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Spielzeug kaputt

von Ute Grundmann

Chemnitz, 12. Mai 2012. An Herodes' Hof ist die Spaßgesellschaft eingezogen. Anything goes, jeder darf, will und nimmt sich alles, nur die kleine Prinzessin bekommt nicht, was sie will, da kann sie noch so sehr mit dem Fuß aufstampfen. Sie selbst aber, Salome, wird zum Wunschbild aller Männer, das aus ihrem (Kinder-)Zimmer auf die Rückwand des Thronsaales projiziert wird wie bei einer Peepshow.

Als ziemlich wilde Mischung aus Psychologie und Tortenschlacht hat Claudia Bauer Oscar Wildes Einakter "Salome" am Chemnitzer Schauspiel inszeniert. Mit Kreide strichelt Salome (Daniela Keckeis) eine Silhouette auf den Eisernen Vorhang. Als einen großen, schmalen Körper mit sehr langen Haaren zeichnet sie Jochanaan als Wunsch- und Angstbild auf die graue Fläche, spricht, flüstert, phantasiert von gräßlich roten Lippen, die verlockend und gefährlich zugleich sind. So läßt Claudia Bauer das Mädchen in weißem Mini und rosa Felljäckchen vom geliebt-gefürchteten Propheten träumen, noch ehe sie ihn gesehen hat.

Blutige Rutschpartie

Dann öffnet sich der Eiserne und wir sind in einem Reich der Langeweile, des Überdrusses. Die Ausstatter Patricia Talacko und Bernd Schneider haben einen Allerwelts-Bankettsaal auf die Bühne des großen Hauses gebaut, Tische sind mit goldenen Decken verhüllt, daran sitzen vier gelangweilte Höflinge, die mal in aggressive Diskussionen um Juden, Götter, Opfer und Blut ausbrechen, dann wieder in ihre Lethargie zurückfallen. Sie kann nicht mal der nackte, langhaarige Jochanaan (Bernhard Conrad) aufregen, der zwischen ihnen auftaucht, düstere Prophezeiungen und böse Anschuldigungen spricht und wieder verschwindet. Nur Salome lacht ihn aus und fürchtet ihn, starrt ihn nur an und will dann nichts mehr außer ihm.

salome3 560 dieter wuschanski  die theater chemnitz ggmbh hSalomé alias Daniela Keckeis  © Dieter Wuschanski

Dieses Stück war mal ein Skandal. 1892 wurde es mit Sarah Bernhardt in London einstudiert, vom Zensor verboten und schließlich zum Libretto für Richard Strauss' Musikdrama. Oscar Wildes Theaterstück wurde erst 1905 in Dresden uraufgeführt, im selben Jahr kam es zum ersten Mal auf ein englische Bühne. Von solcher Brisanz oder einem Skandal ist Claudia Bauers Inszenierung weit entfernt. Und es scheint nie ganz sicher, ob sie das Stück ernst nimmt oder sich nur einen Spaß daraus macht. Wenn ein junger Hofbeamter sich Salomes wegen ersticht, pumpt er Blut aus einem Schlauch in seinem Jackett; Blut, auf dem Herodes und Herodias komisch ins Rutschen geraten.

Hitzige Tortenschlacht-Debatte

In der Dreierkonstellation dieses seltsamen Elternpaares mit der Tochter Salome aber gelingen immer wieder dichte Szenen, etwa wenn Herodes (Wenzel Banneyer) das Mädchen vor den Augen der Mutter zu verführen sucht: Herodias läßt sich immer wieder mit unsinnigen Aufträgen wegschicken, kehrt aber schnellstmöglich zurück, mindestens so sehr, um die Tochter zu hüten als auch, um sich selbst wieder ins (Liebes-)Spiel zu bringen. Susanne Stein spielt das sehr vielschichtig, hinter der Fassade brodeln Eifersucht, Wut, Verlassenheit, Häme – die Stein ist da sehr souverän im Chaos um sie herum. Und Salome sitzt in all dem wie ein Schulmädchen, schaut sich die Welt an und sieht doch nur einen.

Doch Claudia Bauer will mit diesem 80-minütigen Einakter auch unbedingt komisch sein. Da endet dann eine hitzige Debatte um Völker und Religionen in einer Tortenschlacht, die ausgewalzt wird, bis alle triefen und der Boden eine Rutschbahn ist. Da wickeln sich die Höflinge in die goldenen Tischtücher und tanzen Polonaise, auch die "Reise nach Jerusalem" wird nicht ausgelassen. Und Salome braucht weder Tanz noch Schleier, um von Herodes den Kopf des Propheten zu fordern: Nackt – wie Jochanaan – trällert sie wie weiland Marilyn Monroe "Happy Birthday, Mister President", nur dass dieser Herodes kein Kennedy ist.

Mit dem Ende aber ist dann aller Jux vorbei. Und wieder findet die Regisseurin einen eigenen, gelungenen Zugang. Was auf so vielen bluttriefenden Gemälden festgehalten wurde – die Enthauptung des Jochanaan –, findet hier hinter der Szene statt. Die Höflinge starren drauf, Salome spricht, fast ungläubig, die Beschreibung des Geschehens. Und dann erscheint Jochanaan, nun im Anzug, (s)einen Puppenkopf im Arm und setzt sich auf einen Stuhl. Ein Theatercoup – der aber für Salome todernst ist. Denn so sehr sie auch fleht, küsst und ihn umarmt: Sie hat ihr Spielzeug kaputtmachen lassen, der Kuss, den sie sich am Ende doch noch holt, ist bitter.

 

Salome
von Oscar Wilde
Deutsch von Hedwig Lachmann
Regie: Claudia Bauer, Bühne und Kostüme: Patricia Talacko, Bernd Schneider, Musik: Smoking Joe, Dramaturgie: Matthias Huber.
Mit: Daniela Keckeis, Bernhard Conrad, Wenzel Banneyer, Susanne Stein, Constantin Lücke, Tilo Krügel, Hartmut Neuber, Sebastian Tessenow, Michael Pempelforth.

www.theater-chemnitz.de

 

Kritikenrundschau

Matthias Zwarg schreibt in der Chemnitzer Freien Presse (14.5.2012): Claudia Bauer stelle das Stück, dessen Parallelen zu unserer Zeit fehlender "Utopien und Werte" unübersehbar seien, "mittels einer gewissen Bagatellisierung der Wilde'schen Sprache" und mit passend ausgewählter,"nie vordergründiger Musik" ins Zeitlos-Zeitgemäße zwischen "spätrömischer Dekadenz", Wirtschaftskrise der 1920er Jahre und kriselnder Gegenwart. Das Ensemble hauche dem "frivol-lasterhaften Hofstaat" immer wieder mitreißend "mimisch-gestisches Leben ein". Daniela Keckein spiele Salome "zwischen verwirrter Naivität und bockigem Selbstbewusstsein" überzeugend, "außer, wenn sie ganz laut werden muss". Bernhard Conrad den Jochanaan auf "schmalem Grat" zwischen "nackt-verletzlichem Sendungsbewusstsein" und, wenn er etwa von der "ich-faschistoiden Selbstdiktatur" spreche, "oberlehrerhaftem Besserwissertum".

Weil "die Verhältnisse einer spätantiken nicht einfach auf die heutige Welt zu übertragen" seien "und auch Wildes schwärmerisch schwüler Text vor allem in den seinerzeitigen Tabubrüchen kaum noch nachvollziehbar" sei, komme es bei Claudia Bauers in die Neuzeit verpflanzte "Salome"-Inszenierung "nahezu zwangsläufig zu Brüchen ins Absurde, Groteske, Lächerliche, Widerwärtige, Verächtliche", meint Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (23.5.2012). "Die Besudelung im wörtlichen und übertragenen Sinne" sei "ein Hauptmotiv in dieser Inszenierung, was aber insgesamt weniger expressiv, manchmal schräg, selten bestürzend, gelegentlich aber auch nur gewollt wirkt." Man könne "die Inszenierung provokant, kurzweilig, widersprüchlich finden, manches ihrer Mittel aufgesetzt oder buchstäblich an den Haaren herbeigezogen", aber sie versinnbildliche "nicht nur eine durchaus reale Dekadenz", sondern schaffe "auch immer wieder Momente, in denen der Atem stockt."