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Ein irakischer Simplicissimus

von Petra Hallmayer

München, 29. Juni 2012. Nur wenige schaffen es so weit. Wer Erfolg haben will, braucht Zielstrebigkeit, Ausdauer, unbändigen Mut und ungeheure Willenskraft. Doch das alles, meint der junge Iraker Rasul Hamid, den ein jeder aufgrund seines Aussehens für einen Inder hält, genüge noch nicht. Dass er Deutschland überhaupt erreichen konnte, glaubt er, dafür waren obendrein mehrere Wunder nötig.

falscher inder 280h gabrielaneeb uEs gibt keinen richtigen Inder im falschen.
© Gabriela Neeb
In seinem Roman "Der falsche Inder" schildert der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider, (der wie sein Protagonist Rasul aus politischen Gründen als Zwanzigjähriger unter Saddam Hussein zwei Jahre im Gefängnis saß), was Menschen auf sich nehmen, um in die Festung Europa vorzudringen.

Folterkeller der Erinnerung

Khider, der selbst 1996 nach Deutschland kam, lässt einen unverwechselbaren Einzelnen hervortreten aus dem Strom der Flüchtlinge, in denen manche ein trauriges Opferkollektiv, die meisten jedoch nur eine gesichtslose Masse von Sozialschmarotzern sehen.

Khider breitet keine Passionsgeschichte aus, sondern verwebt Tragik und Komik. Während sein Held sich mit großer Empathie an die vielen erinnert, die verzweifelten oder umkamen, versteckt er beinahe verschämt die eigenen Leiden und Demütigungen zwischen schnurrigen Anekdoten und märchenhaften Erzählungen. Eigentlich, erklärt uns Rasul gleich zu Beginn, habe er nur dank der "Gnade" eines schlechten Gedächtnisses bis heute überlebt, das ihn daran hindert, zu oft zu tief in den Folterkeller der Erinnerung hinabzusteigen.

Vermintes Themenfeld

Mit der abenteuerlichen Odyssee eines irakischen Simplicissimus von Bagdad nach München stellte Nicole Oder, die 2011 mit ArabQueen beim Festival "Radikal jung" den Publikumspreis gewann, ihre erste Inszenierung am Volkstheater vor und darauf durfte man allemal gespannt sein. Schließlich hat die Regisseurin des Heimathafen Neukölln schon mehrfach ihre besondere Fähigkeit bewiesen, sich unbekümmert auf klischeebeladenen und ideologisch verminten Themenfeldern zu bewegen ohne in die Banalität abzurutschen.

Ihre stark verkürzte Romanadaption löst die narrative Struktur des Buches zugunsten eines chronologisch geordneten Flüchtlingsdramas auf, das uns auf einer Stationenreise durch Jordanien, Libyen, Tunesien, die Türkei und Griechenland bis an die Isar führt.
Für die Titelrolle hat sie den Schauspieler Sinan Al-Kuri mitgebracht, der unprätentiös und eindringlich Rasuls ohnmächtige Wut und nie abzuschüttelnde Angst spürbar macht und der mit Pascal Riedel und Stefan Ruppe, die im fliegenden Wechsel alle weiteren Figuren verkörpern, ein fabelhaftes Trio bildet. Wie in ihrer Berliner Kiez-Trilogie vertraut Nicole Oder auch diesmal darauf, die Zuschauer mit minimalen Mitteln unmittelbar zu berühren.

Verliebte Blicke

Ihr Erzähltheater verzichtet auf aufwändigen Bühnenbildzauber und knüpft an die Spiele von Kinder an, denen drei Klötzchen ausreichen, um eine Drachenburg zu errichten. Ein paar brennende Papierfetzen beschwören die "Bazarromantik" der Feuerfakire in Rasuls Heimat vor der Diktatur Saddam Husseins. Ein Ball, mit dem die Buben tollen, wird flugs zur Wahrsagekugel, Autoreifen dienen als Gefängniszellen und Kinosessel. Wie darauf Pascal Riedel als Palästinenserin Suad mit Rasul verlegen verliebte Blicke tauscht, sich die Beiden wunderbar zaghaft zart einander annähern, das ist wirklich zauberhaft.

falscher inder 560 gabrielaneeb u© Gabriela Neeb

Immer wieder glücken der Aufführung starke und berührende Momente. Doch wenn es darum geht, die Kriegsgräuel, den Horror der Gefängnisse, den Albtraum, in einem überfüllten Boot auf dem Meer zu treiben, zu vergegenwärtigen, versagen Oders Mittel. Da wirkt der bewusst naive Zugriff, die Bebilderung mit Alltagsrequisiten schultheaterartig und verharmlosend. Und warum die Textpassagen über den "Eintritt ins Exil" als "eine lange Straße in der Leere" eine turbangekrönte Comicfigur als Dialektlachnummer vorträgt, ist kaum verständlich.

Böse Schlusspointe
In den letzten Szenen aber zeigt Nicole Oder noch einmal ihre Stärken. Glückstrunken gelangen die Exilanten endlich ins "das gelobte Land". Auf griechischem Boden stimmen sie gemeinsam die Europa-Hymne an und fallen einander zu "Alle Menschen werden Brüder" in die Arme, ehe sie von hasserfülltem Haut-ab-Gebrüll in die Flucht geschlagen werden. Zum Happy-End landet Rasul in den Fängen der bayerischen Bürokratie. Mit einem Klebeband über der Brust hockt er schließlich reglos auf einem Stuhl, während ein fröhliches Duo zur Gitarre "Minga mog di" trällert.

Damit gelingt Oder eine böse absurde Schlusspointe für eine Inszenierung, die man sich etwas weniger liebenswert kurzweilig und dafür nachhaltig verstörender gewünscht hätte. Ganz geht ihr Konzept des leichthändigen Umgangs mit schwierigen Themen diesmal nicht auf. Trotz unübersehbarer Schwächen aber ist "Der falsche Inder" eine kleine feine Regiearbeit, die den Nerv eines jungen Volkstheaterpublikums trifft. Das feierte das Ensemble und die Regisseurin am Ende begeistert.

 

Der falsche Inder
nach dem Roman von Abbas Khider
Regie: Nicole Oder, Bühne und Kostüme: Franziska Bornkamm, Musik: Bastian Essinger, Jens Kilz, Dramaturgie: Katja Friedrich.
Mit: Sinan Al-Kuri, Pascal Riedel, Stefan Ruppe.

www.muenchner-volkstheater.de

 

Alles über die Regisseurin Nicole Oder auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenschau

So richtig mitgerissen wirkt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (2.7.2012) nicht. In 27 Hochgeschwindigkeitsszenen, "die sie rasant und ohne großen Aufwand aneinander setzt", konzentriere sich Oder auf die Flucht Rasuls. "So großäugig sympathisch Sinan Al-Kuri (er stammt aus dem Irak) den Rasul spielt, so liebevoll sich Stefan Rupe und Pascal Riedel um die 21 restlichen Figuren kümmern – am Ende bleibt die Erzählung einer Flucht als Abenteuerstück. Das Wissen um das damit verbundene Leid muss der Zuschauer schon selber mitbringen."

Anders Gabriella Lorenz in der Abendzeitung (2.7.2012), die dieses "arme Theater" preist im Gegensatz zu den Münchner Großpremieren, die in letzter Zeit floppten: "Einfachste Mittel machen alles klar. Brennende Papierfetzen stehen für Feuer- Künstler, eine halbe Melone taugt als Tarn-Helm, ein Fußball wird zur Wahrsagekugel." Oder schicke die Zuschauer "in rasendem Tempo auf einen Parcours zwischen Tragik und Komik. Wenn Rasul in München landet, wo er gar nicht hinwill, erscheint einem die physische Folter im irakischen Knast nicht so unterschiedlich von Verhören durch die Euro-Polizei."

 

 
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