Monströsalt

von Sabine Leucht

München, 17. Juni 2012. Schwarze Säulen, rampennah aneinander gedrängt. Nichts passt zwischen sie als ein paar Streifen Licht. Dazu düstere Gitarrenklänge, über denen eine hohe Frauenstimme schwebt.
Wow!
Diesem Anfang wohnt ein Versprechen inne, wenn auch nicht unbedingt jenes, dass jetzt gleich Shakespeares "Sommernachtstraum" beginne. Aber das hat man ja zumindest schon in der lokalen Presse gelesen, dass Michael Thalheimer einer ist, der das Düstere und Kaputte aus den Stoffen hervorlockt, dem das Beliebige zuwider ist und die Tragödie nah. Das merkt man auch gleich, denn vor der Wand aus Säulen hastet jemand entlang, der offenbar verzweifelt nach einem Ausweg sucht aus der Geschichte, in die er da geraten ist.

sommernachtstraum 560 mattiashorn xEin Sommernachtstraum: (von links) Sibylle Canonica, Oliver Nägele, Götz Schulte.
© Matthias Horn
Ein schwarzer Engel, ein großer Geistervogel ist das brüllende Wesen von hinten. Von vorn ist es Sibylle Canonica, eines der wunderbarsten Erbteile des Residenztheaters aus der Ära Dorn, die im tollen Riesenensemble der Ära Kusej bislang erst ein Mal zum Zuge gekommen ist. In Albert Ostermaiers lächerlicher Strauß-Persiflage "Halali". Schwamm drüber! Nun ist sie zurück - und muss wieder unter ihren Möglichkeiten bleiben. Ihre Hippolyta soll die Frau des Theseus werden, der ihr gerade die Zunge in den Hals steckt und sie wie eine leblose Puppe gegen die Wand presst. In einer Schlacht hat der Athener sie erobert und die Amazonenkönigin bleibt im Beuteschema. Ihr Mund bewegt sich stumm, als Götz Schultes wenig empathischer Theseus fragt: "Wie fühlst du dich?" Und ihre entsetzten Augen sprechen Bände.

Ohne Komödie und ohne Sommer

In seiner ersten Münchner Inszenierung kommt Thalheimer schnell zur Sache, um die es ihm geht. Dafür ist man prinzipiell dankbar, wenn man das Stück nicht einmal mehr ansatzlos heruntergenudelt sehen will.

Doch der Abend ist eine Enttäuschung und spaltet das höfliche Münchner Publikum wie selten einer zuvor. Thalheimer treibt dem "Sommernachtstraum" allzu demonstrativ die Komödie aus und den Sommer gleich mit. Liebe ist hier, wenn brünstige Tiere aufeinanderprallen. Und Moral wird von Männern mit heruntergelassenen Hosen verbreitet.

Zweifellos, es steckt alles schon drin im Stück: Die männliche Selbstherrlichkeit, die dauernde Bedrohtheit der Liebe, die – Zaubertrank hin oder her – schnell in ihr Gegenteil umschlagen kann – und die fatale Abhängigkeit des Selbstwerts vom Blick der Anderen. Ja, in der Liebe werden Menschen auch zu Tieren und erbärmlich. Doch indem Thalheimer diese Behauptung gleich zu Beginn absolut setzt, nimmt er dem Abend den Spannungsbogen und seinen Figuren die Schattierungen.

In der Art, wie Hermia und Helena, Lysander und Demetrius als Verliebte gegeneinander die Krallen ausfahren und noch im Ekel einander anzüngeln und -lecken, gleichen sie einander wie ein Raubtier dem anderen. Der blutige Zaubertrank, den Puck hier über ihnen auspresst, tut das seine dazu. Und dass das Programmheft die menschliche Ungeheuerlichkeit, die schon Sophokles als unübertrefflich erkannte, auf das "mimetische Begehren" zurückführt, macht Thalheimers Bildsprache nicht subtiler.

sommernachtstraum 560 matthiashorn xjpgvon links: Michele Cuciuffo, Götz Schulte, Norman Hacker, Oliver Nägele, Britta Hammelstein.
© Matthias Horn 

Puppenspieler und ihre Kreaturen

Wenn sich Norman Hackers Demetrius einen abrubbelt, wird ihm klar: "Auf diese Art werd ich sie nur vertreiben". Das ist dann lustig. Wie auch jene Szene, in der die beiden jungen Liebhaber wie wilde Stiere nackt und grunzend um die bislang verschmähte Helena balzen und die Anzettler der Verwirrung – Oberon und Puck – wie Puppenspieler hinter ihnen stehen. Aber wie viel von dieser Komik ist unfreiwillig?

Oliver Nägele spielt ziemlich klasse einen kolossalen Puck, ein "Klops von einem Geist" – besonders nuanciert ist die Figur trotzdem nicht. Zusammen mit Götz Schulte, der auch den Oberon spielt (wie Canonica auch die Titania) hat er allerdings eine kurze überraschende Szene: Fast zart klingt seine Stimme, als er auf den schlafenden Menschenhaufen blickt, der kurz vor seiner Zurückverwandlung steht. Und fast panisch wird der eben noch vor Schadenfreude zuckende Elfenkönig Oberon, als seine Titania zunächst nicht erwachen will. Doch wie einige schöne Bilder, die in dem zwischenzeitlich zum Säulenwald auseinander geschobenen Bühnenbild von Olaf Altmann herumgeistern, verpufft auch dieser Anflug von Menschenliebe bald.

Menschen, wie man sie in ihrer tölpelhaften Form der Unzulänglichkeit aus dem Alltag kennt, gibt es überhaupt nur in den Handwerker-Szenen, in denen René Dumont als Regisseur herrlich die Nerven verliert und Markus Herings Zettel unnachahmlich blauäugig auf ihnen herumtrampelt. Und statt mit der Shakespeare'schen Dreifach-Hochzeit endet der Abend nach fast drei Stunden mit dem Satyrspiel der Handwerker, was, außer, dass die netten Laienspiel-Simulanten sich dann als erstes den Schlussapplaus abholen können (wonach der Rest betont devot hinzuschleicht), keinen wirklichen Sinn macht. Es sei denn, Thalheimer will nach all den Monstrositäten dem Theater als Hort der hemmungslosen Naivität, wo Texte wie "Eiapopeia Eiapopo" allen Ernstes erwogen werden, ein kleines Denkmal setzen.

Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare
Übersetzung und Fassung von Jürgen Gosch, Angela Schanalec und Wolfgang Wiens
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Michaela Barth, Musik: Bert Wrede, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Sebastian Huber.
Mit: Götz Schulte, Sibylle Canonica, Oliver Nägele, Alfred Kleinheinz, Götz Argus, Andrea Wenzl, Britta Hammelstein, Michele Cuciuffo, Norman Hacker, Markus Hering, René Dumont, Sierk Radzei, Wolfram Rupperti, Robert Niemann.

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau

Einen "viel zu langen Abend meines Missvergnügens" gibt Ulrich Weinzierl auf Welt-online (18. 6. 2012) zu Protokoll und wundert sich, dass ausgerechnet Michael Thalheimer "sonst Meister der Verknappung – diesmal einen Hang zum Überdehnten entwickelt", da sich für den Kritiker an diesem Abend die Proportionen im Beliebigen zu verlieren scheinen." Ein "Jammer", ja, eine "Todsünde wider Shakespreares Geist" ist aus Sicht dieses Kritikers auch, dass Thalheimer dem Drama jegliche Poesieausgetrieben habe. Und ein Sommernachtstraum" ohne Sommer, ohne Nacht und ohne Traum" eben keiner mehr sei. "Konsequent wendet die Regie ihre Vergrausungsmethode an: Das magische Pflänzchen, dessen Saft in Titania sexuelle Begeisterung für einen Esel weckt, ist ein Blutschwamm, erinnert an ein aus lebendigem Leibe gerissenes Herz. Selbst szenische Metaphern sind Glücks- und Geschmackssache. Schade um vergeudetes darstellerisches Potenzial." Auch gehen Weinzierl die dauerheruntergelassenen Hosen sehr auf die Nerven und er fordert: "Theater möge zur pimmelfreien Zone erklärt werden. Das hat weniger mit dem Wunsch nach einer moralischen Anstalt zu tun als mit jenem nach einer ästhetischen."

Thalheimer zeige "die Frauen als Objekte männlicher Geilheit oder dem eigenen Begehren und die Männer als triebgesteuerte Bestien, mit dem Penis als Kompassnadel," schreibt Michael Schleicher im Münchner Merkur (18.6.2012). All das stecke in diesem Stück, und es ist aus Schleichers Sicht auch immer mal wieder spannend, spannend, sich auf Thalheimers Lesart und seine Exozismusbemühungen einzulassen, da er zum Kern des Drama vorstoße. "Schade nur, dass er mit seiner Überdeutlichkeit manches zu erdrücken droht, Offensichtliches wieder und wieder herausarbeitet – und damit in der Wirkung schwächt. Auf sensible Figurenführung verzichtet Thalheimer ebenso wie er sich weigert, die (natürlich) komplizierteren Strukturen von Shakespeares Charakteren nachzuzeichnen. Das ist die größte Schwäche seiner Inszenierung, die sich so ihres Entwicklungspotenzials beraubt sieht: Nicht alles im Leben ist Hardcore."

"Bei aller Liebe zu Radikalität und vielversprechenden Antithesen könnte diese Inszenierung frei nach Shakespeare genauso gut heißen: Viel Lärm um alles," meint Rosemarie Bölts in der Sendung "Kultur Heute" beim Deutschlandradio (17.6. 2012). Für Michael Thalheimer gehe es nur noch ums "Durchpeitschen von triebgesteuerter Hassliebe. Niederträchtig, machtbesessen, rachsüchtig, monströs in der radikalen Lieblosigkeit, die schon im düsteren Bühnenbild ihren Ausdruck findet."

Thalheimer und Komödie, das funktioniert aus Sicht von Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (18.6.2012) nicht so gut. In München seien Blut, Schweiß und Schwänze "die stereotypen Ingredienzien, mit denen Thalheimer aus dem 'Sommernachtstraum' ein nachtschwarzes Sexualkrüppel- und Orgien-Anti-Mysterien-Theater macht. Mit stöhnenden Frauen und wild masturbierenden Männern." Doch da Thalheimer auf Kosten des Sommernachtszaubers das Dunkle, Sexuelle, Animalische hervorhole, gebe es kaum mehr was zu lachen, "höchstens unfreiwillig - etwa wenn nach dem schluffigen Lysander (Michele Cuciuffo) auch der freakige Demetrius (Norman Hacker) die Hosen runter lässt, womit sich der zuvor geschmähten Helena (Britta Hammelstein) nun gleich zwei nackte Männer mit bloßem Geschlechtsteil präsentieren. Woraufhin sie verzweifelt ruft: 'Warum macht ihr das?' Applaus, Gelächter - das Publikum reagiert auf die mit reichlich Blut verschmierte Nacktheit der Körper nur noch mit müder Belustigung" Thalheimer mache seine Setzung gleich am Anfang so überdeutlich, dass in den folgenden zweidreiviertel Stunden dem nicht mehr viel hinzuzufügen sei. "Es gibt weder eine (erotische) Fallhöhe noch Ambivalenzen, weder Stimmungs- noch Bildwechsel, auch schauspielerische Glanzleistungen sind hier nicht drin. Man sieht nur Lüstlinge, Wüstlinge, Sklaven der sexuellen Gier."

"Beifall für die Schauspieler. Buhs für den Regisseur," notiert Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.6. 2012). Aus Stadelmaiers Sicht hat Thalheimer das Stück mit der "Regiedampfwalze der Konvention" platt gemacht, einen "Sommernachtsabschaum" inzeniert, keinen Sommernachtstraum. "Es ist, als peitsche und prügele eine Art Chefdramaturg namens Sexus aus der Kulisse (...) aufs (...) Personal ein – und sie winden sich in masochistischem Gezucke, das bei Männlein wie Weiblein der Devise folgt: Orgasmus sofort! Onanie en masse! Lauter Unterleibhaftige in trüb wichsendem Aufruhr." Und weil da kein Ton herauskomme, "der nicht gebrüllt, keine Geste sich zeigt, die nicht gewalttätig, keine Szene geformt wird, die nicht völlig geisteskrank geriete, jede Liebe sofort zu angeekelter Liebäh!, jedes Gefühl zu Gewalt, jede Sehnsucht zu Terror, jedes Begehren zu Horror wird (...)  fragt man sich doch: Ob nicht die Herstellung eines Hellen, Heiteren, Übersinnlichen, Schönen, C-Dur-Tollen erst die Voraussetzung wäre, um das Düstere, das g-Moll-Finstere in Shakespeares Komödie zu spüren?" Der "alte Quark" jedenfalls, den Thalheimer hier noch einmal angerührt habe, habe "ausgestunken" und gehöre aufs Altenteil.

 

 
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