altNach Mexiko und ins All

von Grete Götze

Mainz, 11. Mai 2012. Die Länge der Inszenierung scheint so zufällig wie das Geburtsjahr des Regisseurs Pedro Martins Beja: So wie das Theater Osnabrück 1981 schreibt, die Berliner Schaubühne und das Staatstheater Mainz 1978 und das Schauspiel Frankfurt 1980, so könnte Martins Bejas Inszenierung von Paul Wiersbinskis Text "Autofahrt ins All" wie angekündigt eine halbe Stunde kürzer sein oder noch eine Stunde länger dauern. In diesem wie in jenem Fall kommt rüber: Das ist noch irgendwie jung und ausprobiererisch, mit Kunstnebel und viel Musik.

So nimmt es nicht wunder, dass "Autofahrt ins All" im TiC Werkraum des Staatstheaters Mainz aufgeführt wird, der Ausprobierbühne für junge Autoren und Regisseure, durch deren Förderung sich Intendant Matthias Fontheim einen Namen gemacht hat, dort, wo zum Beispiel schon "Balkanmusik" in der Regie von Jan-Christoph Gockel oder Uns kriegt ihr nicht der 1983 geborenen Autorin Lisa Danulat uraufgeführt wurden.

Rasante Wechsel in glänzenden Kostümen
Nun also ein Abend des verheißungsvollen Martins Beja, der in Frankfurt mit dem ehemaligen Städelschüler Wiersbinski (nachweislich Jahrgang 1983) schon den Frankfurter Stadtraum mit "Red Light Red Heat" erkundete. Und sogar bereits den Text "Autofahrt ins All" bei seiner szenischen Einrichtung 2011 im Rahmen des Mainzer Förderprogramms "Text trifft Regie".

Im TiC Werkraum tanzen, singen und sprechen Tilman Rose, Mathias Spaan und Pascale Pfeuti vor und hinter einem goldenen Vorhang, was das Zeug hält. Rose tritt mit goldenen Stiefeln und Cowboyhut auf die Bühne, Pfeuti im kleinen Paillettenkleid, und Spaan glänzt ebenso. Die Spielgeschwindigkeiten wechseln rasant, ebenso wie die Lichtverhältnisse, die Kostüme, die Spielorte und die auf eine Leinwand projizierten Selbstfilm-Bilder. Der am Ende gesprochene Satz "Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben" scheint Legitimation dafür zu sein, dass der Zuschauer in eineinhalb Stunden eine wilde Zeitreise von einer Fernsehgegenwart in eine Mozartvergangenheit hin zu einer Tim Burton'schen "Alice im Wunderland"-Zukunft macht.

Flucht vor der Verquickung von Liebe und Konsum
Irgendwie geht es dabei um eine Hartz IV-Kneipe, in der es zwischen 12 und 16 Uhr das Bier kostenlos gibt. Irgendwo, in einer Welt ohne Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft, bewegen sich die Figuren eins, zwei und drei, um sich auf den Weg nach Mexiko und ins All machen, um vielleicht der Verquickung von Liebe und Konsum zu entkommen, was einem durch René Pollesch bekannt vorkommt. Und irgendwann hoppeln eins, zwei und drei mit einer Rakete in den Mainzer Stadtraum davon. Aber das alles ist, obwohl systemkritisch, nicht sinnhaft – der Blick in den 26 Seiten langen Text hilft wenig, auch nicht der vorangestellte Hinweis, dass auf vorgegebene Personen-, Inszenierungs- oder Raumanweisungen "zugunsten der Imagination des Lesers und der Flüssigkeit des Textes verzichtet wurde".

Dafür ist der Abend lustig, oft mit Hilfe von Redundanz, und das ist ja auch schon etwas: Pfeuti amüsiert nicht nur beim auf die Leinwand projizierten Augenaufschlag zu den kitschig gesungenen Zeilen "Liebe tut weh". Rose hat auf seinem wiederholten Weg zu seinen gerade in Puffärmeln gewandeten Mitspielern einen skurrilen Zeitlupenauftritt mit zwei Eiswaffeln, die vor den Augen der Zuschauer zerfließen und deren größere Stücke er immer wieder aufzuheben und neu ins Eis zu integrieren versucht. Spaan trollt sich auf dem Kopfsteinpflaster vor dem TiC und macht die komischsten Grimassen. Irgendwann sagt er als Irgendjemand im Irgendwo: "Ich glaub, ich habe vergessen, warum wir hier sind." Das ist zunächst deswegen lustig, weil es den Bühnenmoment treffend beschreibt. Aber dann horcht der Zuschauer auf. Denn auch wenn im Programmheft steht, dass die Strukturen des Stückes selbst zum Inhalt werden, auch wenn das eine teils genau gearbeitete Inszenierung mit phantasievollen Einfällen ist, auch wenn sich die Spielfreude der Schauspieler wunderbar überträgt: Etwas mehr Inhalt dürfte es schon sein.

Autofahrt ins All (UA)
von Paul Wiersbinski
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne und Kostüme: Sophie Du Vinage, Musik: Jörg Follert, Licht: Jürgen Sippert, Dramaturgie: Barbara Stößel.
Mit: Tilman Rose, Mathias Spaan, Pascale Pfeuti.

In Zusammenarbeit mit uniT Graz

www.staatstheater-mainz.com

 

 Kritikenrundschau

Andreas Schermer schreibt im Wiesbadener Tageblatt (14.5.2012): "Dank des überzeugenden Spiels" von Pascale Pfeuti, Mathias Spaan und Tilman Rose habe das Stück selbst in "seinen abstrusen Zügen etwas Selbstverständliches". Die Parallel-Monologe seien so rasant, dass man deren "philosophische Tiefe" schwer erfassen könne. Einmal dagegen komme die Bewegung fast ganz zum Erliegen und taste sich "unerschrocken an die Zumutbarkeitsakzeptanz des geduldigen Publikums". 15 Minuten bewege sich Tilman Rose als eisservierender Barock-Diener "unwahrscheinlich langsam". Der Handlungsfokus sei dabei ganz auf das Schmelzen der Speiseeiskugeln gerichtet. Das Publikum sei "verblüfft, entnervt und fasziniert zugleich". Mit jähem Schlag platze die Zeitblase und die "Handlung" gehe weiter. Aber eigentlich habe alles gar keinen Sinn und sei trotz Unterhaltungswert nur bedingt zu empfehlen.

 

 
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