Mehr sein als Hüter von Büchern und Enkeln 

alt

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 13. Mai 2012. Die wackeren Oldies waren, wenn's wahr ist, aus anderem Schrot und Korn: So jedenfalls lautet ihre Selbsteinschätzung angesichts der deutlich leiseren jüngeren Generationen. Die wahren Kerle also, das waren die Alten. Politisch engagiert gingen sie auf die Straße, wenn's sein musste. Die Südamerikanerin Lola Arias hat genauer hingeschaut – und als erstes ausgerechnet eine Trantüte entdeckt. Nein, das ist zu deftig formuliert. Die ältere Dame, ihre Mutter, ist wirklich krank, ertränkt von der sprichwörtlichen schwarzen Galle, der Melancholie. Wann deren Pegelstand gestiegen ist? 1976, nach dem Militärputsch in Argentinien. Die Regisseurin/Autorin Lola Arias ist im gleichen Jahr zur Welt gekommen, und sie argwöhnte, womöglich selbst Ursache der mütterlichen Depression zu sein. Das war sie definitiv nicht. Im Stück, einem Schreibauftrag der Wiener Festwochen, kommen Kommentare zur politischen Lage von damals leider nicht mal in Spurenelementen vor.

melancoliaym1 560 lorena fernandez u Lola Arias im Vordergrund erzählt aus dem Leben ihrer Mutter. © Lorena Fernandez

Melancolia

Wir lernen die Dame als Bewohnerin einer kleinen Guckkastenbühne mit Jalousie vorne kennen. Manchmal wird von seitwärts hinein gefilmt und wir sehen das Gesicht der Frau als Projektion auf den Lamellen. Die werden dann geöffnet, und in kleinen Spielszenen entsteht ein kaleidoskopartiges Bild des moll-trüben Lebens einer im Kopf linksdrehenden Literaturprofessorin. Politisch hat sie sich nicht exponiert, sondern eben emotional ausgeklinkt. Der Lebensentwurf wäre vielleicht ein anderer gewesen, aber darüber verrät Lola Arias so gut wie nichts. Es wird wohl auch in argentinischen Familien zwischen Müttern und Töchtern viel geschwiegen.

Die Tochter ist gleich Regisseurin ist gleich Sprecherin. Sie steht links vor dem Bühnenkästchen an einem Mikro und erinnert sich an eine Frau, die lieber im Bett geblieben ist, die in ihrem Leben viele Psychiater und Therapeuten verschlissen hat, oft über Selbstmord nachdachte. Wir sehen die Mutter beim Seniorensingen und Seniorentanzen - all das soll sie wohl auf bessere Gedanken bringen.

melancoliaym4 560 lorena fernandez u© Lorena Fernandez

Ach ja, muntere Phasen hat sie schon auch gehabt, die Frau Mama. Dann hat sie Dinge hinausposaunt "wie Zeitungsmeldungen in einem Land ohne Zensur". Und die Kleptomanie scheint eine persönliche Schwäche gewesen zu sein. "Ein Robin Hood des Shopping Centers", sagt die Tochter, die zuletzt übrigens die Kleider der Mutter anzieht und sinniert, ob die Depression, womöglich vererbt, auch sie erfassen könnte. Da sitzt die Mama im Schlafrock wie üblich ernst dreinblickend dar, und die Szene ist eine Paraphrase auf die Radierung "Melancholie" von Dürer.

Manifestciones

Die Stärke südamerikanischen Autorenkinos ist die genaue Menschenbeobachtung und das unprätentiöse, latent ironische Erzählen von all den größeren Dramen und kleineren Schrullen. In diesem Fahrwasser bewegt sich auch die Theatermacherin Lola Arias. Dass sie politisch so gar keine eigene Perspektive entwickelt, lässt "Melancolía y manifestaciones" etwas biedermeierlich wirken - als eine bunte, liebenswürdige Szenenfolge.

Die vier weiteren alten Leutlein auf der Bühne, die Frau Arias senior im ersten Teil Requisiten und die Jalousien zugereicht haben, melden sich spät erst zu Wort. Da werden nach der "Melancolia" in einem temperamentvollen Abgesang die "Manifestaciones" im Stücktitel eingelöst. Eine Senioren-Demonstration habe sie in Buenos Aires zufällig erlebt, schreibt Lola Arias dazu. Die Über-Siebzigjährigen forderten höhere Pensionen.

Da hakt Lola Arias nun ein, aber dieses Grüppchen will viel mehr als deutlich mehr Geld. "Wir haben es satt, Statisten zu sein", auch wenn die vier geeichten Protestierer einräumen, dass ein Blick in die Statistiken sie lehre, "dass wir jenseitig sind". Sie heischen nach Selbstbestimmung und Zutrauen in die eigenen Kräfte und Erfahrungen. Ihre verbale Auflistung, die gute zwanzig Minuten des siebzig Minuten dauernden Theaterabends einnimmt, zielt auf Selbstbestimmung und Zutrauen in die eigenen Kräfte und Erfahrungen.

Auch da fehlt es nicht an sympathiesteigernder Selbstironie, und man hält den älteren Leutlein die Daumen, dass es ihnen gelingen möge, mehr zu sein als "Leser und Hüter von Büchern und Kindern". Am Ende ziehen sie sich aus, und wenn sie so in Negligé und Unterhosen dastehen, relativiert sich aller Jugendwahn: So schön können echte alte Körper sein, die nicht weniger zu erzählen wissen als ihre Bewohner.

Das vorwiegend junge Publikum dieser Auftragsarbeit für die Wiener Festwochen hat sich sichtlich angesprochen gefühlt von Lola Arias' unprätentiös beschreibenden Theater, das in ganz simplen Bildern doch auch Poesie entwickelt. Alltagshelden müssen sich nicht durch Heldentaten bewähren.

 

Melancolia y manifestaciones / Melancholie und Protest (UA)  
Text und Inszenierung: Lola Arias, Bühne: Mariana Tirantte, Musik: Ulises Conti, Dramaturgie: Sofia Medici.
Mit: Lola Arias, Elvira Onetto, Mario Aitel, Vicente Fiorillo, Ernestina Ruggero, Noelia Sixto.

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Ebenso sensibel wie unsentimental findet Hilde Haider-Pregler von der Wiener Zeitung (15.5.2012) diese Suche nach der Antwort auf die Frage, ob es es einen Schnittpunkt zwischen "privater Biografie und öffentlicher Geschichte" gibt. Aus Sicht der Kritikerin "eine mit multimedialen Mitteln gestaltete, aussagestarke Performance, die Sprache, Darstellungskunst, Choreographie und Bildwirkung zu einem lange nachwirkenden Gesamtkunstwerk vereint."

Das größter Problem dieses Abends sei sein Dilettantismus, schreibt Barbara Petsch in der Wiener Presse (15.5.2012). Trotz des sympathischen Ensembles habe die Aufführung etwas von einem bunten Abend, Überschrift: 'Lasst uns unsere Probleme spielen!' "Die Darstellung psychischer Krankheiten wirkt schlicht, die Verbindung von Innen- und Außenwelt nicht schlüssig. Es muss nicht immer das Luxuriöse (Cate Blanchett und Co.) sein, aber wenn die Festwochen Theaterentwicklungshilfe betreiben, sollte das Ergebnis inhaltlich, szenisch innovativer sein. Das Premierenpublikum schien dennoch erfreut."

Lola Arias' Methode, ihre Szenen in Kapiteln vorzuführen und das Dokumentarische poetisch anzureichern, wirke, schreib Helmut Ploebst im Wiener Standard (15.5.2012). Allerdings bemängelt er, dass "dem Aufstand der Alten deutlich weniger Tiefenschärfe zugesprochen wird als der Darstellung der Mutter. Daran könnte die Autorin noch arbeiten."

Lauter "ungeheuerliche bis banal-grotesk-schauerliche Binsenunweisheiten", hat Gerhard Stadelmaier von der FAZ (15.5.2012) an diesem Abend gehört, den er in einer Feuilletonglosse verhandelt. Aber: So sterbensflott und lebenslustig sei das im Theater bisher noch nicht ausgesprochen worde, Stadelmaier zufolge auch "sehr belacht von den Jungen im Parkett."

Der Krankheit ihrer Mutter wie der Frage nach der Politik gehe Lola Arias in "kurzen, oft heiteren Szenen" nach, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (29.5.2012). Das Politische komme zugunsten des Schrulligen arg zu kurz. Dem Vorwurf, die Krankheit auszubeuten, entgehe Arias "mit entwaffnendem Charme" – "und wenn ihre Senioren am Ende zum Protest der Alten auftanzen und sich provokativ bis auf die Unterwäsche ausziehen, ist ihnen der Sieg gewiss."

 
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