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Unverstehbare Wahrheiten, mit Übertitelung

von Klaus M. Schmidt

Mönchengladbach, 2. Juni 2012. Die ersten Pointen dieses nicht gerade pointenarmen Textes dürfen die Herren des Ensembles an der Rampe vom Stapel lassen. Da stehen sie im schwarzen Mantel und mit Melonen auf den Köpfen – und Gelächter vom Band entwertet den Wildeschen Wortwitz sogleich, der solche Markierung ja nun wirklich nicht nötig hätte. Dafür hat Regisseurin Thiza Bruncken dann aber fast drei Stunden lang jede Menge eigene, meist nonverbale Pointen zu bieten, die aus Wildes 1895 uraufgeführter Komödie eine bitterböse Farce machen.

Will er mal vom Land nach London, gibt sich Jack Worthington (Cornelius Gebert) als sein fiktiver Bruder Ernst aus, sein Kumpel Algernon Moncrieff (Paul Steinbach) wiederum besucht angeblich öfter einen Freund namens Bunbury auf dem Lande. "Bunburysieren" nennt Moncrieff diesen laxen Umgang mit der Wahrheit. So verschaffen sich die beiden Dandys Freiräume. Kompliziert wird die Sache, als Jack Gwendolen (Felicitas Breest) heiraten möchte, Moncrieffs Cousine, der er sich als Ernst vorgestellt hat. Als Moncrieff dann auch noch als Ernst bei Jack auftaucht und sich in Cecily (Helen Wendt), Jacks Mündel, verliebt, ist das Chaos perfekt.

Regieanweisungen, Essay-Zitate, Luftnummernrhetorik

Christop Ernsts Bühnenbild mutet zunächst konventionell an. Auf einer Drehbühne finden sich ein Ess-, ein Schlaf- und ein Badezimmer, lauter Schöner-Wohnen-Idyllen. Dass "braves" Verhalten hier nicht unbedingt zu erwarten ist, deutet sich trotzdem an. Auto- und Fluglärm verlegen das harmonische Ambiente akustisch in eine eher unfeine Gegend. Wildes Figuren lügen, dass sich die Balken biegen, aber sie tun das höchst geistreich. Ein Bonmot jagt das nächste. Zwangsläufig verschwimmen dabei Fiktion und Realität. Die Nichtsnutzigkeit der Upper Class mag Wilde im Visier gehabt haben, Bruncken aber führt vor, dass sich im Strudel der Finten am Ende nicht nur Fassaden anstelle von Charakteren gegenüberstehen. Bei ihr agieren letztlich nur noch Popanze ohne eigenen Willen.

Am Anfang werden Regieanweisungen mitgesprochen, oder der Text wird bewusst automatenhaft aufgesagt. Szenen entwickeln schon dadurch absurde Komik, dass nicht nur die vom Autor vorgesehenen Figuren anwesend sind. Der Diener Lane (Daniel Minetti) etwa verkündet in einer Regieanweisung seinen Abgang, rührt sich dann aber nicht vom Fleck.bunbury2 560 matthias stutte uBunburys Bettgeschichten   © Matthias Stutte

Dialoge werden dadurch entwertet, dass Text Richtung Publikum abgesetzt wird. Minetti unterbricht die Handlung mit sozialkritischen Zitaten, die aus Wildes Essay "Der Sozialismus und die Seele des Menschen" stammen. Natürlich beachtet das keiner. Die Sprache wird immer mehr zur Luftnummernrhetorik, Anachronismen stellen aber auch einen Bezug zum Rummel der Jetztzeit um reine Äußerlichkeiten her. "Trainieren Sie?", wird etwa gefragt, "Personal Trainer", wird darauf zurückgeknurrt. "Ist Presse hier? Werden Fotos gemacht?", danach erkundigen sich mehrere begierig.

Bruncken löst die Wildesche Textmaschine immer mehr von den Figuren ab, dafür entwickeln die Körper ein verblüffendes Eigenleben. Plötzlich tanzt das komplette Ensemble in grotesken Verrenkungen zu Rockmusik auf der Vorbühne. Ist dies zunächst noch unerwartetes Einsprengsel, so überlagern immer mehr strenge Körperchoreographien den Text.

Sprachlosigkeit mit Übertiteln

Drei Damen und drei Herren etwa liegen im Bett, die Damen mit dem Kopf auf den Kopfkissen, die Herren anders herum. Die Sprechenden klappen ihre Oberkörper hoch, dann sinken sie wieder zurück. Was gesprochenen wird, tritt dabei immer mehr in den Hintergrund, der Slapstick schlägt den Inhalt.

Am Ende treten bei Wilde dann doch ein paar Wahrheiten zutage. Die Nichtexistenz von Bunbury und Ernst kommt zur Sprache, die wahre Identität von Jack, der sich für ein Findelkind gehalten hat, wird aufgedeckt. Bei Bruncken aber pressen sich die Schauspieler in dieser Szene wie vor Verzweifelung die Hände auf die Münder, die Sprache wird zum unverstehbaren Geräusch. Auf der Übertitelungsanlage hoch über dem Portal, das sonst zur Übersetzung italienischer Operntexte dient, kann das Publikum den Text aber mitlesen – eine hübsche Ironie.

Thirza Brunckens Übersteigerung der Wilde-Komödie wird im Lauf des Abends immer verrückter, erreicht aber dennoch die Zuschauer, weil sie die Entindividualisierung der Figuren streng formal vorantreibt. Nach einer langen Reihe oft nur mittelmäßiger Inszenierungen am Gemeinschaftstheater Krefeld Mönchengladbach endlich mal wieder ein Abend, der mit beherztem Zugriff einem bekannten Stück eine herrlich schräge Ebene einzieht.

Bunbury oder Ernst sein ist wichtig!
Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute von Oscar Wilde
Regie: Thirza Bruncken, Bühne und Kostüme: Christoph Ernst, Dramaturgie: Ulrike Brambeer.
Mit: Felicitas Breest, Cornelius Gebert, Esther Keil, Daniel Minetti, Eva Spott, Paul Steinbach, Helen Wendt, Bruno Winzen.

www.theater-moenchengladbach.de


Kritikenrundschau

In der Rheinischen Post (4.6.2012) schreibt Armin Kaumanns: "Thirza Bruncken, Star- und Skandalregisseurin aus Bonn, geht es weniger um die amüsante Seite von Wildes wortgewaltigem Theatertext." Stattdessen treibe sie den virtuos sich aus der Wirklichkeit herausdrehenden Aberwitz so manche Drehung weiter. "Thirza Bruncken und ihr Ausstatter Christoph Ernst (!) zeigen Künstlichkeit als Kunst." Verfremdung, Intervention, Dekonstruktion und ein immerwährendes Rein und Raus in den Text und dessen verschiedene Ebenen seien die Stilmittel des Abends. "Das ist für den Zuschauer bei aller Faszination vor allem anstrengend." Gleichwohl habe man die Schauspieler noch nie so vital, so konzentriert, so im umfassenden Sinne artistisch erlebt. "Kreativstes Theater bis über die Grenze."

Bruncken begnüge sich nicht damit, den Figuren einen Spiegel vorzuhalten, schreibt ein Rezensent mit dem Kürzel boe in der Westdeutschen Zeitung (4.6.2012). Sie reiße ihnen die Maske heraunter. Von Wildes brillanter Leichtigkeit bleibe dabei fast nichts. "Seine Regieanweisungen werden nicht ausgeführt, sondern von den Schauspielern vorgetragen, ständig sind alle auf der Bühne, auch wenn sie nicht in die Szene gehören, worunter die Nachvollziehbarkeit für die Zuschauer leidet." Immer wieder breche die Handlung ab, am Ende schlügen sich die sprechenden Figuren die Hände so heftig vors Gesicht, dass man sie nicht mehr verstehe. Kurz: "Die Besucher werden des Vergnügens beraubt, selbst hinter den Spiegel zu blicken."

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