Von den vielen kleineren Formaten seien beispielhaft zwei erwähnt: In "Coffee & Prejudice" wird man einzeln in eine Stube an einen Kaffeetisch geführt und bekommt einen Kopfhörer aufgesetzt. Dann kommen einer nach dem anderen drei Menschen, deren Stimmen der Betrachter oder die Betrachterin per Kopfhörer hört. Geschichten aus dem Leben der Menschen, die einem schweigend gegenübersitzen. Normale Geschichten, bizarre Geschichten, ergreifende Geschichten. Und immer versehen mit dem gelegentlich dramatisch verzögerten "Das stimmt – nicht". Oder eben doch. Die Sache mit dem Wäschefetischisten zum Beispiel, der in Kaufhäusern die Damenwäsche-Abteilung aufsucht und in der Umkleide in Büstenhalter onaniert. Stimmt. Nicht. Der Mann sitzt vor Ihnen. Schaut Sie unverwandt an. Und bis zum erlösenden "nicht" ist es dem Betrachtenden überlassen zu glauben, ob er nun diesen Fetisch hat oder nicht.

Äußerst charmant auch "My Place, Your Home (Help me make it happen)" von der irischen Künstlerin Priscilla Robinson. Einen leeren Container machte sie mit Unterstützung Oldenburger Bürger und Festivalbesucher zu einer heimeligen Begegnungsstätte, deren Inhalt zum Festivalabschluss am Sonntag verschenkt wurde. Auch dies ist natürlich eine Übertragung, eine gelungene zudem. Denn in dieser Arbeit konkretisierte sich auf besonders schöne und greifbare Weise der Gedanke, in der Container City einen Marktplatz des kulturellen Austauschs zu machen, den Festivalleiter Thomas Haus schaffen wollte.


Ten Journeys To A Place Where Nothing Happens
von Juha Valkeapää und Taito Hoffrén & Baltic Circle (Finnland)
Mit: Juha Valkeapää und Taito Hoffrén, Bärenskulptur: Veikko Räsänen

Untried Untested
von Kate MacIntosh (Belgien / Neuseeland)
Künstleriche Leitung & Konzept: Kate MacIntosh, Dramaturgie: Pascale Petralia, Kostüme: An Breugelmans, Lichtdesign: Minna Tiikkainen, Sounddesign: Charlo Calvo, Künsterlische Beratung: Tim Etchells, Wendy Houstoun, María Jerez, Christina Blanco, Ieke Trinks, Technik: Anne Meeussen, Philippe Digneffe, Produktion: Campo
Mit: Boglárka Börcsök, Nada Gabier, Sara Manente, Anna Whaley

Lachen
von Antonia Baehr (Deutschland)
Konzept, Interpretation, Komposition und Choreographie: Antonia Baehr

This is my father – The Promised Feast III
von Ilay den Boer (Israel / Niederlande)
Konzept: Ilay den Boer, Ausstattung: Edo Sutherland, Musik: Anan den Boer, Dramaturgie: Maya van den Heuvel-Arad
Mit: Ilay den Boer und Gert den Boer

Coffee & Prejudice
von MERCIMAX (Schweiz)
Konzept und Umsetzung: Karin Arnold, Jessica Huber, Ton: Mischa Robert
Mit: Tom Benke, Käte Brennecke, Eva Gagel, David Orwoll, Carola Papke, Loïc Schröder

My Place, Your Home (Help me make it happen)
von Priscilla Robinson (Irland)

www.pazzfestival.de
www.staatstheater.de


Auch bei PAZZ 2012 zu sehen: Die Oldenburger Eigenproduktionen Der kommende Aufstand nach Friedrich Schiller von andcompany&Co. und 2401 Objects von der britischen Gruppe Analogue.

 
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