Alles Attrappe, auch die Sehnsuchtalt

von Sabine Leucht

München, 22. Mai 2012. Gleich zu Beginn schnarcht einer im Parkett. Doch das Dienstmädchen Dunjascha, das auf der Vorderbühne noch damit beschäftigt ist, fett Haarspray und Makeup aufzutragen, bittet dessen Nachbarn, ihn zu wecken. Und - Ei der Daus! - er gehört doch glatt zur Inszenierung, die im Münchner Residenztheater über Tschechows "Kirschgarten" herfällt wie eine Horde hungriger Hunde über ein Gemüseomelett: Mit Hochdruck und wild entschlossen, aber ohne rechten Plan, ob der Schmaus auch verdaubar ist.

Guntram Brattia als Lopachin jedenfalls, der gerade eben noch schnarchte, beißt erst mal herzhaft in sein Butterbrot und besprüht seine Nebensitzer unbeirrt weiterquatschend mit einem Speichel-Krümel-Nebel, bevor er ihnen die Wodkaflasche reicht. Und derart wenig schert sich der Abend auch weiterhin um Distanz oder anderes, was Menschen auf spannungsvollen Abstand zueinander hält: Wie zum Beispiel die Nähe. Eben noch kaum Wiedererkannte werden umstandslos angegrapscht oder niedergeknutscht; und das immense Gepolter, das diese Menschen beim Eintreffen auf dem maroden Gutshof machen, setzt sich eine gefühlte Ewigkeit lang fort.

Aus anderen Zeitzonen

Jeder von ihnen scheint aus einer anderen Zeitzone in den Abend gefallen und dreht sich auch fortan nur um sich selbst: Ulrike Willenbachers Charlotta exerziert in gefährlicher Nähe zur Rampe Tricks mit einem kleinen Hundchen. Marie Seiser als Anja stakst in gefährlicher Nähe zur Albernheit als Girlie mit Schneckenzöpfen herum und lässt die Arme mit der Ungebremstheit einer Sechsjährigen fliegen, um den Ballon in die Luft zu gravieren, mit dem sie unlängst geflogen ist.

Und Sophie von Kessel wirft sich in gefährlicher Nähe zum Chargieren in allerlei flirtlustige, leichtsinnige und selbstverliebte Posen. Ihre Gutsbesitzerin Ranewskaja stemmt immer wieder die Hände in die Hüften, legt den Kopf schief und ein schallendes Lachen auf. Schön sieht sie dabei aus und unsagbar eitel. Und wie sie dann ihr altes Kinderzimmer begrüßt und überschwänglich ausruft: "Wie ich dieses Haus liebe!", da wirkt sie wie ein extrem aufgekratztes Sinnbild des Selbstbetrugs. Denn "das Haus" ist im Stück längst für sie verloren - und im Bühnenbild von Rebecca Ringst ein Rohbau ohne Gesicht und Geschichte: Ein Unort im Spagat zwischen den Zeiten, denn ihm scheinen noch die Fenster und das Dach und schon wieder halbe Wände und mindestens eine Geschossdecke zu fehlen.

kirschgarten4 560 matthias horn u© Matthias HornTanz mit fest verschlossenen Augen
Offenbar war es Regisseur Calixto Bieito ein Anliegen, die Blindheit der Tschechowschen Personnage gegenüber ihrer finanziellen und emotionalen Situation auch auf andere Formen der Realität auszuweiten. Und so ist der alte Firs, den Jürgen Stössinger mit maskenhaftem Lächeln dauernd in sich hineinmurmeln lässt, hier bei weitem nicht der einzige, der etwas debil wirkt: Onkel Leonid hat aus der Stadt jedem ein buntes Stofftier mitgebracht und als in der Realität gerade die Versteigerung des Gutshauses vonstatten geht, tanzt die Gesellschaft manisch Salsa und versucht in diversen Verkleidungen der normativen Kraft des Faktischen zu widerstehen.

Anderes wird im Getümmel erstickt. So bleiben etwa die Beziehungen der Figuren und vor allem die der Ranewskaja zu praktisch allen Männern indifferent und statisch. Alle Vernarrtheiten beziehen sich allzu offensichtlich auf Trugbilder und auch das Bühnenbild setzt nicht auf Fallhöhe. Da können nach und nach noch so viele Balken herunterkrachen oder Wände erklommen werden. Wer von da oben dann ruft "Ophelia, Geliebte! Geh in ein Kloster!", macht ohnehin klar, dass es auf Stück und Kontext nicht ankommt.
kirschgarten1 560 matthias horn u© Matthias Horn

"Hab ich gekleckert?"

Da hat der Theater- und Opernregisseur aus Katalonien in München ein Trauerspiel angerichtet, ohne eins zu inszenieren. Was einem an dem konfusen Abend allein zu Herzen geht, ist die immense Vergeudung an Material und schauspielerischem Können. Alles ist Maskerade, auch die Sehnsucht nach einer Zukunft, die man allenfalls in der braven Warja (Friederike Ott) und dem ewigen Studenten Trofimow (Lukas Turtur) momentweise aufblitzen sieht. Aber keiner bekommt hier die Zeit und den Raum, seine Rolle zu konturieren.

Und dann sieht es plötzlich so aus, als habe Bieito kurz vor Schluss noch versucht, dem Stück seinen verlustig gegangenen Ernst nachzuschicken. Was abermals irritiert: Lopachin, der Bauer, Kaufmann und ungehobelte Emporkömmling, der bei Bieito vom "Renitenztheater" und Thomas Manns "Zauberzwerg" palavert, hat das Gut gekauft, auf dem seine Großeltern Diener waren. Und nun klemmt er irgendwo zwischen Unglauben, Triumph und Scham fest und sieht lange aus wie einer, der gleich die Geld-macht-nicht-glücklich-Platte auflegt. Dann aber schenkt der gezähmte Berserker gottlob nur Sekt aus und fragt sogar ganz lieb: "Hab ich gekleckert?"

Der Kirschgarten
von Anton Tschechow
Regie: Calixto Bieito, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Andreas Karlaganis.
Mit: Guntram Brattia, Thomas Grässle, Sophie von Kessel, Franz Pätzold, Gerhard Peilstein, Katrin Röver, Friederike Ott, Marie Seiser, Jürgen Stössinger, Lukas Turtur, Ulrike Willenbacher und Manfred Zapatka.

www.residenztheater.de


Kritikenrunschau

Wäre nicht das artistische Spiel des Bauern Lopachin, den Guntram Brattia, schnauzbärtig mit geöltem Kahlkopf, auf die morschen Dielen drischt, "man hätte in diesen hundertdreißig Minuten nicht mal ein schauspielerisches Erlebnis", so Michael Skasa in der Zeit (31.5.2012). "Ihm allein gesteht der Regisseur Calixto Bieito Gemüt, Verstand und Lebensziele zu." Skasa lässt kein gutes Haar an Bieito, der von Tschechow und von Menschenseelen nichts verstanden habe. "Wieso serviert man uns Fiakergulasch, wo man aus den angebotenen Zutaten eine Orgie von Aromen hätte zaubern (...) Welche trostlose Verarmung!"

"Apokalypse now" sei das Bieitos Motto, glaubt Sven Ricklefs im Deutschlandfunk (23.5.2012), was aber überhaupt nicht funktioniere. Seine Begründung: "Der Regisseur hat sich schlichtweg im Genre vergriffen und inszeniert mit diesem Kirschgarten eine Art Oper ohne Ton. Wären diese Bilder unterlegt etwa mit Wagners Wucht oder Verdis Pomp und würde man Arien singen, dann würden weder die aus den Wänden heraus oder von der Decke herabstürzenden Bauteile noch die in ihrem hysterischen Pathos völlig überspannten Figuren da oben so plakativ und holzhammerartig auf Tschechows Stück draufgesetzt wirken, wie sie das jetzt tun."

"Bieito ist sichtlich bemüht, noch die kleinste Ritze, durch die echte Emotion kriechen könnte, mit Theatermörtel zuzuspachteln", schreibt Jan Küveler in der Welt (24.5.2012). "Die Palette ist beachtlich: Gefuchtel, Gerenne, Geklettere, Gekreische, Gehüpfe, Geknutsche, eine Latino-Band und jede Menge Kunstnebel." Die ausgestellte Weltfremdheit bleibe Behauptung, es herrsche Brachialsymbolik statt psychologischer Plausibilität.

Etwas freundlicher urteilt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung (24.5.2012): "Bieito schildert durchaus sensibel und tragikomisch menschliche Schicksale – auch wenn viele Nebenrollen nicht entwickelt werden. Ihm gelingt es aber nicht, den Figuren historische Symbolwirkung einzuhauchen." Jedoch treffe er den Ton des russischen Autors: "undramatisch, satirisch und ein wenig melancholisch".

"Viel hohles Theatergetöse" hat Gabriella Lorenz erlebt (Abendzeitung, 24.5.2012): "Bieito inszeniert eine Achterbahn der Gefühle, alles ist ins hysterische und sexuelle Extrem überspannt. Wie eine Horde brünstiger Affen fällt die feine Pleite-Gesellschaft permanent übereinander her." Ein paar schöne Bilder gebe es, aber mit dem Kostümball sei alles auserzählt. "Der Rest ist die Dauer-Wiederholung von 'Sie küssten und sie schlugen sich'."

"Alles um drei Stufen zu laut und zu grell", findet Beate Kayser im Münchner Merkur (24.5.2012). "Dass das Werkzeug des Katalanen Calixto Bieito nicht gerade der Silbergriffel ist, weiß man. Es könnte ja ganz erfrischend sein, wenn er an dieses Stück, das der Autor selber als Komödie sah, beherzter heranginge als mit dem alten, ein bisschen aus der Mode gekommenen bittersüßen Wehmutston. Aber fast zweieinhalb pausenlose Stunden Krachen und Heulen, Überdrehtheit und Geschrei von praktisch allen Beteiligten, bis man kaum mehr etwas versteht von dem Text in Alexander Nitzbergs brauchbarer Fassung, das wurde schon lästig." Ihr Fazit: Neue Einsichten habe dieser "harsche Zugriff auf ein altes Stück" nicht gebracht.

Nicht skandalös, nur desaströs sei Bieitos "Kirschgarten", mein Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (24.5.2012). Hochdrucktheater sei das "ohne Tiefgang und Seele, weder berührend noch komisch, auch inhaltlich nicht aussagekräftig, sondern einfach nur expressiv und tönend hohl" - jede Szene so einsturzgefährdet wie der brüchige Fassaden-Rohbau auf der Bühne. Außerdem lasse der Regisseur seine Schauspieler regelrecht im Stich und sie chargieren, outrieren, gerne auch auf allen Vieren, ohne glaubwürdige Beziehung, ohne Spannung, ohne Emotion.

"Drei angefressene Außenmauern mit leeren Fenstern, ein paar lieblose Dachbalken, morsche Dielen, Asbestreste (...) in dieser Ruine bleiben die die Menschen inmitten ihres Louis-Vuitton-Kofferwaldes und ihrer Frontal-Sehnsucht-Richtung erster Rang stumpf und leer, ohne Zauber, ohne Glanz, ohne Witz", schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (25.5.2012). Ausgerechnet dem Bühnenmetzger und Körpersäftehändler Calixto Bieito fehlen hier die Figuren aus Fleisch und Blut, so ihr Fazit, auch wenn es auch Momente gebe, in denen der ein und andere im Einklang mit der Ruine strahlt.

 

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