altJenseits der Hilfeschrei-Einfühlung

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. Mai 2012. Es ist auch unter neuer Leitung vieles beim Alten geblieben bei der Eröffnung des nunmehr 49. Theatertreffens. Der Kickerkasten in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele ist noch da (wenn auch vom Büffet vorerst an die Seite gedrängt), und wie seit einigen Jahren üblich verkaufen junge Damen mit Bauchläden nutzenfreie tt-Fanartikel, die – vermutlich gegen die Marketing-Intention – eher vereinsmeiernde Provinzialität als Weltläufigkeit ausstrahlen.

Die Kulturschaffendendichte ist wie immer immens hoch, ständig steht man in der Gefahr, Corinna Harfouch, Volker Schlöndorff oder Hans Neuenfels anzurempeln; und auch wenn der Regisseur Patrick Wengenroth im letzten Jahr vielleicht noch nicht im goldenen Glitzerfummel freizügig Männerspeck zur Schau getragen haben sollte, fühlt es sich so an, als sei es schon immer so gewesen.

Erwachsen geworden

Und doch ist etwas anders, und das liegt an diesem Abend nicht zuletzt an der Persönlichkeit des neuen Intendanten der Berliner Festspiele: Wenn Thomas Oberender gänzlich uncharismatisch und fern jeder Selbstfeier zur Eröffnung das Wort ergreift, dann meint man jemanden vor sich zu haben, dem es ernst ist mit dem Theater und der weiß, wovon er redet. Oberender erinnert an Theater in Not, etwa an das Theater in Gera, und er spricht von der tiefgreifenden Wandlung der Theaterszene, die sich gerade vollziehe und die sich auch im "erwachsener gewordenen" Theatertreffen zeige. Oberender formuliert das völlig unspektakulär, aber man folgt und glaubt ihm. Was schon eine ganze Menge ist.

Und wie um ein Zeichen für die Zukunft des Theaters zu setzen, räumt Oberender spontan Nils Strunk – einem der "Ernst Busch"-Schauspielstudenten, die vor den Toren fulminante "Bitte, bitte"-Sprechchöre performen – eine Minute Redezeit ein, damit dieser vor einem warm applaudierenden Publikum das Anliegen der Studenten ausbreiten kann.

Galgenhumoristische Pointierung

Danach ist wieder alles beim Alten: Die Kunst kann beginnen. Doch auch hier ist in Berlin, der deutschen Hochburg der Sarah-Kane-Rezeption, noch Neues zu erfahren: Johan Simons und sein grandioses Ensemble von den Münchner Kammerspielen führen in Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose vor, dass es möglich ist, Sarah Kanes Stücken mit Distanz und Ironie, mit galgenhumoristischer Pointierung und mit sprachlicher Instrumentationskunst zu begegnen. Kein krachender Schocker-Realismus in "Gesäubert", keine existentialistische Hilfeschrei-Einfühlung bei "Psychose".

448psychose5 560 julianroeder u© Julian Röder

Stattdessen gibt Annette Paulmann den brutalen Arzt Tinker aus "Gesäubert", den mancher regelmäßige Theatertreffen-Gast noch mit der schneidend kalten Darstellung von Ulrich Mühe in Verbindung bringen wird, als einen infantil regredierten Struwwelpeter und bringt so eine eigenartige Kindlichkeit der Gewaltfantasien Kanes ans Licht. Und Thomas Schmauser und Sandra Hüller führen, begleitet von elegischen Klavier- und Streichquintett-Klängen, in "Psychose" keine Verzweiflung vor, sondern sezieren mit präziser Nuancierungskunst die Sprache der Verzweiflung. Das lässt die Texte tatsächlich noch einmal frisch zur Erscheinung kommen. Und das ist doch auch schon eine ganze Menge.

Mehr lesen? Hier geht es zur Nachtkritik der Premiere vom 21. Januar 2012.

 

 
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