altZeichen von Liebe und Tod

von Charles Linsmayer

St. Gallen, 26. Mai 2012. Was einem ganz sicher in Erinnerung bleibt von dieser Inszenierung, sind die erste und die letzte Szene, die einen starken inneren Bezug zueinander haben. Am Anfang steht eine rein pantomimische, ballettmässige Liebesszene auf der schräg gestellten leeren Bühne. Desdemona wartet unter intensivem Schneefall auf Othello, der von weit her auf sie zukommt und ein Liebesspiel mit ihr beginnt, das schliesslich in einen Pas de deux übergeht.

Blutige Spuren

Bei aller Poesie weist der Schnee natürlich auf die Gefühlskälte des Finales voraus, wo davon die Rede sein wird, dass Othello Desdemonas Haut ritzt, die "weiss wie Schnee" ist. In diesem Finale geht Othello dann wieder von weit her auf Desdemona zu. Er schreitet auf dem viele Meter langen Hochzeitsschleier, der Desdemona, die sonst nackt ist, einhüllt. Er trägt einen massigen dunklen Pelzmantel, und während er als dunkle Masse hinter ihr steht und die berühmte Frage, ob sie schon gebetet habe, stellt, fingert er mit seinen Händen bedrohlich an ihrem Hals herum.

Er erwürgt sie dann aber nicht, sondern tötet sie in einem schrecklichen Kraftakt zwischen Vergewaltigung und Zerquetschung, der blutige Spuren am Slip der Toten zurücklässt. Von Emilia über Desdemonas Unschuld aufgeklärt und offenbar selbst irgendwie zu Tode gekommen, erhebt sich der massige Mann schliesslich, eine Affenmaske vor dem Gesicht, nimmt Desdemona die Arme und steht mit ihr starr da, während die übrigen Protagonisten einzeln vortreten und dem toten Paar je einen Luftballon anhängen.

othello1 560 tine edel u© Tine Edel

Eine Art Urmord

Mit seinem Luzerner "Peer Gynt" hat Thorleifur Örn Arnarsson 2011 das virtuelle Nachtkritik-Theatertreffen gewonnen, in St.Gallen hat er letztes Jahr Elfriede Jelineks "Kontrakte des Kaufmanns" inszeniert, und in guter Erinnerung ist auch noch seine St. Galler Fassung von Shakespeares "Romeo und Julia" von 2009. Wie damals scheint es Arnarsson auch diesmal darauf abgesehen zu haben, Shakespeares Text mit Symbolen, pantomimischen Elementen, Aktualisierungen und einer sehr exzessiven, emotionell aufgeputschten Spielweise aufzuladen oder zu sekundieren – so, als würde er allen verbalen Bekundungen zum Trotz letztlich nicht oder nur bedingt an die Wirkung und Durchschlagskraft der Worte glauben.

Arnarsson, geboren 1978 in Reykjavik, ist dem Werk bereits als Sechsjähriger in einer Aufführung von Verdis Opernfassung erstmals begegnet, die seine Mutter inszenierte. "Für mich ist es eine Art Urmord, ein Urbetrug", bekannte er in einem Interview, und es läuft seine Inszenierung denn auch tatsächlich von allem Anfang an auf diesen Urmord hin, vor dessen fataler Zwangsläufigkeit die Intrige, die Othello dazu anstiftet, letztlich von zweitrangiger Bedeutung ist.

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Vielleicht ist es darum auch folgerichtig, dass Roman Schmelzer als Othello eher wenig Charisma und Strahlkraft hat, und dass Christian Hettkamp als Jago mitnichten jener diabolische Bösewicht ist, als welchen man die Figur gemeinhin zu sehen pflegt. Er wirkt eher wie ein neurotischer Karrierist denn wie ein kaltschnäuziger Intrigant, der über Leichen geht, und ab und zu verliert er völlig die Contenance und verfällt in eine Art dadaistischen Sprachkrampf. Auch Boglárka Horváth, die 2009 als Julia beeindruckend war, ist in ihrer mädchenhaften Art von Anfang an ein unschuldiges Opfer.

Sinnliche Bilder, schrille Pfiffe

Immer wieder ist das Bemühen spürbar, einzelne Charakterzüge – etwa Cassios Trunksucht – ins Groteske zu steigern, und den von Marcus Schäfer und Romeo Meyer köstlich kabarettistisch gespielten Narren ist es vorbehalten, von Putin über Hollande bis Obama aktuelle Spässe in die Inszenierung einzubringen und überhaupt an vielen Stellen für herzliches Gelächter zu sorgen. Vielfach wird der Text auch absichtlich verballhornt oder auf karikierende Weise wiederholt, und im zweiten Drittel kommt es einmal zu einem belustigenden "Spiel im Spiel", als die beiden Narren Othello, Desdemona und Jago auf satirische Weise nachäffen.

In den Dialogen sind gewisse Längen unübersehbar, dafür imponiert die Inszenierung immer wieder mit ihren sinnlichen Bildern und mit der starken Betonung des Gefühlsmässigen. Wut, Rachegefühle, aber auch leidenschaftliche Verliebtheit spielen eine wichtige Rolle und vermitteln vielen Szenen etwas hoch Dramatisches. Daneben aber gibt es immer wieder Elemente, die schwer nachvollziehbar sind. Die Ballone in der Schlussszene etwa, die näheren Umstände von Desdemonas Ermordung oder der Auftritt einer Trommler-Formation ganz am Anfang, bei dem die Musikanten aus unerfindlichen Gründen bis auf ein Pelzkittelchen nackt sind.

Nach der Pause hatten sich im Zuschauerraum die Reihen spürbar gelichtet, und in den Schlussapplaus mischten sich schrille Pfiffe. Anders als "Romeo und Julia" – aber auch "Peer Gynt" – lässt sich "Othello" ganz offenbar nicht ohne Verlust in Arnarssons Inszenierungsstil übertragen, auch wenn Einfallsreichtum, jugendlicher Enthusiasmus und exzessive Textbehandlung eine frische neue Lesart ermöglichen.

Othello
von William Shakespeare, Übersetzung von Werner Buhss
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Ausstattung: Anna Rún Tryggvadóttir, Dramaturgie: Karoline Exner.
Mit: Roman Schmelzer, Christian Hettkamp, Boglárka Horváth, Matthias Abold, Oliver Losehand, Diana Dengler, Hanna Binder, Marcus Schäfer, Romeo Meyer.

www.theatersg.ch

 
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