altAlles Palette

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 14. Juni 2012. Im Mai 1911 startete eine Expedition unter der Leitung von Wilhelm Filchner auf dem Motorsegler "Deutschland" in Richtung Antarktis, um eine Passage durchs Eis zu finden — dass es keine gab, war damals noch unbekannt. Auch sonst verlief nicht alles nach Plan: Die Überwinterungsstation überlebte die Flut nicht, dann wurde das Schiff vom Packeis eingeschlossen und kam erst neun Monate später wieder frei, der Kapitän starb während der Reise, Unstimmigkeiten zwischen Besatzung und Forschern führten zu Mobbing und Meuterei.

Grandiose Kulisse
Die Theatertruppe "Das letzte Kleinod" hat diese Geschichte jetzt in Zusammenarbeit mit dem Bremerhavener Stadttheater auf die Bühne gebracht — wenn man die Plattform eines Eisenbahnanhängers so nennen will. Der wiederum steht am Kai des Columbusbahnhofs im Hafen und damit genau an der Stelle, wo Filchner und seine Leute damals ausschifften. Die Kulisse ist beeindruckend: Gleich rechts liegt ein großer Frachter, entlang des Kais stehen Ladekräne, die Vorführung beginnt bei Sonnenuntergang, ab und zu passieren Schiffe am weiten Horizont über der Wesermündung. "Das letzte Kleinod", vor über 20 Jahren gegründet, ist spezialisiert auf "site specific", also Theater, das von dem Ort handelt, an dem es spielt. Den ganz großen Bühnenzauber gibt es da natürlich weniger — dafür aber die grandiose Kulisse eines der größten europäischen Container-Häfen. Und die Expertise, mit und in solchen Räumen spielen zu können.

filchner-barriere2 560 jens-erwinsiemssen uDie Lappen hoch, die Anker fort! © Jens-Erwin SiemssenZwei Zeitebenen
Es beginnt mit einem Jugendfoto von Filchner. Ein junger Mann und eine junge Frau suchen danach. Der Mann ist das Patenkind vom alten Filchner, sie seine Frau, wie sich später herausstellt. Dann beginnt die Expedition, mit großem Bahnhof werden Filchner und seine Wissenschaftler in Bremerhaven verabschiedet, von rechts fährt eine Kapelle auf einer Draisine heran. Das Schiff wird mit Paletten beladen, die im Folgenden als Universalrequisite für schlechthin alles dienen: Sie sind nicht nur Tische und Stühle, ein Weihnachtsbaum, sondern auch Proviant, Packeis und schließlich sogar Pinguinkostüme, aber dazu später. Filchner selbst hält eine Rede — nein, er erzählt in militärisch-knappem Telegrammstil, dass er eine Rede hält: "Dann - ich - Rede". Ein Hinweis auf die Quellen: Die Tagebücher der Expeditionsteilnehmer dienten als Grundlage für "Die Filchner-Barriere", ferner ein Interview mit dem Patensohn, auf dem die zweite Zeitebene fußt, die immer wieder interveniert, dem Abenteurer die Person des großzügigen Patenonkels gegenüberstellt, dem jungen Weltentdecker den alten, eigenwilligen Mann, aus dem man nicht schlau wurde.

Regelmäßig Bier, für die oberen Ränge Wein
Den Platz und seine Besonderheiten nutzt das Ensemble, zu dem neben den Schauspielern vom Stadttheater Nikolas Knauf gehört, ausgiebig. Sogar an einem der großen Kräne steigen sie hinauf, der Kran bewegt sich später noch über den Köpfen des Publikums, und dem Gouverneur von Südgeorgien ist ein Eisenbahnwaggon das Schiff. Ihre Spannung bezieht die Erzählung aus den hochfliegenden Ambitionen Filchners, der, wie seine Mitreisenden, auf ein derartiges Unternehmen kaum vorbereitet ist. Zwar gibt es einen Speiseplan, der auch regelmäßigen Bierkonsum vorsieht, für die oberen Ränge Rotwein, aber die beengten Verhältnisse an Bord, die unvorhergesehenen Katastrophen und Streitigkeiten darüber, wer eigentlich schuld hat an dem verhängnisvollen Desaster der Überwinterungsstation, zugespitzt zu der Frage, wer auf dem Schiff eigentlich das Sagen hat: Filchner oder Kapitän Vahsel — das ist die dramatische Potenz des Stücks.

Regisseur Jens-Erwin Siemssen, Gründer von "Das letzte Kleinod", zeigt das in Facetten, beinahe fragmentarisch, in Andeutungen und mit einigen tollen Einfällen wie dem schon erwähnten Weihnachtsbaum aus Paletten, schräg an schräg aufeinandergestapelt, oder den ebenfalls bereits genannten Pinguinen: nichts anderes als zwei watschelnde, gackernde Schauspieler, die mit Paletten vor dem Bauch — was man natürlich sofort versteht, wenn schon vorher alles andere Palette war. Diese lakonische Komik stützt den moralischen Kern des Stücks: Die großen Helden der Geschichte leiden nicht nur auch mal an Hämorrhoiden, sondern sind auch ansonsten nicht selten kleine Arschlöcher mit großem Wahn.

 

Die Filchner-Barriere
von Jens-Erwin Siemssen
Regie: Jens-Erwin Siemssen / Das letzte Kleinod, Produktion: Ulrike Seybold, Juliane Lenssen, Dramaturgie: Natalie Driemeyer, Musik: das quintett.
Mit: Kika Schmitz, Andreas Kerbs, Sebastian Zumpe, Walter Schmuck, Meret Mundwiler, Nikolas Knauf.

www.das-letzte-kleinod.de
www.stadttheaterbremerhaven.de

 

Kritikenrundschau

"Atmosphäre pur" gibt Ulrich Müller in der Nordsee-Zeitung (16.6.2012) zu Protokoll. Der Stoff sei zwar nicht sehr spektakulär, und der besondere Aufführungsort mit seiner beeindruckenden Kulisse daher bereits die halbe Miete. Auch erzähle Regisseur Jens-Erwin Siemssen "die aus Tagebüchern und Gesprächen entwickelte Geschichte "ohne großes Spektakel, dafür aber mit vielen guten Ideen." Die Texte im Programmheft helfen dem Kritiker, "das sich nicht immer von selbst erschließende Stück besser zu verstehen, für warme Kleidung müssen die Besucher sorgen." Besonders angetan von dem Theater sei, so Müller, offenbar der Kapitän der Ijsseldelta gewesen. "Der ließ seinen knarrenden und klappernden Bagger nämlich während der 70-minütigen Vorstellung gleich dreimal vorbeituckern – Theater an der Kaje bekommt man schließlich auch von seiner Seite aus nicht allzu häufig zu sehen."

 
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