altUnd?

von Thomas Askan Vierich

Wien, 3. Juni 2012. Auf einer dreistufigen Bühne vor einer kahlen Wand stehen fünf TV-Geräte, mit dem Bildschirm dem Publikum zugewandt. Ansonsten erkennt man noch ein paar trittfeste Blechverzierungen. Alles schwarz-weiß. Es sieht aus wie der Aufbau für eine Videoinstallation in den frühen 90er Jahren. Es sieht nicht gut aus.

Die Bildschirme sollen ein Überwachungssystem am Schwedenplatz darstellen, einem zentralen, allerdings eher weniger charmanten Platz in Wien. Manchmal erkennt man Menschen und Autos auf diesen Bildschirmen. Sie könnten tatsächlich am Schwedenplatz gefilmt worden sein. Oder irgendwo anders. Vermutlich ist das egal. Zwei Polizisten schauen ab und zu auf diese Bildschirme. Das heißt, sie blicken ins Publikum und kommentieren, was sie angeblich sehen. Das Publikum sieht auf alle Fälle etwas anderes auf den Mattscheiben. Es bleibt unklar, ob all diese Unschärfen Absicht sind.

Rippenbogenrandschnitt. Rippenbogenrandschnitt?

Die Polizistin und der Polizist beobachten zum Beispiel einen Mann, der täglich auf dem Schwedenplatz herumsitzt. Das macht ihn verdächtig. Warum, bleibt auch unklar. Der Mann ist Chirurg, möchte "aus der Zeit fallen" und ist in das Wort "Rippenbogenrandschnitt" verliebt. Er muss es immer wiederholen. Eigentlich ist Paulus Hochgatterer in dieses Wort verliebt. Der ist auch Mediziner und der Autor dieses Stücks, einer Auftragsarbeit für das Wiener Schauspielhaus anlässlich der Festwochen. Er ist so verliebt, dass er auch den Polizisten dieses Wort wiederholen lassen muss: "Rippenbogenrandschnitt?", fragt der, als der Chirurg "Rippenbogenrandschnitt" sagt.

makulatur alexipelekanos 560 uSich umkreisende Personen und TV-Geräte © Alexi Pelekanos

Das sind so die Dialoge in diesem Stück, das wie Botho Strauß klingen möchte, aber längst kein Botho Strauß ist. Ständig wiederholt jemand als Frage, was der andere gerade gesagt hat. Das wäre Botho Strauß nicht passiert. Nach etwa einer Dreiviertelstunde scheinen auch die Schauspieler die Lust an diesen leeren Worten zu verlieren. Sie wirken immer hölzerner. Aber diesen Text kann man nur hölzern spielen. Vor allem wenn man keine Unterstützung von der Regie bekommt. Barbara-David Brüesch ist nichts zu diesem Text eingefallen. Flackernde Bildschirme auf einer leeren Bühne und ein bisschen elektronische Hintergrundsmusik sind einfach zu wenig.

Ein Stück über Identität

Und so kreisen die Personen sinnfrei umeinander: Ein junges Mädchen ist weggelaufen, taucht in einer Trafik auf, die gerade überfallen worden ist, weswegen ein Polizist dort eine Überwachungskamera installiert, währenddessen der Vater des Mädchens mit der ermittelnden Polizistin flirtet, weil dessen Gattin eine besserwisserische Lehrerin ist. Die Trafikantin hat übrigens nur einen Arm. Lustig ist das alles nicht, auch nicht tief-, höchstens trübsinnig.

Im Programmheft erzählt der Autor, dass er ein Stück über "Identität" schreiben wollte. Das Thema habe ihn "schon lange beschäftigt". Wen nicht? Aber muss man daraus gleich ein Stück machen? Jetzt noch? Das hatten wir doch schon x-mal. Und das Thema "Überwachung" auch. Ach ja, "Keller" kommen auch vor, das ist seit einiger Zeit aus bekannten Gründen ein bisschen en vogue in Österreich.

Und schließlich die unvermeidliche Wurstsemmelfrage

Ein paar nette Wortspiele sind Hochgatterer, ein zumindest in Österreich für seine Romane nicht ganz unbekannter Autor, der auch schon mal für das Schauspielhaus ein Stück schreiben durfte, immerhin eingefallen: "Das Sympathischste an Ihnen ist, dass Sie wenig Platz brauchen", sagt der Polizist zu dem herumlungernden Chirurgen. Der erzählt ausführlich, wie man die perfekte Wurstsemmel belegt. Mit Essiggurkerl.

Warum er das erzählt? Keine Ahnung. Weil's lustig ist? Weil es was mit seiner Identitätsfindung zu tun hat? Weil es so typisch "wienerisch" ist? Er nennt es die "Wurstsemmelfrage". "Und?" fragen die Dialogpartner in diesem Stück immer wieder – wenn sie nicht das Letztgesagte wiederholen müssen. Das fragen wir uns auch: Und? Dieses Stück ist, wie es heißt: Makulatur.

Makulatur
von Paulus Hochgatterer
Uraufführung
Regie: Barbara-David Brüesch Bühne: Damian Hitz, Kostüme: Corinne Rusch, Video: Jan Zischka, Musik: Gaudenz Badrutt, Christian Müller, Dramaturgie: Brigitte Auer.
Mit: Steffen Höld, Katja Jung, Barbara Horvath, Max Mayer, Christoph Rothenbuchner, Franziska Hackl, Nikola Rudle.

www.festwochen.at
www.schauspielhaus.at

Kritikenrundschau

Barbara-David Brüesch versuche nicht, die Figuren küchenpsychologisch zu knacken, weiß Christoph Leibold im Deutschlandradio Fazit (3.6.2012) zu berichten. "Sie stellt sie auf weitgehend nackter Bühne einfach aus." Kurze Beats sorgten für harte Schnitte zwischen den einzelnen Szenen, "das ist schnörkellos, um nicht zu sagen spröde." Die Schauspieler stünden oft ein wenig verloren im Raum, ihre Figuren böten ihnen zwar immer wieder geistreichen Witz in den von Hochgatterer pointiert formulierten Lebensbetrachtungen, aber nur wenig Rollenfutter und daher auch kaum Halt. "Ebenso wenig den Zuschauern." Und so bleibe diese Uraufführung ein zwiespältiges Vergnügen.

"Diese Menschen sind alle beschädigt", konstatiert Norbert Mayer in Die Presse (4.6.2012). Regisseurin Barbara-David Brüesch lasse ihre Defekte ganz abrupt ausbrechen. "Die Inszenierung wirkt etwas übertrieben im Versuch, Tempo zu machen, wenn Szenen allzu reflexiv werden." Der Text jedenfalls sei subtiler in seiner Dokumentation der kranken Psyche als die am Ende doch etwas gekünstelte Aufführung. "Das liegt nicht am Ensemble: Höld und Jung sind Charakterköpfe, Hackl und der Grazer Gast Rothenbuchner setzen ihre Pointen genau, Mayer und Horvath reüssieren im Ehekrieg, Rudle spielt die Tochter erfrischend ernst." Alles in allem sei die Operation also doch gelungen.

In den Oberösterreichischen Nachrichten und in der Kleinen Zeitung (5.6.2012) schreibt Reinhold Reiterer: Mit einer Dramaturgie der Verknappung und Andeutungen treibe Paulus Hochgatter seine Figuren zur Demaskierung ihrer persönlichen Defekte. "Nicht einmal der erste Blick verhüllt, dass wir uns da in einem veritablen Neurosengarten befinden." Damian Hirtz stelle ein doppelstöckiges Podest mit fünf Monitoren auf die Bühne, "auf dem Regisseurin Barbara-David Brüesch ihr wunderbares Ensemble strikt antinaturalistisch agieren lässt".

Margarete Affenzeller schreibt in der Wiener Tageszeitung Der Standard (5.6.2012): Paulus Hochgatterer nehme sieben Menschen mit einem "mehr oder weniger gravierenden Spleen" unter die Lupe. In "Windeseile" klopfe Regisseurin Barbara-David Brüesch die Szenen "weich". Komik gehe vor Tragik, fast wie beiläufig erblühten dabei die oft "berufsbedingten Macken". "Wäre Hochgatterer ein Bildhauer, man könnte den Staub seiner Figuren noch riechen." Die schwebende Ahnung sei der Herzschlag des Stücks. Eine "ureigene Komik im Spiel des Ensembles" zwinge die "mattesten Besucher" zu Aufmerksamkeit. Besonders herzhaft gelinge dies Barbara Horvath und Max Mayer. "Makulatur" sei in "seiner Offenheit ein durch und durch modernes Drama und zugleich ein bittersüßes wienerisches Stück, das seine Abgründigkeit hinter satten Schmähs gut verbirgt".

"Das Stück liest sich, als hätte Hochgatterer mit der Verwandtschaft und den Nachkommen von Botho Strauß' Figuren therapeutischen Kontakt", schreibt Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (13.6.2012). Der Abend erscheine intellektuell well made und theatralisch ziemlich unterbelichtet. "Aber das engagierte Schauspielhaus-Ensemble hat schon manchen Papierstapel gerettet, und auch dieses Egghead-Stück zu Theater gemacht."

 
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