altAm Beduinenstammtisch

von André Mumot

Hannover, 19. Mai 2012. Manchmal fragt man sich, was das Ganze eigentlich soll. Und bekommt man dann eine eindeutige Antwort, denkt man: Hätte ich bloß nicht gefragt. So ist das an diesem Abend im Schauspiel Hannover leider auch. Denn am Ende steht Mira Partecke als Abendkleidsmoderateuse im nachgeahmten heißen Wüstensand und erklärt uns mit einem Brustton der Überzeugung, dass der Fernseher an allem schuld ist. Oder nein, noch schlimmer: Wir selber sind schuld, weil wir den Fernseher anschalten.

Die richtige Wüste in der falschen

Denn im Fernsehen werde grundsätzlich aus allem Fremden, doziert sie uns in wackeligen Sätzen, etwas Vertrautes gemacht, damit wir uns einreden können, dass wir es verstehen. Und das ist nicht gut. Als glorreiches Beispiel für diese These dient dann eine uralte Aufzeichnung von Bill Ramseys Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe, die nämlich am Ende vom Lied aus Wuppertal kommt und nicht aus dem Orient.

Und deshalb, so heißt es sehr pädagogisch, fänden wir auch die Julija Timoschenko so toll. Weil sie aussieht wie die Frau Ferres. Und vielleicht stimmt das sogar, aber dass der ganze Aufwand dieses langen Abends auf so ein unterkomplexes Häuflein Kulturkitikselend zusammenschrumpft, ist dann doch ziemlich unverzeihlich.

lawrence3 560 katrinribbe uMira Partecke im Hannoveraner Wüstencamp  ©  Katrin Ribbe

Dabei zeigt im ersten Teil noch ein anderer deutscher Schlager, dass es so einfach nun wirklich nicht ist. Da dröhnt nämlich Katja Ebsteins Inch' allah aus allen Lautsprechern, eine politisch bewegte, sehr beeindruckende Kitschballade über die Zustände im Nahen Osten ("Dort an dem Weg ist jeder Stein, auf den man tritt, befleckt mit Blut"). Und während die noch als Scheherazade verkleidete Mira Partecke hierzu pathetisch die Lippen bewegt, geht der türkische Luftangriff auf einen Beduinenstamm nieder. Die Schauspieler ducken sich in ihrer falschen Wüste, das Licht senkt sich dramatisch, und angeheizt von populärkulturellem Grundbausteinen wird kurz – nur ganz kurz – deutlich, dass die wahre Geschichte, die erfundene Geschichte und ihre widersprüchlichen Kommentare durch Film, Gesang und Spiel gemeinsam ein ziemlich vielschichtiges Bild ergeben könnten.

Und hinein ins Film-Reenactment

Eigentlich wird hier nämlich "Lawrence von Arabien" aufgeführt, genauer: einige Schlüsselszenen aus David Leans Monumentalfilm von 1962. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, (der in Hannover bereits einige schräge Revuen auf die Bühne gebracht hat) wollen die Geschichte des britischen Offiziers Thomas Edward Lawrence aufgreifen, der während des Ersten Weltkriegs den arabischen Aufstand gegen die Türken formierte und schließlich erkennen musste, dass er damit nur einen weiteren Sieg des englischen Imperialismus' stützte.

Lawrence hat darüber ein sehr gewichtiges Memoirenbuch geschrieben, aus dem Thomas Neumann, der ihn in Hannover spielt, auch immer wieder einzelne Passagen vorliest. Altgeworden ist dieser kühne Soldat, er erinnert sich nur, schlüpft aber wieder ins vertraute Kostüm und steigt ein ins Film-Reenactment.

lawrence1 560 katrinribbe uThomas Neumann alias Peter O'Toole alias Lawrence von Arabien ©  Katrin Ribbe

Hierfür besteht die Rückwand der Bühne aus einer gekrümmten Spiegelwand, die bei effektvoller Ausleuchtung tatsächlich fantastische Weite demonstriert. Es werden Brunnen angedeutet, kleine und größere Zelte aufgeschlagen, und auf einer steil ins Publikum ragenden Rampe finden die Diskussionen der britischen (und türkischen) Kommandeure statt. Scheherazade tänzelt durch die romantische Szenerie und gibt die historisch korrekten Hintergrundinformationen, während am Rand drei Musiker auf orientalischen Instrumenten spielen – manchmal auch Maurice Jarres Filmmusik.

Ausufernde Dekonstruktion

Das alles ist mit scheinbar schlichter Freude am Kostüm, am Klischee, an der Abenteuerlichkeit der Geschichte aufgezogen und stellt nebenbei auch noch einen Bezug zu den Lawrence-Shows her, die der amerikanische Journalist Lowell Thomas in den 20er Jahren auf die Bühnen der Welt brachte. Diese Nostalgie ist auf nette Weise humorvoll, unaufregend und ohne echten Gegenwartsbezug. Nach der Pause aber folgt dafür die ausufernde Dekonstruktion.

Die Einleitung zur berüchtigten Vergewaltigungsszene, die Thomas Neumann dann wieder in gravitätischer Ernsthaftigkeit aus den Memoiren vorliest, gibt es als schrill-komische Parodie italienischer Opern. (Denn, aufgemerkt: Echtes Leid machen wir Ignoranten gern zur banalblöden Sangeskunst.) Zwei Schauspieler zwängen sich ins Kamelkostüm und sprechen über die Rolle der Frau in der Revolte. Peter O'Toole wird projiziert, die Scheherazade hält Diavorträge und interviewt holprig die einzelnen Charaktere.

Sauertöpfisches Leitartikeln

Und weil Kuttner und Kühnel festgestellt haben, dass in Kleists "Hermannschlacht" ein ähnliches Problem verhandelt wird, dürfen zwei umfangreiche Szenen daraus in Beduinenkostümen gespielt werden. Und dann, wir hatten es schon, muss Bill Ramsey dran glauben, so dass auf eine hilflos leitartikelnde Weise das ganze Kuddelmuddel zum sauertöpfischen Fernsehen-ist-was-für-Doofe-Schluss kommt.

Der amerikanische Vizepräsident hat sich übrigens vor Kurzem zur Homo-Ehe bekannt und bei der Gelegenheit die Ansicht vertreten, die Schwulen-Sit-Com Will & Grace habe wesentlichen Anteil an der Aufklärung zu diesem Thema gehabt. Man fand das hauptsächlich peinlich in den USA, aber gestimmt hat es wohl auch. Das mit dem Fernsehen ist manchmal eine komplexe Sache, gerade da, wo es nicht so aussieht.

Beim Theater ist es dafür hin und wieder genau umgekehrt.

 

Lawrence von Arabien: Die sieben Säulen der Weisheit
Ein Projekt von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner
Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner; Bühne, Video: Jo Schramm; Kostüme: Ulrike Gutbrod, Dramaturgie: Christian Tschirner, Musik: Markus Hübner.
Mit: Philippe Goos, Mira Partecke, Janko Kahle, Thomas Mehlhorn, Christoph Müller, Thomas Neumann, Andreas Schlager, Aljoscha Stadelmann, Musiker: Markus Hübner, Omid Bahadori, Valentina Bellanova.

www.schauspielhannover.de

 

Kritikenrundschau

Zu sehr im Ungefähren bleibt dieser Abend für Stefan Arndt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (21. 5. 2012). Warum man heute die Geschichte von Thomas Edward Lawrene erzähle, das machte ihm dieser Abend nicht deutlich. Nicht mal der Arabische Frühling spiele eine Rolle, den der Kritiker ursprünglich als dessen Motivation vermutet hat. Stattdessen wirkt das szenische Potburri auf ihn gelegentlich wie die Zustammenstellung einer Google-Treffe-Liste zum Thema "Orient", hätte er gern genauer gewusst, was darin nun Ironie sein soll und was nicht. Lediglich das Bühnenbild von Jo Schramm ist aus Kritikersicht ein Volltreffer.

Hollywoodsche Bildwucht und orientalische Live-Atmosphäre bescheinigt Evelyn Beyer in der Neuen Presse (21.5.2012) diesem Abend, in dem sie viel anklingen hört: abendländische Arroganz dem Morgenland gegenüber, Fremdenhass und Tausendundeine-Nacht-Kitsch zum Beispiel. Allerdings wird der Konflikt um den sich der Abend gruppiert, für sie nicht ganz greifbar. Auch "bordet" er für ihren Geschmack immer wieder stark an dm Kitsch entlang. Am Ende zerfasere er schließlich im "Mythensalat". So sei die "bunte Mythentüte" zwar interessant, aber selten schlüssig.

 
Kommentar schreiben