altEsau wie er die Welt sah

von Hartmut Krug

Cottbus, 9. Juni 2012. Ein Mann ist auf der Suche. Nach sich selbst. Er will den Weg verstehen, den er zurückgelegt hat, will wissen, wo er ist und wofür er steht. Seine klare Kinderstimme klingt aus dem Off, erzählt von den "Eechen" und Pappeln der Kindheit, während der erwachsene Mann auf dem Boden der leeren, gleißend weißen Bühne liegt. Hier, in seinem (Nach)Denkraum mit Schreibmaschine, kramt dieser Esau Matt, Alter Ego des Schriftstellers Erwin Strittmatter, in seinen Erinnerungen.

Dabei reflektiert er zugleich, ob und wie er sich die Vergangenheit "zurechte" sieht. Er benennt "die Furcht, die mir die Eltern einsenkten, dass meine Existenz allein vom Wohlwollen meiner Mitmenschen abhinge", und begeistert sich für das Schreiben und Dichten. Wie der Schauspieler Oliver Breite diesen Esau in dessen ihn bis zum Zerreißen belebenden Erinnerungsvorgang wirft, wie er Esau seine Sätze durchschmecken und seine Gefühle, so beweglich wie bewegt, mit ganzem Körper durchleben lässt, das zieht den Zuschauer sofort in den Bann.

Lebenspralle Kleine-Leute-Geschichte

Der autobiographisch begründete Roman von Erwin Strittmatter, dessen drei Teile 1983, 1987 und 1992 erschienen, spannt einen Bogen von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die ersten Jahre der DDR. Es ist eine Kleine-Leute-Geschichte, witzig und voller Anekdoten, liebevoll lebensprall. In Ostdeutschland besitzt die Romantrilogie eine große Anhängerschaft, der Bäcker- und Kolonialwarenladen der Familie Matt (d.h. Strittmatter) existiert noch heute im Dorf Bohsdorf, als Museum.

laden5 560 marlies kross uFrisches Brot entert den Denkraum  © Marlies Kross
Regisseur Mario Holetzeck lässt das Dorfleben der Familie immer wieder mit geballter Wucht in den Denkraum Esaus hineinkrachen. Dafür stellt er Volks- oder Gruppenbilder hinter einen Gazevorhang, dann wird dieser weg gezogen, und für das Vor-Spiel schieben sich die Requisiten herein. Der Laden mit Regalen, ein Stück Waldboden, das Schulzimmer: Gundula Martins praktisches Bühnenbild besitzt ästhetische Kraft und Klarheit. Doch leider führt das Regiekonzept, das wohl die Verdrängungsversuche Esaus bei seinen Erinnerungen durch das Ausweichen in Anekdoten verdeutlichen soll, zu einem merkwürdig biederen Wirkungsspiel.

Ziselierte Klischees für Lachbedürftige

Die Figurenarrangements des Regisseurs Mario Holetzeck lösen sich meist in heftig bewegte Munterkeit auf. Da wird gerannt, getobt, geschrien, wie das Leben bei kleinen Leuten eben so sein soll. Dieses merkwürdig übersteigerte Spiel soll realistisch sein, wirkt aber in jedem Moment wie falsches Theater und bedient mit seinen scharf ziselierten Haltungsklischees nur das Unterhaltungsbedürfnis der lachfreudigen Zuschauer. Wie allerdings die ungemein präsente junge Laura Maria Hänsel das lebensfreudige Kindermädchen Hanka spielt, beweist, dass eine Figur auch aus sich heraus leben kann. Dagegen wird selbst eine Figur wie der vom Krieg verstörte Heimkehrer Phile (angenehm zurückhaltend: Thomas Harms), ausgestattet mit einer Tuba, zur komischen Figur.

Sicher, die Cottbusser Schauspieler sind durchaus virtuos als Eindeutigkeitsfiguren: Kai Börner als dickbäuchige Karikatur eines Dorfschullehrers mit Rohrstockzwang, Gunnar Golkowski in vielen Rollen, darunter als Baron, der auf einem großen Schimmel auf die Bühne reitet und Oliver Seidel vor allem in seiner Vertreter-Rolle. Die Mutter (aufgekratzt: Susann Thiede), energisch und schlicht, beherrscht taktische Ohnmachtsanfälle, während der Vater (zappelig: Amadeus Gollner) sich in den Geldstreitereien mit seiner Frau und dem Großvater (Michael Becker als schmunzeliger Sorbe und Kreditgeber der Familie) vertobt.

laden4 560 marlies kross uEsau wie er die Welt sah. Im Rahmen Oliver Breite als Esau Matt. Vorne Susann Thiede als Mutter Matt mit Gunnar Golkowski (Baron von Leeßen)  © Marlies Kross

Sie alle spielen souverän, und doch nervt ihr ihr hochgetuntes Veräußerlichungsspiel. Das immer mal wieder, in mechanischem bis unfreiwillig komischem Vorgang, angehalten wird. Worauf, Spot auf ihn, Esau vor das Publikum tritt und das Geschehen aus späterer Sicht reflektiert. Auch mal, anspielend auf die von Strittmatter verheimlichte Tätigkeit als Ordnungspolizist in einer der Waffen-SS unterstellten Einheit, indem er mit Goethe über das Verhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit nachdenkt, gefragt wird und fragt: Wer bist du, was hast du anderen Menschen mitgeteilt.

Behauptung einer Unschuld

Im zweiten Teil des Abends, in dem es um erste Liebe und seine Schulerlebnisse auf der höheren Schule mit nationalistischem Lehrer und von Hitler begeistertem Mitschüler geht, bricht auch einmal eine Flut von Ortsnamen aus ihm heraus, an denen der Soldat Strittmatter war. Was der erwachsene Esau mit der Behauptung seiner Unschuld und der Hinwendung zum Schreiben und Dichten beantwortet. Am Schluss dieses trotz aller Versuche zur Formstrenge an seinen Spielformen scheiternden Abends ist alles wie am Anfang und die Fragen bleiben: "Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich wieder hier".

So bleibt, bis zum 2.Teil dieser Dramatisierung von Strittmatters "Der Laden", der Anfang nächster Spielzeit heraus kommt, auf Antwort zu warten.

Der Laden
von Erwin Strittmatter
Theaterfassung von Holger Teschke.
Regie: Mario Holetzeck, Textfassung: Mario Holetzeck (Mitarbeit: Bettina Jantzen), Bühne: Gundula Martin, Kostüme: Susanne Suhr, Musik: Hans Petith, Dramaturgie: Bettina Jantzen, Choreographie: AnnaLisa Canton.
Mit: Oliver Breite, Susann Thiede, Amadeus Gollner, Elisabeth Görz, Johannes und Daniel Wingrich, Heidrun Bartholomäus, Michael Becker, Thomas Harms, Laura Maria Hänsel, Johannes Kienast, Gunnar Golkowski, Kai Börner, Oliver Seidel, Johanna Emil Fülle, Victoria Forberger. Musiker: Susanne Paul, Dietrich Petzold, Lu Schulz.

www.staatstheater-cottbus.de

 

Kritikenrundschau

Man müsse sich "auf einen langen Abend einrichten – und auf einen wirklich großen", schreibt Uwe Stiehler in der Märkischen Oderzeitung (11.6.2012) Der erste Teil des "Ladens" sei "von Anfang bis Ende hinreißend gespielt und von Holetzeck so intelligent inszeniert, dass es wunderbar unterhält, ohne je banal zu werden, dass es immer wieder urkomisch ist, ohne albern zu sein, und dann aber auch ergreifend dramatische Eskalationen erlebt, die nie überzeichnet wirken." Die Inszenierung pendele "zwischen dem jungen Poeten und dem älteren, zweiflerischen Schriftsteller. Ein Hin und Her, das funktioniert, weil Oliver Breite als Esau eine Idealbesetzung ist. Er entdeckt das Kind im Mann, den Mann im Kind, ist Vergangenheit und Zukunft zugleich, ist Grübler, Kindskopf, Lausbub, Philosoph, Träumer, Draufgänger, sein eigener Kritiker und Richter."

Für Frank Dietschreit stellt sich in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (11.6.2012) die Frage, wie die Inszenierung mit den Enthüllungen um Strittmatters Stasi-Vergangenheit und seine Verstrickungen in die SS-Strukturen umgeht: "Zum einen delegieren die Theatermacher die notwendige Debatte an eine für den Herbst angesetzte Diskussionsreihe, zum anderen erfinden sie eine Szene, in der ein von Schuldgefühlen zerrissener Esau sich die Hände vor den Mund hält, auf dem Boden wälzt und Städtenamen zerkaut. Dass es sich dabei um die Orte handelt, an denen einst der SS-Mann Strittmatter stationiert war, kann nur wissen, wer sich vorher kundig gemacht hat. Abgesehen von diesem untauglichen Versuch einer politisch-historischen Aufarbeitung, macht die Inszenierung aber doch vieles richtig." Richtig sei etwa die Dramaturgie der "Szenencollage", die ihren "ihren Reiz aus dem Gegensatz zwischen Schwank und dramatischem Entwicklungstheater bezieht". Es gebe Volkstheater und "kräftigen Naturalismus". Aber Protagonist Oliver Breite "konterkariert die nostalgisch verklärte Idylle".

Mario Holetzecks Inszenierung "thematisiert den Vorgang des Erinnerns, die Konstruktion von Vergangenheit − mithin das Gebastel an der Identität", schreibt Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (12.6.2012). Wie sich die Ebenen von Erzähler Esau Matt und Autor Erwin Strittmatter im Spiel von Oliver Breite "vermischen, das ist allerdings sehr sehenswert. Breite: ein sensibles Kind und ein stattlicher Mann in einem, so oder so staunend und fantasierend − er vermag das zwischendurch unnötig ins Nostalgische, Harmlose und Schwankhafte abgleitende Spiel wieder einzufangen, ihm einen Denk-Rahmen zu geben. Dass er einmal anfallsartig die Orte aufzählt, an denen Strittmatter im Krieg stationiert war, ist dabei eher eine ausbuchstabierte Pflichtübung. Dieses Dunkle, Verdrängte hat der Zuschauer sowieso die ganze Zeit im Hinterkopf, und Breite hat es im Blick."

Kommentar schreiben