altLächeln bitte

von André Mumot

Hannover, 31. Mai 2012. Eigentlich ist er gar nicht so wichtig. Eine Nebenfigur. Sebastian Schindegger spielt einen altgewordenen Teppichhändler, dem nur noch einige ungepflegte Haarsträhnen auf dem Kopf wachsen und der eine sehr große Brille trägt. Linkisch ist er, und er lebt für seine Arbeit. Er hat gerade 500.000 Euro Lösegeld in Hamburg abgegeben, die über dunkle Kanäle in den Irak weiterwandern sollen, und sitzt jetzt im Bordbistro des ICE.

Und während die anderen Schauspieler breite, bunte Teppiche vor ihm ausbreiten, die sich wie eine Feld-Dorf-Industriegebiet-Landschaft vor seinen müden Blick legen, erfahren wir durch einen der vielen Erzähltexte, die hier gesprochen werden, wie einsam er ist. Dass er wohl auf ziemlich junge Mädchens steht, nie eine feste Beziehung hatte – außer einer sehr kurzen mit einer Kellnerin Anfang der 80er Jahre. Das war in einem anderen Jahrhundert. Und dann fragt ihn die Bordbistro-Angestellte, ob er noch ein Bier haben möchte. Sebastian Schindegger schaut auf in diesem Moment und lächelt. Sein ganzes Gesicht wird zu einem völlig schutzlosen, breiten Lächeln, das sehr lustig aussieht und erbarmungswürdig ist und unendlich traurig. Für dieses Menschenlächeln allein lohnt sich schon der gesamte Abend.

Auf der Suche nach Hilfe

Dabei geht es, wie gesagt, in Jan Neumanns neuem, jetzt von ihm selbst in Hannover uraufgeführten Stück eigentlich um eine Entführung im Irak. Und grundsätzlich auch darum, wie wir mit dem Fremden umgehen, wie wir es wegschieben oder uns danach sehnen. Es ist eigentlich eine sehr gewichtige Sache, könnte man meinen. "Bagdad 3260 km", wie immer eng mit den Schauspielern vor Ort entwickelt, ist dann aber doch sehr leichtgewichtig ausgefallen. Das Ganze beruht auf einem authentischen Fall, der sich 2007 zugetragen hat und nun fröhlich ausfabuliert wird. Hier ist es die fiktive Samira (Meriam Abbas) die seit ihrem zehnten Lebensjahr in Deutschland lebt und gerade Bodenbeckengymnastik im Prenzlauer Berg macht, als sie per Handy darüber informiert wird, dass ihr Vater im Irak gekidnappt wurde und man Lösegeld von ihr haben will. bagdad1 560 katrin ribbe h"Bagdad 3260 km" © Katrin Ribbe

Jan Neumann erzählt ihre Geschichte, indem er in einzelnen Kapiteln die Menschen in den Mittelpunkt rückt, denen sie bei ihrer Suche nach Hilfe begegnet, wenn auch oft nur kurz. Von der Bühnendecke werden hierzu Stühle an Seilen heruntergelassen, auf denen die Darsteller sich in ihren jeweiligen Rollen breitmachen, und in der Mitte des Arrangements ragt, schief aufgebockt, ein großer Wandschrank, in den sie hineinsteigen, in deren Schubfächern sie sich verkriechen und hinter dessen Türen sie heulen und sich streiten und Telefonate mit Entführern durchstehen.

Delikater Lebensernst

Manche dieser Szenen (zum Beispiel schon der Bodenbeckengymnastikkurs, mit dem alles beginnt) werden zu oberflächlichen Sketchen, dann wieder entstehen Miniaturen irgendwo zwischen delikatem Lebensernst und interkultureller Sitcom-Launigkeit. Da wären etwa die beiden Polizisten, die sich um Samira kümmern: Der eine (Rainer Frank), der gerade seinen alzheimerkranken Vater im Heim besucht hat, und sein breit berlinernder Kollege (Camill Jammal), der auf den Hilferuf nur mit Currywurst-Appetit reagiert und schlicht feststellt: "Wir können doch auch nicht die vereinigten Verkehrsunfälle von Venezuela aufklären."

Eine Szene später kommt derselbe schmerzlich-komische Camill Jammal als distanzbedürftiger Banker aus dem Schrank, der Samiras Wunsch nach einem Kredit fürs Lösegeld erst ablehnt und dann aus einer Laune heraus doch noch bewilligt. Fast krümmt er sich zusammen, weil er, wie wir erfahren, das Wort "Bitte" nicht ertragen kann. Und dabei zuzusehen, wie er sich windet, wie er Haltung zu bewahren versucht, wie er schließlich die Rolle des Gutmenschen ausprobiert, ist trotz der klischeehaften Charakterisierung der Figur ziemlich wunderbar.

Bagdad vor der Haustür

Ja, es geht natürlich auch um Orte, um das abgerückte Fremde, um Akzente, Perücken, Identitäten, um Bürokratie und Krieg. Immer werden die Breiten- und Längengrade jeder Szene mit angegeben, und Bagdad ist am Ende, nachdem wir einige erschütternde Worte des Vaters über seine Entführung gehört haben, vielleicht auch nicht mehr 3260, sondern ein oder zwei Kilometer weniger weit weg von uns. Aber tief greift nichts davon, was bleibt, ist Komödie.

Aber  - nicht zu unterschätzen - auch eine eigentümliche Wärme der Sympathie, ein Mitfiebern mit Menschen, die nicht bloß dafür da sind, uns über gesellschaftspolitische Realitäten aufzuklären. Da wäre die protestpubertierende Tochter des Bankers, die kurz vorbeischaut, dann eine Nachbarin, die Suppe bringt und nervt. Man erinnert sich an sie. Und man erinnert sich an das sibirische Au-Pair-Mädchen (Johanna Bantzer), das nachts im Internet Kontakte sucht und in das sich der alte Teppichhändler, der im Bord Bistro auf die Teppichlandschaft schaut, vielleicht verliebt. Menschen kommen aus dem Schrank, Alltagsgeschöpfe ohne Botschaft, die manchmal lächeln. Und wir tun es dann schließlich auch.
 

Bagdad 3260 km (UA)
von Jan Neumann
Regie: Jan Neumann, Bühne: Dorothee Curio; Kostüme: Nini von Selzam, Dramaturgie: Volker Bürger.
Mit: Meriam Abbas, Johanna Bantzer, Rainer Frank, Camill Jammal, Sebastian Schindegger.

www.schauspielhannover.de

 
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