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Eine Werkzeugkiste

Wer ein Germanistik-Studium beginnt und mit der Masse an Einführungswerken in Berührung gerät, muss den Eindruck gewinnen, als wolle sich die Professorenschaft gegenseitig darin überbieten, das kompetenteste und verkaufsträchtigste Lehrbuch zu schreiben. Tatsächlich sind viele dieser Werke nichts weiter als schlecht geschriebene Redundanzparaden. Gänzlich freizusprechen von solcherlei Vorwürfen ist auch Franziska Schößlers soeben erschienene "Einführung in die Dramenanalyse" nicht. Die Trierer Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft verstand ihrer Version aber immerhin einige innovative Elemente beizumengen.

cover dramenanalyse schoessler 140In zehn jeweils mit zentralen Kategorien betitelten Kapiteln (u.a. "Sprache", "Handlung", '"Zeit") zeichnet sie ein umfassendes Bild von Mitteln und Techniken zur Analyse von Bühnenwerken. Nun kranken akademische Kompendien meist daran, dass sie aufgrund ihres stakkatohaften Stils und der auf engstem Raum zusammengetragenen Fachtermini eine gewaltige Informationsflut auslösen. Ein Umstand, der in diesem Fall aber nicht zum Nachteil gereicht, denn aufgrund der Übersichtlichkeit lässt sich das auf Bachelor-Studenten zugeschnittene Buch problemlos quer lesen und als Werkzeugkiste verwenden.

Wo die entscheidende inhaltliche Schwäche zu finden ist, zeigen hingegen besonders die zur Veranschaulichung dargebotenen Interpretationsskizzen. Hier erfolgt jedesmal zwar eine detaillierte Beschreibung von Inhalt und Form, aber eben keine Interpretation, sprich keinerlei Bewertung von Qualität oder Aussageabsicht des jeweiligen Stückes. Offensichtlich, so drängt sich als resümierende Impression auf, sollen Studenten nach wie vor nichts über die Bewertung eines Dramas lernen, sondern lediglich das Handwerk der Deskription beherrschen, welches schon republikweit in Leistungskursen der Oberstufe überbetont wird, während die Ausbildung zum kritischen Lesen keine wirkliche Rolle spielt.

Durchaus kritisch geht die Autorin hingegen mit der Kulturpolitik ins Gericht, prangert beispielsweise die materiell prekäre Situation des Schauspiel-Metiers an. Was das Werk darüber hinaus positiv von der Konkurrenz abhebt, ist der Blick über den literaturtheoretischen Tellerrand hinaus. So geht es nicht nur um Aristoteles, Lessing und Shakespeare. Es wird auch der Bogen gespannt von der Vorstellung der Theaterberufe über die deutsche Theatergeschichte bis hin zu dramendidaktischen Konzepten für die Schule. So viel Praxisnähe ist verdammt selten im universitären Einführungsliteraturbetrieb. Schade, einerseits. Andererseits gut für Schößlers Position im professoralen Überbietungswettstreit, denn gerade diese genreuntypischen Perlen sind es, die ihr Werk letztlich zum empfehlenswerten Einstieg in die Dramenanalyse machen. (Christian Baron)

 

Franziska Schößler:
Einführung in die Dramenanalyse.
J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2012, 277 S., 19,95 Euro

 

Fehlende Fülle

In Schweden lebt ein deutscher Dichter, im Erzgebirge vor 61 Jahren geboren, studierter Theologe, wegen "staatsfeindlicher Hetze" im Staate DDR einst zu sieben Jahren Haft verurteilt, freigekommen in die Bundesrepublik, Feuilletonredakteur danach für Die Welt, Reporter und im öffentlichen Schnellschubladenregister als konservativer Kommentator bekannt, der Gedichte seltener Schönheit schreibt und seit 1998 es vorzieht, im Norden zu weilen. Es ist dies ein Mann, dem seine geistige Unabhängigkeit heilig ist, was manchmal dazu führt, dass er schreibt, als nehme er es der Welt übel, dass sie ihn in seiner Denk-Unabhängigkeit nicht zu würdigen weiß. Es spricht auch Groll und Grimm aus seinen Versen, Verbitterung mitunter, zugleich aber großes Wissen darum, dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde als ein einzelnes Menschenherz und -hirn zu fassen vermag.

cover schacht schnee 140Jetzt sind Notate, tagebuchartige Beobachtungen erschienen. Am 8. März 2011 schreibt Ulrich Schacht: "Das Denken ist älter als der Denker, ist doch alles, worüber der Denker nachdenkt, Vor-Gedachtes." Wer so denkt, gewinnt – Wunderkraft der Widersprüche! – denkerische Freiheit. Das macht diese Notizen so irritierend und reich zugleich, so denk-herausfordernd. Schacht als bloße Außenseiterstimme im Diskursgebrumm des Kulturbetriebs zu nehmen, hieße ihn aber unterschätzen: Er liest das Zeit- und Kunstgeschehen quer, über Kreuz mit allen Erwartungen. "Hirnschmelze in Südwestdeutschland", notiert er nach dem Wahlsieg der Grünen in Baden-Württemberg. "Poesie, die nichts von Gott weiß – selbst im unausgesprochenen Wissen –, weiß nichts vom Wesen der Welt", schreibt er wenige Wochen später. "Sie ist leer, mag sie auch noch so viel Fülle vortäuschen. Fülle ist nicht Menge, noch Masse; Fülle ist Wesen, Substanz, ist, wenn es darauf ankommt, alles: in einem Wort, das vom Kleinsten handelt, vom Geringsten, Verlorensten."

Fülle ist vielleicht das, was unseren Gegenwarten am meisten fremd, fern ist. Kommt daher der häufige Eindruck der Leere, gerade in so beschäftigten Inszenierungen wie, zum Beispiel, Karin Henkels Münchner "Macbeth"? Weil hier jeder Sinn für (womöglich verlorene) Fülle fehlt?

Zu Christoph Schlingensief schreibt Schacht: Dass er am Ende seines Lebens eben dieses Leben "tief verzweifelt befragte ob seiner hektischen Leere und vertanen Chancen", das hätte die Feuilletonöffentlichkeit nicht einmal wahrgenommen, was die "Empathie für ihn und das, was sie sein 'Werk' nennen (...) vor allem zynisch" erscheinen lasse.

Schacht ist einer, der sich weder mit kühlem Zynismus noch mit lässiger Ironie zufrieden gibt. (Dirk Pilz)

 

Ulrich Schacht:
Über Schnee und Geschichte. Notate 1983 – 2011.
Matthes & Seitz, Berlin 2012, 335 S., 22, 90 Euro

 

Explodierende Worte

cover rozewicz traum 140Dass es ohne Tadeusz Różewicz, der 91jährig bis heute in Wroclaw lebt und arbeitet, keine europäische Moderne im polnischen Theater gegeben hätte, weil Stücke wie "Karthotek" oder "Der unterbrochene Akt" es ermöglichten, dass er zum "polnische Paten des Postdramatischen" wurde, wie Thomas Irmer auf nachtkritik.de einmal schrieb, muss kein Anlass sein, dass er weiterhin gespielt wird – literaturhistorische Gründe allein sind keine hinreichende Basis für die Theaterarbeit. Dass dieser Różewicz, in Polen vor allem als Lyriker hoch verehrt, hierzulande aber kaum mehr gekannt und gelesen wird und erst recht nicht gespielt wird (in Zittau sah ich zuletzt eine Różewicz-Inszenierung, das ist vier Jahre her), dass er also fast vergessen scheint, mag an der Kurzatmigkeit des Inszenierungs- und Literaturbetriebs liegen. 

Man bringt sich damit jedoch um die Chance, einem Dichter zu begegnen, der ästhetisch wie inhaltlich nichts an Aktualität verloren hat. Jetzt sind seine späten Gedichte erschienen, übersetzt von Bernhard Hartmann (der auch für nachtkritik.de schon arbeitete, hier zum Beispiel, oder hier). Einmal mehr darf man nun also entdecken, was man sich versagt, wenn man diesen Dichter nicht kennt: kantige, wahrnehmungsscharfe Verse, voll unversöhntem, also genauem, explosivem Erinnern. Jetzt darf man Verse wie diese lesen:

als ich ein Kind war

konnte man das Wort

auf eine Wunde legen

einer geliebten Person

konnte man es schenken


heute aber entkräftet

in Zeitung gewickelt

vergiften stinken sie noch

verletzen sie noch


versteckt in Köpfen

versteckt in Herzen

versteckt unter den Kleidern

junger Frauen

versteckt in heiligen Büchern

explodieren sie

töten

(Dirk Pilz)

 

Tadeusz Różewicz:
Und sei's auch nur im Traum. Gedichte 1998 – 2011.
Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Bernhard Hartmann.
Verlag Karl Stutz, Passau 2012, 226 S., 22,80 Euro

 

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