altGemeinsam einsam

von Martin Pesl

Wien, 5. Juni 2012. Wann ist ein Mann ein Mann? Genauer gesagt: Wann ist ein heterosexueller Mann zwischen 40 und 60 aus einer sozial eher niedrigen Schicht ein Mann? Wenn er mit dem Schwanz denkt, wenn Sport(lichkeit) in irgendeiner Form eine Rolle für ihn spielt, wenn er zu Aggressionen und blockierten Emotionen neigt und am liebsten im Keller in Pornoheften blättert. So ist das mit der kollektiven Männerseele laut Ulrich Seidl, unweigerlich, und wenn wir anderer Meinung sind, dann heißt das, wir sind nicht bereit, uns diese Wahrheiten einzugestehen. Was soll man sagen? Bei dieser Argumentationslinie kann dem kontroversen österreichischen Filmemacher zumindest niemand das Gegenteil beweisen.

Die sieben "Bösen Buben / Fiesen Männer" in Seidls zweiter Theaterarbeit (nach "Vater Unser" an der Berliner Volksbühne 2004) sind nach ihrem Eingangsstatement zu urteilen alle single und eher gescheiterte Existenzen. "Über meine familiären Verhältnisse möchte ich nicht sprechen", sagt einer verklemmt, der andere breitet dafür gleich mal aus, er heirate nicht, weil er nach drei Monaten mit derselben Frau keinen mehr hochkriege. Die Figuren sind fiktive Typen, dargestellt werden sie von österreichischen Filmschauspielern, Laien und Ensemblemitgliedern der Münchner Kammerspiele, die dieses Auftragswerk der Wiener Festwochen koproduzieren.

Eckig und trist
Miteinander geredet wird kaum, dafür legen die Männer vor dem Publikum Geständnisse ab. Als textliche Grundlage hat Seidl dazu den Prosaband "Kurze Interviews mit fiesen Männern" von David Foster Wallace herangezogen. Darin antworten Männer auf Fragen, die allerdings nur durch ein "F." für "Frage" markiert sind. Zwischen den so entstehendenen Monologen und selbst entwickelten Texten für die Laien vollziehen die sieben mit bierernster Miene Rituale wie gemeinsame kleine Trainingseinheiten, choreografierte Trockenschießübungen oder Chorgesang. Sie tun dies in einem unterirdischen Aufenthaltsraum, den Anna Viebrocks Ex-Assistent Duri Bischoff gestaltet hat und der an ihre Marthaler-Bühnen erinnert: eckig und trist, Rohre und Spinde, hinten rechts ein Bad und links ein schalterartiges Kämmerlein. Auch im dramaturgischen Aufbau klingen die Marthaler-Abende an: mal ein Monolog, dann langes geschäftiges Beisichsein jedes einzelnen, dann wieder etwas Musik.

BoeseBuben2 560 PeterRigaud uBöse Buben in marthalersch anmutenden Situationen © Peter RigaudIn sich virtuos sind die Wallace-Monologe umgesetzt: Wenn etwa Georg Friedrich, dessen Markenzeichen sein authentisches und doch ganz gezielt eingesetztes Wiener Prolosprech ist, erläutert, wie er Frauen dazu bringt, sich von ihm fesseln zu lassen, bringt er die bittere Tragik eines sexuell verkorksten, aber über schärfste Logik verfügenden Menschen ans Licht. Jeweils völlig anders sind Spiel und Sprache bei Lars Rudolph, dessen Figur einen verstümmelten Arm hat und ihn zum Rumkriegen von Frauen einsetzt, und bei Wolfgang Pregler, der darüber philosophiert, ob es einen Unterschied macht, aus wievielter Hand man von einer schrecklichen Vergewaltigung erfährt. Die Schauspieler machen sich die Texte zu eigen und bringen sie zum Leuchten. Gegenüber diesen "Lectures" sind die Auftritte der Nichtschauspieler René Rupnik und Nabil Saleh eher Stand-up-Comedy, untermalt von den oft stummen oder gesungenen Ensembleszenen, in denen Lächerlichkeit zelebriert wird, etwa indem, wer beim Spielen einen Fehler macht, die Hosen heruntergezogen kriegt.

Unterschiedliche Formen von Pein
Das alles tut weh, soll wehtun. Unbefriedigend ist, dass die hier erzeugten, ganz unterschiedlichen Formen von Pein nicht zusammenfinden. Das erklärt wohl auch, dass sich am Ende der knapp drei Stunden ohne Pause die Buhrufe deutlich leidenschaftlicher anhörten als der Applaus. Die genialische Textvorlage von Wallace zieht ihre Schmerzhaftigkeit daraus, dass die Sprecher nicht anders können, als Körperliches oder Emotionales bis zur Verzweiflung intellektuell zu sezieren. Der Schmerz à la Seidl hingegen ist ganz profan und unmittelbar. Er kommt daher, dass beispielsweise René Rupnik, Original aus einer Seidl-Doku, eifrig von den Fickgewohnheiten französischer Könige oder seinem eigenen Vordringen in die "Möse" seiner Tante palavert und wir ihm gebannt zuhören wie einem Fremden im Wirtshaus, dessen ungenierte Logorrhoe uns ungläubig erstarren lässt. Der kühne dramaturgische Spagat, den Seidl hier versucht, ist allzu gewagt.

Böse Buben/Fiese Männer
Ein Projekt von Ulrich Seidl
Texte: David Foster Wallace und Ensemble, Inszenierung: Ulrich Seidl,
 Bühne: Duri Bischoff,
 Kostüme: Sara Schwartz, Licht: Rainer Casper, 
Dramaturgie: Stefanie Carp, Julia Lochte.
Mit: Georg Friedrich, Wolfgang Pregler, Lars Rudolph, René Rupnik, Nabil Saleh, Michael Thomas, Michael Tregor.

www.festwochen.at
www.muenchner-kammerspiele.de

Mehr David Foster Wallace auf deutschsprachigen Bühnen? Zum Abschied von seinem HAU hat Matthias Lilienthal die Crème de la crème der Freien Szene zusammengetrommelt und eine 24-Stunden-Bustour durch Berlin nach David Foster Wallaces Roman Unendlicher Spaß inszeniert.

Kritikenrundschau

Sven Ricklefs schreibt auf der Webseite des Deutschlandfunks (7.6.2012): Ulrich Seidl zeige in seinem Theaterprojekt "Böse Buben/Fiese Kerle" mit "Laiendarstellern und Schauspielern vor allem eins: das arme Würstchen Mann". Das sei so verunsichert, dass es Halt in "lächerlichen Männerritualen" suche, die "zugleich in die Kindheit" zurückreichten.
Zusammen kämen diese Männer in einer "Kellerhalle", in der sich die Türen nur mit Codes öffneten und "hinter Glas eine kleine Machtzentrale über alles wacht". Sie machten "ein wenig zackigen Sport", sängen "ihr deutsches Liedgut" oder ihre obszönen Reime und sprächen immer mal wieder ihre Bekenntnisse über Frauen zumeist, über "Abgründe und Obsessionen" und "vor allem über Sex" frontal an der Rampe ins Publikum. Dazwischen "Kinderspiele": "Wer versagt, muss die Hose runter ziehen und Hänschen klein singen". Trotzdem stelle sich lange nicht die "Beklemmung ein, die dieser Abend vielleicht auslösen wollte oder könnte". Das habe mit der fehlenden Form zu tun. Das "Beeindruckendste" seien die Ausschnitte aus Foster Wallaces "Kurzen Interviews mit fiesen Männern". Der Mann mit dem "glitschigen Armstumpf", der diesen als Geheimwaffe beim Frauen-Rumkriegen benutze. Oder der Mann, der die Ansicht vertrete, dass das Opfer einer Vergewaltigung für sein Leben durchaus etwas lernen könne, und dabei Parallelen zum Holocaust ziehe. Da stocke einem doch der Atem. Trotzdem könne dieser Abend "nicht wirklich überzeugen", zumal er mit seien Anleihen wirke wie "Marthaler auf Porno".

"Danke Ulrich Seidl, für die Botschaft, dass es im Film und im Theater wie im Leben ist: Man muss die Männer nur reden lassen. Dann kommt alles raus", schreibt Paul Jandl in der Welt (7.6.2012). Jandl sieht in "Böse Buben / Fiese Männer" "ein wahres Fest tragischer Sentimentalitäten und Selbstüberschätzungen". Weil Ulrich Seidl am Theater nicht so dokumentarisch tun könne wie zuletzt bei seinem in Cannes gezeigten Film "Paradies: Liebe", der vom Sextourismus nach Afrika erzählt, hänge alles in einem ironischen Rahmen, "der dem bedrohlichen Ernst jedoch überhaupt nichts nimmt".

Jeder Satz vom Selbstgebrannten stinke nur hoffnungslos ab gegen die Textbausteine, die der Abend dem Buch von David Foster Wallace entnehme, schreibt Uwe Mattheis in der taz (7.6.2012). Foster Wallace habe einer schlechten Wirklichkeit unerhörte Sätze abgehört, ja abgerungen. "Er rechtfertigt nichts, er verurteilt nicht, die Distanzierung durch die Form bewahrt ihre Dringlichkeit." Seidl interessiere nicht die Form, nur die schlechte Wirklichkeit, die er mit Lokalkolorit und Altmännermief aufputze. "Die aus der repressiven Kultur hervorgebrachten Formen von Männlichkeit fangen streng an zu menscheln." Das Unzivilisierte, nicht mehr Akzeptierte sei nun das wahre Innere des Mannes, "das er in einer angeblich von femininer Hegemonie befallenen Öffentlichkeit nicht mehr äußern darf". Bei Seidl dürfe er endlich den Problembären rauslassen. "Der falsche Priester erschleicht die Beichte und spendet fragwürdige Absolution."

Dominik Kamalzadeh schreibt in der Wiener Tageszeitung Der Standard (8.6.2012) René Rupnik trage seine "eigenen wuchernden Monologe" bei. Er funktioniere "wie eine Jukebox", die über "promiskuöse Monarchen, das eklige Aussehen von Geschlechtsorganen oder die Abgründe der eigenen Sexualität übergangslos Auskunft geben" könne. Jeder der Truppe komme im Lauf des Abends zu seinem Solo am Ende der Rampe, damit gewinne der Abend an Geschlossenheit. In der Runde noch aufgehoben, öffneten sich die Figuren dabei "in der Isolation", ließen "in den Abgrund ihres Begehrens blicken oder beichten ihre libidinösen Energien". Seidl dränge in jene Zone hinein, in der "gesellschaftliche Übereinkünfte von Moral und Anstand, Tabus, selbst Verbote angesichts der Omnipräsenz des Triebhaften ins Wanken" gerieten. Meist reiche es "nur bis kurz davor, doch Anschauungsmaterial" fände sich genug.

Norbert Mayer schreibt in der Wiener Tageszeitung Die Presse (8.6.2012): "Unterirdisch ordinär, unglaublich traurig, doch auch fantastisch" sei dieser Abend. Filmregisseur Seidl verzichte darauf, das schäbige Ambiente so wie Marthaler durch musikalische oder poetische Elemente der Schönheit zu konterkarieren. Der Striptease, den Seidl seine Darsteller vollführen lasse, sei "gnadenlos", die Sprache "vorwiegend vulgär" und offenbar "so schmerzhaft", dass zirka 50 Zuseher die "distanzlose Schau frühzeitig" verließen. Die Situationen seien "meist erniedrigend", dennoch entstünden bei "diesen Generalbeichten Spuren von Poesie". Sie klängen "authentisch". Seidl biete eine interessante Reihe von Charakteren, etwa jener Kraftprotz, der beim Höhepunkt immer "Sieg der Kräfte der Sozialistischen Partei Österreichs" brülle. Oder René Rupnik mit seinem "wilden Rap aus historischem Halbwissen und Proleten-Porno", dessen Drastik sich mit Monologen in "einfachen Lokalen jenseits des Gürtels" messen könne. Die Ausländerproblematik wirke dagegen "deplatziert", so wie der Monolog, in dem Wolfgang Pregler am Ende den Holocaust-Überlebenden Viktor Frankl anführe. Aber der Rest sei "kräftiges Volkstheater". Seidl habe "den Wienern aufs Maul geschaut. So reden die wirklich, wenn sie, für gewöhnlich unter Alkoholeinfluss, über den Unterleib als Zeitvertreib nachdenken."

Egbert Tholl schreibt in der Süddeutschen Zeitung (8.6.2012): Ulrich Seidl blicke mit diesem Stück "tief in den österreichischen Keller". Wo René Rupnik an der Rampe stehe und ein durch die Weiten der österreichischen Sprachlandschaft holperndes Gestammel von sich gebe, die man in Wien durchaus verdauen kann, weil hier das Grobe und das Kultivierte näher zusammenliegen als an anderen Orten der Welt. Rupnik sei Laie, aber einer mit "irritierender Bühnenpräsenz", selbstwenn er bloß am Bühnenrand sitze, "zwischen zwei Stapeln von Porno-Heften", die er mit "feuchten Lippen genüsslich" betrachte. In einem neonkalten Keller redeten Männer über Sex. Dazwischen würden in "militärischer Strenge die grindigen Körper trainiert", werde "das deutsche Volkslied gepflegt und gröbster österreichischer Verbalunrat ausgekippt". Manches sei "Blödelei", manches "Porno-Fantasie". Doch alles sei "todtraurig" und wirke "real".

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.6.2012): wenn das Wort "Mösen" falle, sei das "Niveau des Abends" auch schon erreicht. Juri Bischoffs Heizungskeller wirke "geradezu hyperrealistisch", und dass "Keller im Geistesleben des (österreichischen) Mannes eine zentrale Rolle spielen", wisse man "spätestens seit den Kriminalfällen in Amstetten" oder Straßhof. Dieses Wissen werde allerdings vorausgesetzt. Sechs Kerle "hüpfen, laufen, kriechen" über die Bühne, "treiben Gymnastik, posieren" imtierten eine Swastika, boxten, "verhöhnen den Ausländer unter ihnen". Zwischendurch dürfe jeder auch einmal seine "meist schweinische Geschichte" erzählen. Georg Kaisers Geschichte von den gefesselten Frauen auf einer Ottomane gehört zu den harmloseren, Wolfgang Pregler Räsonnement, "ob eine Massenvergewaltigung für das Opfer nicht auch etwas Gutes habe" zu den rauheren. Für die Zwischenszenen, "wenn die fiesen Männer Kondome aufblasen" und Pupsgeräusche produzierten, habe sich Seidl offensichtlich bei Christoph Marthaler bedient.

Ulrich Seidl habe als Filmregisseur schon häufiger seine "Vorliebe für ästhetische und soziale Randgebiete" bewiesen, schreibt Stephan Hilpold für die Frankfurter Rundschau (12.6.2012). "Hausmeister und Nutten, perverse Biedermänner und alte Geilspechte sind sein Spezialgebiet." Entsprechend sei auch dieser Theaterabend eingerichtet. Seidl und seine Akteure hielten sich nur "teilweise" an die Interviewvorlage von David Foster Wallace, dieses "Sammelsurium männlicher Verlautbarungen". Es bleibe häufig offen, "was dokumentarisch und was gespielt ist". Allerdings seien solche Unklarheiten auch nicht weiter schlimm in diesem Reigen der "Abziehbilder einer auf sexuelle Rülpser reduzierten Welt". Alles, was über diese "Rülpser" hinausgeht, "blendet Seidl aus, was weniger verstörend als schlichtweg bemüht und ziemlich langatmig wirkt".

 
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