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Auf dem Weg zur Kita-Kunst

11. Juni 2012. Welches Konzept erwartet das Leipziger Schauspiel, wenn demnächst, wie von den Stadtoberen vorgesehen, Enrico Lübbe das Ruder übernimmt? Dirk Pilz wagt in der Berliner Zeitung einen Ausblick und lässt zunächst einmal kein gutes Haar an der Leipziger Kulturpolitik: Sie sei seit Jahren dabei, "sich einen landesweit herausragenden Ruf als führende Kulturpolitikdilettantenmetropole zu erarbeiten".

Mit Sebastian Hartmann habe man 2007 einen Intendanten geholt, der ein Theaterverständnis vertrete, "das den Sinn von Grenzen darin erkennt, sie zu sprengen. Man wusste auch, dass er unter Stadttheater keine verlängerte Volkshochschule und kein Hintergrundrauschen fürs gediegene Prosecco-trinken versteht". Die Erwartungen habe Hartmann nicht enttäuscht. Dennoch nehme er 2013 seinen Hut, nach andauernden "Scharmützeln mit der Kulturpolitik".

Folgen soll ihm nun also der derzeitige Chemnitzer Schauspielchef Enrico Lübbe. Der Berliner Zeitung liege dessen "zwei Seiten" umfassendes "Bewerbungsschreiben" vor, aus dem zitiert wird: Leipzig solle ein Theater erhalten, das "zuvorderst die Interessen der LeipzigerInnen und Leipziger erkennt und vielfarbig bedient – ohne sich anzubiedern". In dessen Zentrum werde ein "Literatur- und Schauspielertheater" rücken. Man wolle enge Kontakte mit Schulen, Kitas, Volkshochschulen und der Leipziger Tourismus und Marketing GmbH aufbauen. Durch "Gastspielangebote" und die "häufigere Vermietung und Verpachtung" der Spielstätten erwarte sich Lübbe eine "Einnahmeerhöhung".

Diese Eckpunkte des künftigen Programms seien der "an einfallsloser Bravheit nicht zu überbietende Gegenentwurf zu Hartmann", kommentiert Dirk Pilz. "Und so charakter- und orientierungslos wie die Leipziger Kulturpolitik verfährt, wird sie in drei, vier Jahren dann klagen, dass aus Leipzig keine künstlerischen Impulse mehr kommen."

Nachtrag vom 13. Juni 2012: Das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer veröffentlicht auf seiner Website "das Konzept, mit welchem sich Enrico Lübbe beworben und bei den Entscheidungsträgern durchgesetzt hat", im Wortlaut.

(chr)