altWer zuerst blinzelt

von Andreas Klaeui

Basel, 13. Juni 2012. Da liegt sie also, dreifach aufgebahrt auf stilisiertem Katafalk, weiß geschminkt wie im japanischen Theater, vor ihr schnuppern schmale Hunde an rot leuchtenden Knochen, dunkle Balkangrabesklänge. Bereits zum sechsten Mal lässt die Performancekünstlerin Marina Abramović ihre Biografie fremdinszenieren, für das Manchester-Festival (und das Teatro Real in Madrid in Koproduktion mit dem Theater Basel, wo die Produktion nun zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum zu sehen ist) hat sie die Autobiofiktion Robert Wilson an die Hand gegeben.

Bei ihm geht es gleich ums Ganze: Leben und Tod, "The Life and Death", und auf den ersten Blick kann man gar nicht vermuten, dass es gut geht. Die Performerin, die sich wie keine Zweite mit ihrer Körperlichkeit, mit ihrem ganzen, konkreten Körper preisgibt. Und Wilson, der Meister der Abstraktion, der scharf gezeichneten Bühnenlinien und bedeutungsvollen Fingerspitzen. Abramović, die sich mit Feuer und Rasierklingen zu Leibe rückt;die auf der Biennale von Venedig im jugoslawischen Pavillon, serbische Totenlieder singend, blutige Knochen reinigte, der Leichengeruch war schwer erträglich. Vor zwei Jahren setzte sich während der 736 Stunden Dauer ihrer Retrospektive im New Yorker MoMA unbeweglich auf einen Stuhl und hielt den wechselnden Besucherblicken stand, "The artist is present".
Und Wilson, der Meister der Masken und der Ballette?

Die drei Körper der Marina

Vielleicht geht es ja auch darum, wer zuerst blinzelt. Seit der traumatischen Trennung von ihrem Künstler-Compagnon Ulay sei Kunst ihre Überlebensstrategie, betont Marina Abramović; eine Trennung von privatem Körper und öffentlichem Körper kenne sie nicht; sie hat Wilson – und seinem jüngst verstorbenen Dramaturgen Wolfgang Wiens – denn auch einschränkungslos ihr biografisches Material überlassen, sich selber als Darstellerin inklusive. Er bebildert die Chronik, fächert sie zum großen Bilderbogen auf und splittet Marinas Persönlichkeit in drei Aspekte: einen kämpfenden, einen genießenden und einen spirituellen, drei Marinas liegen am Anfang aufgebahrt, drei Marinas werden am Ende über dem Boden schweben, dreifach geistert sie durch ihr Leben, einmal in kriegerischer Uniform, einmal in glamouröser Robe, einmal in allen Regenbogenfarben, einen Schicksalsfaden spinnend.

LifeandDeath2 560 LucieJansch x© Lucie Jansch

Und nicht nur die ästhetischen Antipoden Wilson und Abramović haben sich hier ja zusammengefunden, sondern auch zwei weitere New Yorker Größen: der Koboldschauspieler Willem Dafoe als Erzähler, Moritatensänger, Chronologiekobold, und der Sänger Antony von "Antony and the Johnsons" mit pointierten Songtexten und melancholischem Vibrato. Dazu die Sängerin Svetlana Spajić und ihre drei Mitsängerinnen, die traditionelle dalmatische Gesänge beimischen, Lieder von archaischer Schwermut.

Gleißende Schönheit, polierte Abstraktion

Die groteske Anekdote aus dem Kinderzimmer überblendet sich mit Projektionen aus Performances, Reminiszenzen vom Balkankrieg mit dem Ehekrieg der Eltern – das dramaturgische Gewicht liegt allerdings auf dem persönlichen Entwicklungsroman, nicht auf der Zeitgeschichte. Gelebtes und Nichtgelebtes, möglicherweise Gewesenes und unvermeidlich Kommendes fügen sich auf diese Weise zum durch und durch Wilson'schen Fabel-Tableau, zum wirkungsmächtigen Bildertheater, zu dem allerdings auch eine gewisse Glätte gehört, gleißende Schönheit und polierte Abstraktion. Harlekinade und Metaphysik: Marina Abramović wandelt sinnend und, wie es scheint, leicht erstaunt, vielleicht auch amüsiert hindurch, steuert Hexenrezepte aus der Geisterküche bei ("die Fragen des Tages essen").

Am Ende bezieht diese Wilson'sche Abramović-Fabel gerade aus dem Ungleichgewicht der Ästhetiken ihre grundlegende Wahrhaftigkeit. Denn hier machen sich zwei Künstler von gänzlich entgegengesetzten Ausgangspunkten her auf die Suche nach einem gemeinsamen Ort, nach einer künstlerischen Wurzel, oder so etwas wie einer Lebensenergie, die nichts anderes bedeutet als Kreativität.

The Life and Death of Marina Abramović
Konzept/Regie/Bühnenbild: Robert Wilson, Mitarbeit: Marina Abramović, Komponisten und Musikkuratoren: Antony, William Basinski, Kostüme: Jacques Reynaud, Dramaturgie: Wolfgang Wiens, Licht: AJ Weissbard.
Mit: Marina Abramović, Ivan Civić, Amanda Coogan, Willem Dafoe, Andrew Gilchrist, Antony, Elke Luyten, Christopher Nell, Kira O’Reilly, Antony Rizzi, Carlos Soto, Svetlana Spajić, Svetlana Spajić Group (Minja Nikolić, Zorana Bantić und Dragana Tomić).

www.theaterbasel.ch

 

Kritikenrundschau

Robert Wilson schaffe aus jeder Lebensstation eine Ikone, in der Licht, Ton, Farbe und Bewegung zu einer atemraubenden Einheit verschmölzen, schreibt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (14.6.2012). "Man mag diesem Überhang der Formung über den Inhalt auch skeptisch gegenüberstehen, aber sich diesem ästhetischen Sog zu entziehen, ist schlicht unmöglich." Er sei in allen Teilen zu perfekt. Besonderen Anteil an diesem Wilson-Effekt habe diesmal Antony Hegarty als Komponist, Sänger und Songtexter. "Seine Stimme erinnert an das dunkle Timbre und den Schmelz einer Nina Simone, und wenn er singt, ist es ein Zoom für alle Sinne." Robert Wilson zelebriere ein Hochamt, in dem er die heilige Wandlung von Schmerz in Schönheit vollziehe. Marinas dreifache Himmelfahrt inklusive. "Ein grösserer Kontrast als der zwischen der schutzlosen Nähe, wie sie Abramovic in ihren Performances sucht, und der kunstvollen Distanz, wie sie Wilson herbeizaubert, ist kaum denkbar." Wenn der Vorhang falle, sei es wie die Erlösung nach der Kommunion. "Und tausend Bravos wie aus einem Munde."

Dieser Abend bedeute für die Authentizitätsikone der Gegenwartskunst die Versöhnung mit der ihr lange verständlicherweise extrem fremden Simulationskunst Theater, schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (15.6.2012). Wobei man sagen müsse, dass Wilsons Idee, Marina Abramovic als ihre – zutiefst gehasste – Mutter auftreten zu lassen, die Inszenierung keineswegs getragen hätte. "Nein: Entscheidend für die im restlos ausverkauften Haus bejubelte glückliche Versöhnung von Kunstleben und Lebenskunst sind der großartige amerikanische Schauspieler Willem Dafoe (der sich zwischen "Spiderman" und Lars von Trier nicht festlegen lässt) und der nicht minder großartige Sänger Antony, dessen Stimme wie keine andere derzeit die Amplitude von Manierismus und Seele ausmessen kann: Keiner singt wie er so süß, so verführerisch, so anrührend vom Schmerz." Robert Wilsons Stilisierung entrücke den Schrecken des rohen Lebensmaterials in eine andere Sphäre. Am Ende zeige sich, dass es nicht allein die Sphäre der Kunst sei: Die irdische Schmerzensfrau mit ihren Traumata und Zusammenbrüchen wird zum weiblichen Christus überhöht. "Dieses finale Hochamt ist schwer zu ertragen. Eine so kitschige Sakralisierung hat Marina Abramovic nicht verdient."

Die Vervielfachung der Person, das Maskenspiel, die Entkernung der Persönlichkeit in Abramovics Kunst – all das komme Wilson als Theatermacher entgegen, schreibt Siegbert Kopp im Südkurier (15.6.2012). Und auch das Zeremonielle einer Grablegung: Hier feiere es Triumphe in gestanzten Bildern, erstarre in Posen und weißer Schminke, in einem schönen Licht. "In keinem der vielen Wilson-Werke wurde so deutlich wie hier, dass der Texaner mit seiner kalt-surrealistischen Theaterform einen gigantischen Totenkult betreibt." Wilson lasse manchmal Bilder traurig-leicht wie im Mobile schweben. Er erfinde Figurinen, die bisweilen so bizarr seien, dass sie als Kunstwerke für sich selbst stehen könnten, "zusammengesetzt aus Butoh, Frida-Kahlo-Schmerz und Volkstracht-Pracht". Meistens aber liefere er nur Abziehbilder seiner früheren Werke. "Das Mausoleum, das er Marina Abramovic baut, ist letztlich auch ein Museum für sich selbst." Vor zwanzig, dreißig Jahren sei Robert Wilsons kunstgefrorenes Theater so verstörend wie die blutende Körperlichkeit von Marina Abramovic gewesen. "In Basel jetzt stellen sie sich gegenseitig zum gemeinsamen Ruhme aus."

Krieg, Schmerz, Trauer, Selbstzerstörung: Alles werde bei Robert Wilson "zu keimfreier Schönheit geplättet" schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.6. 2012) über den Abend. "Das Sein wabert in Kunstnebeln und zenbuddhistischem Kasperletheater." Marina Abramovic zahle einen hohen Preis für ihre Heiligsprechung, so Hlter weiter. "Ihr Leben verschwindet hinter ihrer Maske." Denn wo Marina Abramovic in ihrer Kunst ihr blutendes Herz herzeige, stelle Bob Wilson künstliche Tableaus aus. Wo sich "die Schmerzensmutter der Kunstreligion" Stigmata zufüge und leibliche Authentizität aus allen Poren schwitze, zelebriere Wilson "Hohe Messen abstrakten Schönheitskults".

 
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