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Wenn das Draußen an die Tür klopft

von Kai Krösche

Wien, 26. Mai 2012. Unter dem Titel "Neues Autorentheater aus Lateinamerika" zeigen die diesjährigen Wiener Festwochen verschiedene Theaterarbeiten aus Argentinien, Chile, Mexiko und Kolumbien – darunter auch die Trilogie "Sobre algunos asuntos de família / Familienangelegenheiten" der kolumbianischen Theatergruppe "La maldita vanidad" ("Verdammte Eitelkeit"), die nun in drei verschiedenen Stationen im Wiener Palais Kabelwerk durch verschiedenste problematische Familienangelegenheiten führt.

1. Los autores materiales / Die Täter

Im ersten Teil der Trilogie blicken wir auf die Küche einer kolumbianischen Studenten-WG, doch anstelle von gemeinsamen Spielen, Kochabenden oder Feiern ist an diesem frühen Morgen etwas ganz anderes, ganz Schreckliches passiert: Um den geplanten Rauswurf aus der gemeinsamen Wohnung zu verzögern, haben die drei Bewohner Sebastían, Julián und Pedro gemeinsam ihren unsympathischen Vermieter umgebracht und im Bad versteckt. Noch während sie nervös darüber beraten, ob sie die Leiche zerstückelt in der Tiefkühltruhe oder besser in einem Loch im Boden verstecken sollen, klopft es an der Tür und ihr Dienstmädchen Mercedes erscheint mit ihrem Sohn, um die Wohnung zu putzen.

Auf den ersten Blick erscheint "Los autores materiales" wie die kolumbianische Version von Patrick Hamiltons vor allem durch die gleichnamige Hitchcock-Verfilmung bekanntem Theaterstück "The Rope" (dt. "Cocktail für eine Leiche"); hier sind es jedoch keine zwei verwöhnten Studenten aus gutem Hause, die des Kicks wegen einen Freund und Kommilitonen ermorden und durch eine zynische Party, deren Buffet sie auf der Leichentruhe des Ermordeten servieren, den perfekten Mord beweisen wollen: Nein, hier sind es drei ganz normale junge Männer, "nette Jungs", wie es Mercedes mehr als einmal ausdrückt, die eigentlich unversehens, fast nebenbei, eine folgenschwere Tat begehen.sobre algunos los autores materiales2 560 carlos spoon uDie Täter-WG  © Carlos Spoon

Inszenatorisch setzt das Stück dabei auf präzisen Naturalismus; von der Bühne über das Spiel sowie die Einheit der Zeit wirkt nahezu nichts verabredet und dadurch bestechend direkt. Dass sich in dieser grausigen Konstellation noch so etwas wie schwarzer Humor entwickeln kann, dass das Stück trotzdem über die reine Zustandsbeschreibung hinauswächst, verdankt sich dem nuancierten, präzisen Spiel der Darsteller.

Wenn schließlich in den letzten Sekunden die ohnehin schon angespannte Situation eskaliert – als die drei Täter erfahren, dass ihr Opfer Frau und Kinder hatte, anstatt nur ein einsamer und vergessener Säufer zu sein, drehen sie restlos durch – und die in "The Rope" noch Ordnung stiftenden, hier jedoch zur Bedrohung anschwellenden Polizeisirenen schrillen, wenn es schließlich brutal gegen die Tür pocht, hinter der die drei Mörder entsetzt und mit von Schuldgefühlen verzerrten Gesichtern verzweifeln, dann bekommt der Betrachter ein Gefühl für eine Welt, in der Gewalt zum Alltag, jeder zum Täter und damit zeitgleich alle zum Opfer werden.

2. El autor intelectual / Der Anstifter

Der zweite Teil des Abends führt das Publikum auf eine Freilufttribüne inmitten des in Wien vor einigen Jahren als großangelegtes städtisches Bauprojekt entstandenen Wohnkomplexes des Kabelwerks und treibt sowohl den Naturalismus als auch den bereits dort vorhandenen voyeuristischen Aspekt des ersten Teils auf die Spitze: Durch eine Scheibe hindurch blicken wir in das Wohnzimmer einer jungen Familie, zeitgleich auf die vielen Fenster in der Häuserschlucht der umgebenden Bauten – aus denen sich immer wieder neugierig die Köpfe der realen Wiener Hausbewohner recken. Der Ton wird aus dem Inneren der Wohnung über Mikrofone übertragen – und wenn ein Hausbewohner seinen Müll während der Vorstellung in den danebenliegenden Mülltonnenraum bringen will, dann tut er das auch.

Der Zuschauer blickt also in eine fremde Wohnung – und trotz der spanischen Sprache der Akteure entsteht schnell der Verdacht, dass hier vielleicht bewusst der Eindruck vermittelt wird, im wirklichen Hier und Jetzt, in einer österreichischen Sozialbausiedlung zu sitzen und privaten Gesprächen zu lauschen. Diese entspinnen sich zwischen drei Geschwistern, die sich mit zunehmender Aggression darüber beraten, was sie mit ihrer alten und kranken Mutter anstellen sollen; der junge, arbeitslose Bruder mit seiner überforderten Frau bittet seinen wohlhabenderen Bruder, die Mutter zu sich zu nehmen, doch dieser lehnt das Ansinnen ab mit Verweis darauf, dass auch bei ihm die Finanzen schlecht stünden.

Einmal fällt der Satz, dass es sich ja bei dieser allgemeinen Krise in Kolumbien nicht um die europäische handele, doch wenn sich schlussendlich die vermeintlich schlafende und niemals sicht- oder hörbare Mutter hinter den Kulissen am Strick erhängt, trifft den Betrachter die unheimliche Ahnung, vielleicht nur eine Vorschau für kommendes, ebenso ganz und gar europäisches Übel gesehen zu haben – und mit dieser Ahnung das Schuldgefühl des aus der (noch) sicheren Position heraus heimlich Zuschauenden.

3. Cómo quieres que te quiera / Wie soll ich dich lieben

Im abschließenden Teil der Trilogie wird der Betrachter Zeuge einer grotesken Probe für die Feier des 15. Geburtstags eines Mädchens aus wohlhabendem Hause. Ganz nach dem Vorbild verkitschter "My Super Sweet 16"-MTV-Shows bemüht sich eine dominante Mutter, ihrem runden Prinzesschen mit Apfelbäckchen den perfekten Geburtstag zu inszenieren – samt rosa Eis-Schwan, Barbie-Kleid und Wiener Walzer mit dem Bruder.sobre algunos como quieres 560 george moreno uHappy birthday, Prinzesschen   © George Moreno

Es dauert nur kurz, bis die zuckertriefende Inszenierung bröckelt und sich eine Bedrohung von außen einschleicht: Als das Auto in einem unachtsamen Moment des Bodyguards von Dieben geklaut wird, der von der Eventspot-Besitzerin angebotene Polizeianruf jedoch – zugunsten einer Kontaktierung der "Muchachos" – entschieden abgelehnt wird, offenbart sich schnell, dass es sich bei dieser Familie um keine gewöhnliche handelt: Der Vater, offenbar Drogenboss, sitzt im Gefängnis, die Familie wird bedroht. Als für die (bald) 15-jährige Tochter anstelle einer Grußkarte eine schön verpackte Kondolenzkarte in Bezug auf ihren vermeintlichen Tod abgegeben wird, eskaliert die Situation.

Auch hier, im letzten Teil, also wieder die schleichende Störung einer privaten Einheit (ob WG oder Familie) durch Gewalt von außen; der Einbruch politischer/gesellschaftlicher Missstände in die Privatsphäre. Sie alle, diese Figuren dieser Trilogie; sie versuchen, ein "normales" Leben zu führen und werden doch immer wieder daran gehindert, ob durch Geldprobleme oder Gewalt – oder gleich beidem.



Sobre algunos asuntos de familia / Familienangelegenheiten
von Jorge Hugo Marín / La maldita vanidad
Text und Inszenierung: Jorge Hugo Marín.

Los autores materiales / Die Täter
Mit: Ella Becerra, Andrés Estrada, Daniel Diaz, Ricardo Mejia, Rafael Zea.

El autor intelectual / Der Anstifter
Mit: Ella Becerra, Andrés Estrada, Juan Manuel Lenis, María Adelaida Palacio, Angélica Prieto, María Soledad Rodriguez.

Cómo quieres que te quiera / Wie soll ich dich lieben
(Auftragswerk / Koproduktion Wiener Festwochen, La maldita vanidad, Bogotá, HAU / Hebbel am Ufer, Berlin)
Mit: Wilmar Arroyave, Ella Becerra, Andrés Estrada, Daniel Diaz, María Adelaida Palacio, Diego Peláez, Angélica Prieto, María Soledad Rodriguez.

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Psychorealismus vom Feinsten" hat Christian Gampert für den Deutschlandfunk (28.5.2012) beobachtet – im ersten Teil der Trilogie, für dessen Text er Jorge Hugo Marín als "Meister der knappen Dialoge" lobt. In den beiden darauffolgenden Teilen stelle sich dann heraus, "dass die Gruppe ein zwar politisches, vor allem aber sehr unterhaltsames High-Speed-Dialogtheater betreibt, wie es bei uns von Film und Fernsehspiel abgedeckt wird." Der zweite Teil enthalte noch "bösartige Volten", der dritte Teil, der von den Vorbereitungen zu einem Mafia-Familienfest handelt, nicht mehr – dafür bildet er aber Gampert zufolge "die Denkweisen dieses Milieus" präzise ab. Gelobt werden insgesamt die "virtuosen Schauspieler".

Ziemlich angetan zeigt sich Thomas Trenkler von der "exzellenten Gruppe 'La maldita Vanidad'" – Trenkler schreibt für Der Standard (29.5.2012) über den Dreiteiler. Jedes der drei Stücke drehe sich um klaustrophobe Situationen. Es gebe – wie in Sartres "Geschlossener Gesellschaft" – nirgends ein Entrinnen. "Die Hölle, das sind auch hier die anderen." Der erste Teil "Los autores materiales" zeichne sich durch perfekte Dialoge und drastischen Witz in der Tonalität von Quentin Tarantino aus. "Gesellschaftskritik, sehr pointiert" folge im zweiten Teil. Insgesamt werde die Trilogie vor allem von Ella Becerra getragen. Während des langen Abends spiele sie sich empor – von der redseligen Putzfrau über die Tussen-Ehefrau des reichen Bruders bis zur schrillen Society-Mutter. "Beachtlich."
 

 
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