Postmigrantische Vision

22. Mai 2012. Überrascht, wie wohl alle, zeigen sich die Berliner Medien von der Entscheidung, dass Shermin Langhoff Intendantin des Maxim Gorki Theaters wird. Denn einerseits war Nicolas Stemann der favorisierte Kandidat, der am Gorki ein neues Stadttheatermodell als öffentliches Proben- und Produktionshaus etablieren wollte, und andererseits hatte sich Langhoff im vergangenen Mai eigentlich für die Wiener Festwochen entschieden.

In der Berliner Zeitung (22.5.2012) schreibt Dirk Pilz, dass die Verhandlungen mit Stemann dem Vernehmen nach weit vorangeschritten waren und am Ende daran scheiterten, "dass es für dieses mutige Konzept einer deutlichen Aufstockung des Etats bedurft hätte, vermutlich gut 1,5 Millionen Euro". Wobei sich Staatssekretär André Schmitz und Kultursenator Klaus Wowereit mit Langhoff nun auch dafür entschieden hätten, nach Armin Petras nicht den bisherigen Weg weiter zu gehen, sondern etwas anderes zu machen.

Für Patrick Wildermann (Tagesspiegel, 22.5.2012) ist es ein "Coup, eine kleine kulturpolitische Sensation", dass Langhoff im Sommer 2013 ans Gorki kommt. Im vergangenen Jahr hätte man mit gemischten Gefühlen ihre Entscheidung, zu den Wiener Festwochen zu wechseln, beobachtet, viele hätten zu dem Zeitpunkt noch damit gerechnet, dass sie Matthias Lilienthal am HAU beerben würde. "Was jedoch in letzter Konsequenz am Geld scheiterte. Die 4,5 Millionen Euro, die das Theaterkombinat am Halleschen Ufer jährlich an Subventionen bekommt, hätten nicht für Langhoffs Vorhaben gereicht, ein interkulturelles Ensemble aufzubauen." Stattdessen entschied sie sich, ihre postmigrantische Vision auf die internationale Bühne der hoch budgetierten Festwochen zu bringen. Gerüchten zufolge sei es jedoch zu Querelen im Leitungsduo gekommen. Markus Hinterhäuser habe sich nicht an bereits getroffene Budgetabsprachen gehalten.

"Langhoff und Hillje kommen mit Rückenwind und Vorschusslorbeeren. Allerdings an ein Haus, das nicht üppig ausgestattet ist", so Wildermann. Deshalb habe Armin Petras ja im Oktober verkündet, 2013 ans Schauspiel Stuttgart wechseln zu wollen. Er war das Gezerre ums Geld leid. Sollte der Kultursenat nicht wider Erwarten das Gorki-Budget aufstocken, ist Langhoffs Aufgabe eine echte Herausforderung. "Andererseits: Die Möglichkeit, ein interkulturelles Ensemble aufzubauen, das nicht nur Behauptung bleibt, dürfte sie dort haben. Es wäre das erste seiner Art Deutschland. Berlin stünde es gut zu Gesicht."

(sik)

 
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