logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

alt

Die Liebesnöte der Alten

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 3. Juni 2012. In erster Linie ist es ihrer fabelhaften Schauspielkunst zu verdanken, dass der Versuch, aus dem Roman "Lotte in Weimar" ein Bühnenstück zu generieren, nicht scheitert. Monika Kroll spielt die in die Jahre gekommene Charlotte Kestner, geborene Buff, nämlich als wunderbar verblühtes Fräulein mit missmutiger Schnute, die nölt, blafft, keift und bellt. Gekränkt heult sie ihrer vergangenen Jugend hinterher, wobei der Abend weniger die Geschichte einer unmöglichen Liebe erzählt als die einer ausgeblichenen Erinnerung.

Charlotte diente Goethe als Vorbild für seine Lotte in "Die Leiden des jungen Werther", jenem Briefroman, der eine Liebesleid- und Selbstmordwelle auslöste und bis heute allen zu hoch schlagenden Herzen sehr entgegenkommt. Auch in der Wirklichkeit besuchte die betagte Charlotte Weimar und dort auch Goethe, der eher verschnupft auf ihre Anwesenheit reagierte. Thomas Mann nahm die Lappalie zum Anlass für seinen Roman "Lotte in Weimar". Aus beinahe 400 Seiten hat die Dramaturgin Anika Bárdos eine rund 55 Seiten lange Bühnenfassung erstellt, die den Roman mit dem "Werther" kreuzt.

Lotte-Mania

Immer wieder werden die Gespenster der Vergangenheit an diesem Abend heraufbeschworen, wobei die Jugend vor dem Auge der Alternden verschwimmt wie die Literatur und das Leben. Im Jahr 1819 kommt Lotte mit ihrer Tochter in Weimar an, steigt im bekannten Gasthof "Zum Elephanten" ab, nicht weit entfernt von Goethes Wohnsitz am Frauenplan. Dort empfängt sie diesen und jenen, Adele Schopenhauer, Goethes Sohn August und die Malerin Mrs. Cuzzle.

lotte2 kaufhold 560 xGeht alles nur in ihrem Kopf vonstatten? Monika Kroll ist Lotte. © Martin Kaufhold

Vor dem Fenster versammelt sich derweil das Volk, denn Lotte ist längst ein Star, ein VIP, in Weimar bricht wahre Lotte-Mania aus. Dabei lassen sich der Roman wie das Theaterstück Zeit, bis es zur ersten Begegnung zwischen Lotte und Goethe kommt. Zweimal treffen sie aufeinander, ob im Leben oder im Traum, und quälen sich und ihre Erinnerungen. Doch am Ende scheint Lotte versöhnt mit der großen Wirklichkeit der Literatur wie mit den kleinen Realitäten des Lebens.

Geschichte einer Ernüchterung

Dass der handlungsarme Roman nach einer Dramatisierung schreit, kann man nicht gerade behaupten, da es weniger sein Inhalt als sein sehr besonderer Ton und seine ironische Leichtigkeit sind, die ihn über andere erheben. Auch diese Ironie verkörpert Monika Kroll geradezu ideal, indem sie die Figur immer wieder bricht, in einem Satz etwa von empörter Ernsthaftigkeit in komische Verzweiflung rutscht.

Der mazedonische Regisseur Slobodan Unkovski inszeniert "Lotte in Weimar" als Geschichte einer Ernüchterung. Das macht er mit viel Geduld sowie Spaß an jugendlicher Verliebtheit und Sinn für die Liebesnöte der Alten. Der erste Teil spielt sich vor einer gemalten Ideallandschaft ab, an den Seiten locken Birkenwäldchen. Ein paar Stühle warten hier, ein Liegemöbel dort.

Schönes Sinnbild des Alterns

Lotte sitzt zu Anfang wie am Ende von den anderen durch einen Gazevorhang getrennt, so dass es gut möglich ist, dass alles nur in ihrem Kopf vonstatten geht. Immer wieder stolpert Werther durch die Szenen, auch die junge Lotte flattert zuweilen herein. Doch das Stürmende und Drängende der ersten ewigen Liebe vermag der Abend nicht so recht zum Glühen zu bringen. Da vergeht vielmehr manche lange Weile. Wie man überhaupt nur wiederholen kann, dass die Szenen, in denen Monika Kroll nicht auf der Bühne prangt, zu den unspannenden des Abends zählen. Michael Günther Bard spielt ihr Gegenüber Goethe als grobschlächtigen Kerl, Rainer Kühn den Kellner Mager als schwärmenden Bückling mit Stalkerqualitäten, Benjamin Krämer-Jenster den ehemaligen Sekretär Goethes, Dr. Riemer, als agil springteufelhaften Goethe-Versteher und Magdalena Höfner die junge Lotte als schmetterlingsleichte Beute.

Zweieinhalb Stunden wendet die Inszenierung auf, um die ebenso unerhörte wie nebensächliche Begebenheit des Besuchs von Lotte in Weimar in augenfälligen Sehnsuchtsbildern zu erzählen. Lottes liebenswerte Lächerlichkeit gerät dabei zum schönen Sinnbild des Alterns als schierer Verrücktheit des Lebens.

Lotte in Weimar
nach dem Roman von Thomas Mann
Fassung von Anika Bárdos
Regie: Slobodan Unkovski, Ausstattung: Angelina Atlagic, Musik: Irena Popović, Dramaturgie: Anika Bárdos.
Mit: Monika Kroll, Michael Günther Bard, Benjamin Krämer-Jenster, Rainer Kühn, Jörg Zirnstein, Franziska Beyer, Viola Pobitschka, Benjamin Kiesewetter, Magdalena Höfner und Zygmunt Apostol.

www.staatstheater-wiesbaden.de

Ein paar weitere Nachtkritiken zu Thomas-Mann-Dramatisierungen gefällig? Hier geht's zu Joseph und seine Brüder am DT Berlin, zu Felix Krull am Münchner Volkstheater, zum Zauberberg in Leipzig oder zum Doktor Faustus in Lübeck.

Kritikenrundschau

"Es ist der Abend von Monika Kroll", schreibt Gerd Klee im Wiesbadener Kurier (5.6.2012). "Sie gibt der Titelfigur fragile Statur - von der schwärmerischen Erinnerung bis hin zu der Einsicht, dass sie in Goethes Leben nur eine Episode war." Kroll sei großartig – "mal versunken in der Erinnerung, mal präsent in der Gegenwart." Regisseur Slobodan Unkovski habe ganz um sie herum inszeniert. "Wenn sie auf der Bühne ist, ist es spannend; wenn die jungen Leute aus dem 'Werther' über die Bühne hopsen und tränenreich zitieren oder Ottilie, die Geliebte von Goethes Sohn August, ihre Geschichte erzählt, ist es denn eher dröge." Insgesamt sei hier aber lediglich eine Episode zu einem Stück geformt worden. "Schade, das hätte man sich in der Form dann doch offener und im Ton eben noch einen Tick ironischer vorgestellt."

"Literarisches Theater mit zartem Einfühlungsvermögen" hat Stefan Benz fürs Darmstädter Echo (6.6.2012) gesehen. Dramaturgin Anika Bárdos habe die epische Vorlage elegant verschlankt, ohne ihre Substanz zu verletzen. Ausstatterin Angelina Atlagic zeige einen Prospekt mit Flusslandschaft und laubsägeartigen Birkenkulissen, "als wär's eine Inszenierung aus dem Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung". Die Regie blättere in diesem lieblichen Rahmen den Roman leichthändig und dabei doch stets aufmerksam durch. Dem "vortrefflichen Ensemble" gehe der recht gespreizte Konversationston des Texts wie selbstverständlich von den Lippen. Monika Kroll kröne die "muntere Gesellschaftsstudie" mit ihrem Porträt der Lotte – in dem sie Eitelkeit und Enttäuschung der Titelfigur behutsam, aber konsequent entlarve.

Es sei vor allem ein Abend für Monika Kroll, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (8.6.2012), ihre "bodenständige, dabei einen Hauch zweiflerische, genervte Stimme" werde einem "für immer im Ohr" sein. Kroll mache nicht viel Aufhebens, "sitzt mal so, mal so, runzelt die Stirn, ist immens vorhanden", dabei führe sie die alte Madame Kestner nicht vor, sondern zeige eine "reizende Frau". "Gottelchen" seien die junge Lotte und Werther verliebt und langweilig. Die Inszenierung mache "einen klaren Punkt": Der Tod siegt über das Leben, aber dennoch hat das Leben, so trüb es sein mag und gerade deshalb, dem Liebesroman alles voraus - Witz, Spannung, Vielfalt und Lebendigkeit", sofern man, wie Regisseur Slobodan Unkovski, einen Blick dafür habe. Die Fassung von Anika Bárdos sei "wohlüberlegt".