Unter Pelzscheuklappen

altvon Guido Rademachers

Recklinghausen, 3. Mai 2012. VIP-Alarm vorm Festspielhaus. Schwere Limousinen verstopfen die beschaulichen Seitenstraßen mit dem vielen Grün und den zurückgesetzten Einfamilienhäusern. Die besonders schweren Gefährte mit Chauffeur parken direkt auf dem Vorplatz und sorgen für Stress bei den Ordnern. Im Foyer dringen Gesprächsfetzen ans Ohr wie: "Der konnte leider nicht kommen. Muss Wahlkampf machen in Dort... nein, äh, Düsseldorf."

Ein geradezu ideales Publikum für eine Aufführung des "Revisor", sollte man meinen. Immerhin handelt Gogols Komödie, wie das Programmheft ziemlich eisig ausführt, von "Amtsträgern" - und zwar von besonders skrupellosen und korrupten, die beim Erscheinen eines vermeintlichen Revisors gehörig ins Schleudern geraten. Das Programmheftfazit der "unglaublichen und zugleich auch unheimlichen Aktualität" Gogols wirkt mit Blick auf die zur Eröffnung der "Ruhrfestspiele Recklinghausen" geladenen Premierengäste erstaunlich provokant: "Die Amtsträger sind unter uns."

revisor1 560 thilo beu uAngestaubtes Pelzbild aus dem Komödienfundus: Der Revisor in Recklinghausen. © Thilo Beu

Stottern, knarzen, trippeln

Das war´s aber auch mit der Provokation. Die Amtsträger auf der Bühne gucken mürrisch unter dicken Pelzkappen zu den Originalen unter uns im Zuschauerraum zurück und geben schwer angestaubte Genrebildchen aus dem Komödienfundus zum Besten. Man stottert und verbiegt sich, knarzt griesgrämig vor sich hin oder trippelt devot dauergrinsend auf und ab. Die Damen zupfen an schäbigen Blümchenkleidern mit ausgestopfter Absurd-Oberweite, während Tatort-Kommissar Bernd Michael Lade als Stadthauptmann in der Elementar-Studie eines daueraggressiven und notorisch gewalttätigen Parvenüs den Spazierstock schwingt.

Ein wenig Licht ins Trübsal der abgehalfterten Komödienmittel bringt der irrtümlich für den Revisor gehaltene und im rostigen Metallrahmen einschwebende Chlestakov. Eine Weile hängt er in der Luft, dann gleitet er hinab zwischen Eisenträgern und einer undichten Pipeline, die auf einen Hintergrundprospekt mit endloser russischer Landschaft hin zuläuft. Unklar, ob Rohbau oder Ruine, doch selbstverständlich: Eine "Baustelle des Lebens". Jevgenij Sitochin zeigt Chlestakov als Lebens- und Schwebekünstler. Ohne Halt, quecksilbern. Ein weiches Menschlein, dauernd in Bewegung und mit einem Revolver im zu engen Sakko, um der Trostlosigkeit notfalls ein Ende zu bereiten. Ein Charlie Chaplin mit melancholischem Touch.

Klammern, abspulen, durchhalten

Auf diese Poesie, auf das Absurde der Existenz, will die sich in den beiden Hauptrollen an bekannte Schauspieler klammernde Inszenierung von Festspiel-Intendant Frank Hoffmann wohl hinaus und verabschiedet sich dabei von aller Brisanz. Unverbindlich wird "zeitlose Aktualität" eines 176 Jahre alten Textes behauptet und dabei biederstes Theater von Gestern abgespult. Kaum Lacher während der Vorstellung; ein die Applausordnung durchhaltender Beifall am Ende.

Die Ruhrfestspiele entstanden, als im Winter 1946/47 Bergarbeiter an der Militärpolizei vorbei Kohle an Hamburger Theater lieferten und diese dafür als Dank in Recklinghausen gastierten. An den "Tausche / Kohle gegen Kunst / Kunst gegen Kohle" erinnert im Foyer eine Inschrift. Auch sie scheint zeitlos aktuell, nur dass im Festspielhaus unter "Kohle" mittlerweile wohl etwas anderes verstanden wird und unter "Kunst" wohl auch.

 

Der Revisor
von Nikolai Gogol, Übersetzung: Peter Urban
Regie: Frank Hoffmann, Bühne: Christoph Rasche, Kostüme: Katharina Polheim, Dramaturgie: Andreas Wagner.
Mit: Jevgenij Sitochin, Bernd Michael Lade, Tatjana Pasztor, Larisa Faber, Rolf Mautz, Georg Marin, Steve Karier, Georg Luibl, Jean-Paul Maes, Marc Baum, Raoul Schlechter.
Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Théâtre National du Luxembourg und dem Theater Bonn.

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite von Deutschlandradio Kultur schreibt Ulrich Fischer (3.5.2012): Frank Hoffmann lasse eine "Typenkomödie" spielen. Das Ensemble versuche, "die Gestalten lächerlich erscheinen zu lassen, indem es wie Clowns spielt". Das wirke meistens "angestrengt, nur selten wirklich komisch". Überzeugender kämen Szenen "über die Rampe", in denen die "einzelnen Notabeln" versuchen den "vermeintlichen Revisor" zu bestechen. Den Schauspielern gelängen dabei "eindrückliche Studien der Würdelosigkeit". Bernd Michael Lade versuche, "sich von Clownerien fern zu halten" - sein Stadthauptmann sei ein "gefährlicher Würdenträger". Das Schlussbild zeige: "Die Korruption dauert an und es ist kalt, wo Bestechlichkeit und Unrecht herrschen. Nicht nur in Russland." Wegen dieser Aktualität sei der "Revisor", trotz "schwer erträglicher Ungeschicklichkeiten, ein gelungener Auftakt."

Ralph Wilms schreibt auf Der Westen, dem Online Portal der WAZ-Gruppe (4.5.2012): Hoffmann habe "ein überaus glückliches Händchen in der Auswahl seiner Hauptdarsteller" bewiesen. Bei Jevgenij Sitochin, als falscher Revisor "scheinbar zappelig, scheinbar hilflos", könne man "glatt übersehen, dass dieses Balancieren am Rande der Albernheit auch ein artistisches Meisterstück" sei. Für sich sei jede der übergroßen Gesten "affektiert", doch Sitochin mache daraus "ein pantomimisches Solo-Ballett". Bernd Michael Lade habe da "in keinster Weise mithalten" können. Anders als die Kollegen findet Wilms die Kostüme "allerliebst karikaturesk". Zehn Schauspieler setzten ein "Typen-Karussell in Bewegung, an dem man seine Freude haben" könne: "manchmal so klischeehaft 'russisch', dass man aufstöhnen möchte". Aber man erkenne stets jene Archetypen, die "keineswegs ausgestorben" seien. Diese Inszenierung sei zum Lachen, habe aber "durchaus ihre Abgründe".

Kritischer äußert sich Arnold Hohmann ebenfalls für die WAZ-Gruppe auf Der Westen (4.5.2012). Gogols "zeitlose Abrechnung mit der Korrumpierbarkeit und den Mauscheleien von Amtsträgern, erlebte man auf der Bühne des Festspielhauses als verstaubten, zahnlosen Comedy-Jux". Der Abend gefalle sich "mit seiner ausgestellten Albernheit", und "dem Festival scheint es genug, immer ein paar Prominente präsentieren zu können". Ernüchtertes Fazit: "Statt mit großem, begeisterndem Theater zu überraschen, eröffnen die Ruhrfestspiele, nicht zum ersten Mal, mit der ideenlosen Inszenierung eines immer noch wichtigen Stücks."

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.5.2012) das glatte Gegenteil: Die Inszenierung der "unverwüstlichen Komödie" komme "fast restlos" aus dem Theaterfundus: "mit Pelzmützen und -mänteln, Perücken und angeklebten Bärten, Monokel und Pistole", mit Figuren "im Habitus des neunzehnten Jahrhunderts", Russland, "verzottelt und vertrottelt wie aus dem Klischeebilderbuch". Knapp zwei Stunden lasse die Inszenierung keinen "leisen Zweifel" aufkommen, dass "Korruption und Vetternwirtschaft, Schlendrian und Unterschleif der Vergangenheit angehören. Am Ende rieselt der Schnee." Das Publikum sei sichtlich erleichtert.

In der Süddeutschen Zeitung (12.5.2012) schreibt Cornelia Fiedler: "Es hätte ein Spiel um Lüge und menschliche Schwäche werden können. Doch die Inszenierung versucht Komik aus dem endlosen Wiederholen langer, ungemein russischer Doppelnamen, aus Slapstick, Stottern und derbem Männerbund-Gepolter zu entwickeln. Jede Menge Wodka rundet den Klischee-Reigen ab." Gänzlich fehle der Versuch, den Text Gogols und seine einstige "Schlagkraft" ins Heute zu transportieren.

 
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