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Der komische Horror der Reproduktion

von Michael Stadler

München, 12. Mai 2012. Wäre ja schön, wenn das mit den Kindern ein Kinderspiel wäre, locker, flockig, poppig, ein bisserl wie so ein Performance-Abend, bei dem auch gesungen wird. So Lieder wie "Chew your bubblegum". Kau' deinen Kaugummi, das klingt doch drollig. Wer kaut und pustet, kann Blasen machen. Aber leider steigt die Verzweiflung bei Eltern wie Kinderlosen immer wieder hoch, ähnlich einem mit Helium gefüllten Luftballon. So wenig Luft, so viel Druck. Man könnte platzen und tut es nicht, vielleicht auch, weil es – was für ein Trost! – den anderen bestimmt genauso geht. In Online-Foren bietet sich den Kinderkriegern die Möglichkeit zum Austausch über den täglichen Nahkampf mit sich und dem Nachwuchs. Hier kann man alles durchkauen. Wortbläschen machen.

kinderkriegen2 280 thomas dashuber uElternaufstellung: "Kinderkriegen"
© Thomas Dashuber
Was in mütterlichen Köpfen vor sich hinwuchs und in einem Chatroom das Licht der Internetwelt erblickte, legt Kathrin Röggla dokumentarisch frisch zu Beginn ihres neuen Werks "Kinderkriegen" einem Chor in den Mund. Dieser Chor ist in der Uraufführung des Stücks im Cuvilliéstheater (Geburtshelferin: Tina Lanik) zwar schon rein äußerlich nicht griechisch, jedoch irgendwie tragisch in seiner dringlichen Suche nach ausbleibenden Antworten. Es sind Individuen, die sich nach Solidarität sehnen, nach einem Wir-sind-alle-in-einem-Boot-Gefühl. Aber sie werden immer wieder einzeln aus der Gruppe ausgespuckt, stehen da als Gegenpart, um nach dem Sprech-Akt wieder in die Menge eingesogen zu werden. Besonders schwer hat es "die Kinderlose": Sie würde gerne im andauernden Kinder-Diskurs mitreden und sitzt doch in ihrer Außenseiterposition fest. Allein die Nerdbrille rutscht Hanna Scheibe von der Nase und fällt in eine Spalte der Bühnenspirale von Stefan Hageneier.

Erschütternde Basslinien und erleichternder Groove

Kurz- wie weitsichtig möchten sie alle sein, gegenwartsintensiv leben, gleichzeitig zukunftsorientiert. Die Kinder werden es schon richten, oder? Wo sind die eigentlich? Während die nächste Generation in Rögglas Stück unsichtbar bleibt, lässt Lanik kurz den Sohn des "Engagierten" auftauchen. Von oben hängt Gunther Eckes sicher gegürtet herab, unten steht der Bub. Beide mit gelbem Luftballon in der Hand, beide mit Brille, Strickmütze und -schal. Der komische Horror der Reproduktion. Spiegelbild erwünscht, aber es ist halt eine Miniatur! Einfangen lässt sich der Kleine nicht, aber das Kind im Manne und in der Frau ist sowieso immer präsent: im irgendwohin wuchernden Diskurs von Röggla, in der Spiellust des Ensembles – und in der Person von Polly, Sängerin der Band Pollyester.

kinderkriegen1 560 thomas dashuber uIm Geburtskanal: "Kinderkriegen" © Thomas DashuberMit Drummer Manuel da Coll schlägt Polly von der Seite Klangwellen in die geburtskanalartige Röhre und springt auch selbst auf die Bühne, um im roten Feenkleid hüpfend jedweden Ernst in die Flucht zu schlagen. Geplant war von Anfang an ein Singspiel – nachdem die Wiener Musikerin Gustav absagen musste (sie erwartet ihr zweites Kind), kam Polly an Bord und macht als passender Ersatz das Mütter-Musical-Projekt perfekt: Sie hat genauso wie Autorin Röggla und Regisseurin Lanik jungen Nachwuchs und kann Bass-Linien ziehen, die auch Erwachsene in ihren Sitzen wackeln lassen. In Pollys Songs, basierend auf Rögglas und eigenen Texten, finden die Sorgen und Frustrationen der Eltern zum erleichternden Groove: "Katastrophe", singt Juliane Köhler als "die alte Mutter" und hat den Blues. "Katastrophe, wenn man nur mehr wahrnimmt, wie andere durchschlafen können."

Im Club der Latte-Machiato-Eltern

In welchem Lebensentwurf man sich auch gerade befindet, das Glück mag sich nicht einstellen. Es ist immer ein zu wenig oder zu viel, ein Gleichgewicht zwischen Erziehung und Beruf findet sich nicht. Die Rabenmutter (Friederike Ott) lässt sich, wie schäbig, im ICE ihr Kind erst in Augsburg reinreichen, die Oma (Ulrike Arnold) kann nicht verstehen, dass ihre Tochter vom Singleleben träumt. Die Männer wünschen sich ganz andere Dinge: Der Bundestagsabgeordnete (Arnulf Schumacher) will sich nur profilieren, der "Spätberufene" (Leopold von Verschuer) gesteht seine Lust auf Sex – vor und während und nach der Schwangerschaft! Früher schon greift der Lufthansamensch (Miguel Abrantes Ostrowski) der Kinderlosen geil zwischen die Beine, woraufhin diese seine Hand einklemmt. Nix mehr mit Freiheit – am Ende ist auch sie schwanger und steht doch nicht im Rampenlicht.

Willkommen im Club der Latte-Macchiato-Eltern, der Angstgetriebenen und Überengagierten, die sich um die beste Förderung ihrer Leibesfrucht sorgen und dessen Genie bereits entdeckt haben wollen. An den Wänden der Unglücksspirale findet keiner einen Halt. Elternschaft, das ist eine ewige Rutschpartie, und bei Röggla und Lanik eine satirische, um ein paar Schreckschraubenwindungen überdrehte Show. Für eine Stunde und vierzig Minuten macht das im Pollyester-Gewand sogar Spaß. "Ein Mann, ein Ball, ein Schuss, ein Hans" wurde da gesungen, während in Berlin die Bayern gegen Dortmund im Pokalfinale verloren. Ach ja, Fußball. Tore schießen. Auch das kein Kinderspiel.

 

Kinderkriegen. Ein Musikstück
von Kathrin Röggla
Regie: Tina Lanik, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Pollyester, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Juliane Köhler, Leopold von Verschuer, Ulrike Arnold, Friederike Ott, Arnulf Schumacher, Miguel Abrantes Ostrowski, Hanna Scheibe, Gunther Eckes.

www.residenztheater.de/


Kritikenrundschau

Als "satirische Sause" über "den labilen Hüpfburgfrieden zwischen Eltern und Nicht-Eltern" empfindet Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung (14.5.2012) das neue Stück von Kathrin Röggla. Weil die derzeitige Elterngeneration längst dem "Konsenshumor" preisgegeben sei, brauche es schon "bösen Witzes einer Kathrin Röggla", um "noch etwas zusetzen zu können". Die "Sprachkritikerin Röggla" habe "sich umgehört auf den Spielplätzen und in den Elternforen im Internet und die Soundbites überspitzt", um eine "Sprechoper der elterlichen Uneigentlichkeit" zu schaffen. Doch "die filigrane Rhetorik geriet unter die Kinderwagen-Räder bei dem Versuch, das Ganze gewaltsam in das Genre des Musicals zu pressen". Die Inszenierung verlege sich "auf dekorative Gruppengymnastik und chorisches Skandieren. Das wirkt bunt und aufgekratzt, geht aber zu Lasten des Textes".

"Mittelstandsclownerien" hat Mathias Hejny von der Abendzeitung (14.5.2012) im Cuvilliéstheater gesehen. Rögglas Stücke biete "eine weitgehend unstrukturierte Materialsammlung zum Thema Kinderhaben und Kindernichthaben, zu der in der Inszenierung von Tina Lanik das Münchner Duo Pollyester angemessen unbedeutend minimalistischen Pop beisteuert". Die Darsteller eschienen "meist als antiker Chor in Super-gut-drauf-Tanzlaune". Das Ganze sei eine "windelweiche Show", der der Kritiker "mal mehr, mal weniger gelangweilt" zuschaute.

 
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