Das ist jetzt also die Unendlichkeit

von Lena Schneider

Wien, 22. November 2007. Das Programm ist rosa. Die Schleife, die es zusammenhält, auch. Dazu ein Tütchen mit herzförmigen Marshmallows. Dass das Schauspielhaus in Wien zum diesjährigen Spielzeitauftakt mit besonderer Hingabe um seine Zuschauer wirbt, ist kein Zufall. Schließlich gilt es nicht nur, den neuen künstlerischen Leiter Andreas Beck zu etablieren, sondern auch, sich neben anderen Wiener Bühnen von brut bis Burg zu behaupten – und das Schauspielhaus-Publikum für ein neues Konzept zu gewinnen.

Wieder einmal. Seit seiner Gründung 1978 ist dies die vierte Umstrukturierung des Hauses. Nach einem erfolgreichen Auftakt mit Musicals, Klassikern und zeitgenössischer Dramatik unter Hans Gratzer versuchte sich hier George Tabori Ende der Achtziger an seinem Theaterlabor Der Kreis, scheiterte 1990, Gratzer übernahm erneut, diesmal mit dem Schwerpunkt Gegenwartsdramatik. Bis Juli diesen Jahres war das Haus in den künstlerischen Händen von Airan Berg und Barrie Kosky, deren Multi-Kulti-Programm vor allem in den letzten Jahren Konzeptlosigkeit vorgeworfen wurde.

Seicht war gestern

Und der Neue? Andreas Beck will Gutes aufnehmen und das Andere besser machen. Statt en suite wird jetzt im Repertoirebetrieb gespielt, statt Gästen gibt es ein sechsköpfiges Ensemble. Vor allem aber ein Konzept: "Schauspielhaus ist Gegenwart!", in Anknüpfung an die Tradition Hans Gratzers.

Zeitgenössisches Autorentheater also, das Fragen an die Gegenwart und die eigene Position in ihr stellt. Vor allem junge österreichische Autoren sollen gespielt werden, Händl Klaus und Johannes Schrettle. Oder Ewald Palmetshofer, der erste Hausautor. Zwölf neue Stücke, davon fünf Uraufführungen, Beck hat viel vor. Und all das zwar rosa verpackt, aber nicht leicht verdaulich. Der Tageszeitung Der Standard erzählte Beck, von seichten Parties habe er mit seinen 42 Jahren genug.

Flüchtige Stimme im Eis

Ein bisschen Party gab es am Eröffnungsabend dann doch. Aber erst im zweiten Teil. Der erste war zahm und eher flüchtig. "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen" ist das erste Stück von Händl Klaus, der als Klaus Händl am Schauspielhaus Schauspieler war, bevor er Dramatiker wurde. Das gibt der Entscheidung, seinen Text dem Abend als Prolog voranzustellen eine gewisse Logik, macht das Resultat aber nicht eindrücklicher.

Die Regisseurin Daniela Kranz gibt den zwei Stimmen des Stücks – eine vor dem alpinen Eis, die andere darin – nur eine einzige, und zwar die von Viviane De Muynck. Weil sie den Text nicht spricht sondern liest und sich dabei von einem Notenpult zum nächsten hangelt, ist das trotz ihres wunderbar sonoren Organs und hübsch trockenen Humors ein eher monotoner Auftakt. Vor allem das strahlend weiße Bühnenbild (Bernhard Kleber) prägt sich ein.

Politik des Ich

Der Hintergrund bleibt weiß, aber sonst könnte "hamlet ist tot. keine schwerkraft" unterschiedlicher nicht sein. Das Stück von Ewald Palmetshofer ist die erste Uraufführung am Haus, und wenn Sprachkraft und inhaltlicher Ehrgeiz tonangebend für die neue Intendanz sind, dann taumelt die Bühne erfrischend ungezähmten, verunsichernden Zeiten entgegen.

Am Anfang stehen vier junge Menschen an einem Grab: "Das ist jetzt also die Unendlichkeit". Am Ende gibt’s noch mehr Tote. Zwischendrin hadert Mani (Stephan Lose) mit seinem Single-Dasein ("Wichsen ist Hoffnung"), seine Schwester Dani (Nicola Kirsch) mit ihrer "Befindlichkeitsscheiße". Denn außer der hat sie nichts: "Meine Befindlichkeit ist meine einzige Politik". Keine Ideologie, keine Religion, nur Selbst.

Palmetshofers Stück pendelt zwischen Familien, -Inzest, -Religions-, und Gesellschaftsgeschichte. Das Bestechende daran: Es zeigt, wie all das irgendwie zusammengehört, es dem Kopf aber gleichzeitig nicht gelingt, die Zusammenhänge zu erfassen. So wie Menschen denken, lässt Palmetshofer seine Figuren sprechen: in Fragmenten, in halben und unvollständigen Sätzen, die sich mal ineinander knäulen, mal auseinander bröseln.

Fremdeln mit der eigenen Figur

Felicitas Brucker nimmt sich dieses verhexende Sprachgebilde und setzt dem szenische Lockerheit und Musik entgegen. Sie lässt die Schauspieler mit der eigenen Figur fremdeln. Neu sind weder die Ästhetik der schlabbrigen Schlüpfer und rippigen Unterhemden, noch das Geschmiere mit reichlich Kunstblut und das teils sehr Castorfsche Gepöbele.

Aber es funktioniert: In all dem Gerede von "totaler Transzendenz", "Ökonomie der Zukunft", Funktionen, Zentrifugen und dem Himmel, der – "jetzt wo Gott weg ist" – eine Maschine ist, erkennt man in all seiner halb jämmerlichen, halb rührenden, irgendwie ironischen Sehnsucht nach Sinn und Größe – den zeitgenössischen Menschen. Wer so viel davon zeigen kann, ohne zu versüßen, fängt sein Publikum bestimmt. Auch ohne Schleife.

 

Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen
von Händl Klaus
Regie: Daniela Kranz, Bühne: Bernhard Kleber. Mit: Viviane de Muynck.

hamlet ist tot. keine schwerkraft
von Ewald Palmetshofer
Uraufführung
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Bernhard Kleber, Kostüme: Sara Schwartz, Musik: Arvild Baud. Mit: Vincent Glander, Steffen Höld, Katja Jung, Bettina Kerl, Nicola Kirsch, Stephan Lohse.

www.schauspielhaus.at


Hier geht es zu einem Bericht zur Neugestaltung der Wiener Theaterszene vom September.

 

Kritikenrundschau

Margarete Affenzeller beschreibt im Standard (24.11.2007) den Neustart des Schauspielhauses Wien als "etwas retro, aber toll". Dazu würde vor allem das "erlesene Schauspielerensemble" beitragen: "Kraftvoll und dabei immer feinspurig bewegt es sich bei der Uraufführung von Palmetshofers ‚hamlet ist tot. keine schwerkraft...‘ durch das verminte Feld einer Familientragödie." Der Uraufführungstext umkreise "mit Geschick und großem dramaturgischen Feingefühl" die "wunden Punkte" seiner Protagonisten. Und Felicitas Bruckers Regie? "Erkämpft sich von einem etwas zähen Start weg zunehmend Gültigkeit." Über die Uraufführung von Händl Klaus' "Ich ersehne die Alpen..." heißt es knapp, dass sie "weniger einer Neuinszenierung, mehr einem Schauspielerinnenauftritt geschuldet wären." Und zwar Viviane de Muynck, "berühmtester Neuzugang im neu formierten Theaterhaus." Insgesamt sagt der Text: "Der zweigeteilte Eröffnungsabend wurde ein Erfolg."

In der Wiener Zeitung (24.11.2007) schreibt Julia Urbanek, dass Händl Klaus' Text "nicht von ungefähr den Anfang" des Abends mache. Denn als der "Schriftsteller noch Klaus Händl hieß und Schauspieler war, war er Ensemblemitglied am Schauspielhaus". Dickes Lob auch hier für Viviane De Muynck, "ein Erlebnis", und Vorbehalte gegen die Regie von Daniela Kranz: "Was szenisch stimmungsgeladen begonnen hat, endet etwas eindimensional." Über Felicitas Brucker und ihre Regie von "hamlet ist tot" heißt: "Die hat die Zügel fest in der Hand: Zeitensprünge, Tempowechsel und Identitätentausch beherrschen das Stück mit seinen teils himmlisch komischen Monologen und schwer zu entwirrenden Handlungssträngen." Dem neuen Schauspielhaus prognostiziert Urbanek eine "rosarote Zukunft."

In der Süddeutschen Zeitung (26.11.2007) schildert Till Briegleb wie er bei der Neueröffnung des Wiener Schauspielhauses, umgeben von strahlendem, jungen Publikum, bei Händl Klaus’ Dramenerstling "Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen" fast eingeschlafen sei. Dafür erwiese sich Andrea Becks, des neuen Hausherrn, Gespür für Texte an Ewald Palmetshofers erstem Stück "hamlet ist tot. keine schwerkraft". Felicitas Brucker inszeniere diese "realistische Studie über schwelende Verletzungen" mit "knappen Dialogskalpellen" als "musikalische Belastungsprobe des Textes", "Humor und Hass, Monotonie und Erregung" hielten sich bei ihr "klug die Waage". Angesichts Barbara David Brueschs Inszenierung von Gerhild Steinbuchs "schlafengehn" – "in einer Art Maulwurfslandschaft, wo die Menschen aus Löchern kommen und exzessiv ihre Verstörung leben" - werde klar, "dass die Hoffnung dieses Theaters sein Ensemble" sei. "Sechs eigenwillige Charaktere, die rasch zwischen rotzfrech und debil, rätselhaft und lustig wechseln können, finden ihr Potential in der Gruppe".

Vor Händl Klaus' Alpensehnen schwant Stephan Hilpold, er tut es in der Frankfurter Rundschau (26.11.2007) kund, Ungewisses. Immer sei der Ruf des Hauses in der Theaterlandschaft "ein bisschen besser" gewesen "als seine tatsächliche Performanz". Der neue Chef Andreas Beck folge, indem er der Gegenwartsdramatik eine Heimat bietet, dem Weg von Hans Gratzer, allerdings "modifiziert", er lege sogar ein Abonnement auf. Palmetshofers Stück ist auch für Herrn Hilpold ein "Glücksgriff". "Theoriegestammel" treffe auf "Zahnraddialoge", "Wolf Haas auf Werner Schwab". Die als Text nicht leicht verdauliche, "in sich gebrochene Familientragödie" werde in der Regie von Felicitas Brucker ein "ziemlich trashiger Spaß". Zu verdanken sei das, findet Hilpold, dem Ensemble, das auch er als – abermals – "Glücksgriff" sieht. Doch obwohl sie selbst die Regie übernahmen, konnten die Schauspieler Johannes Schrettles Assoziationsstück "wie ein leben zieht mein koffer an mir vorüber" nicht retten. Derweil vor Gerhild Steinbuchs filigranem "schlafengehn" die Regisseurin Barbara-David Brüesch kapituliert habe.

 

Kritikenrundschau-Schwerpunkt zu "hamlet ist tot"

Eva Maria Klinger zitiert Schauspielhaus-Chef Andreas Beck vor der Premiere von Ewald Palmetshofers Stück in der Bühne (11/2007): "Ist das nicht ein herrlicher Titel für unsere Eröffnung? Der Titel des Stücks verweist auf die begrenzte Gültigkeit der Klassiker und die Aufhebung natürlicher oder gar moralischer Verabredungen."

Über die Uraufführung von "hamlet ist tot. keine schwerkraft" meldet die österreichische Nachrichtenagentur apa am 23.11.2007: was in dem Stück verhandelt werde, "ist zwar nicht leicht zu durchschauen, dafür jedoch mit viel Witz umgesetzt."

Mit ebenfalls schwierig zu durchschauenden Sätzen beschreibt Ronald Pohl im Standard (22.11.2007) das Stück: Palmetshofers "hamlet dreht sich ohne Unterlass. Wenn dass Stück anfängt, ist es sozusagen schon wieder aus. Was wiederum damit zusammenhängt, dass sich Palmetshofer sehr genau überlegt hat, was das denn überhaupt sei – die Gegenwart?" Die Figuren "kreisen in überkippenden Satzmonstren ihre nicht immer klar durchschaubaren Ansichten ein, Punkte bilden lange Geraden – dazwischen werden himmlisch leere (Text-) Flächen ausgespannt. Palmetshofer treibt eine virtuose Kunst der dramatischen Schaffur. Irgendwie ist das alles hochpolitisch. Nur ersetzt die Reflexion unhaltbarer, unklarer Zustände noch lange nicht ein politisch verantwortliches Handeln."

"Die Jahre des blutigen Volkstheaters sind noch nicht gezählt", freut sich Margarete Affenzeller im Standard an Werner Schwab oder Thomas Jonigk findet. Das Ensemble der Uraufführung sei (24.11.2007), die bei hamlet ist tot eine "erfreuliche Reminiszenz""fabelhaft", es bewege sich "kraftvoll und dabei immer feinspurig durch das verminte Feld einer Familientragödie". In Palmetshofers "hamlet" "erbrechen" die Sätze "regelmäßig, bevor sie zum Kern der Wahrheit führen. Und will eine einmal über Liebe reden, dann faselt sie himmellang von "Unendlichkeit" und "Breite"." Manchmal trete ein Protagonist hervor und halte "ein Kurzreferat - über CO2 oder Fairtrade, Themen, die einen bis in die eigene Substandardwohnung verfolgen."

In der Presse (24.11.2007) setzt Norbert Mayer das Stück als "Blutwurst scharf gewürzt und mit ausreichend Beilagen" auf die Speisekarte. Es handele sich um ein "wildes Stück", mit "zotiger Jugendsprache und Anfällen postmoderner Existenzphilosophie". Auch Regisseurin Felicitas Brucker halte sich bei "der Umsetzung dieses anarchischen Gerichts" nicht zurück. "Es wernerschwabelt und elfriedejelinekt in diesem Text, lustvoll schmiegt sich die Inszenierung an ihn, und noch dazu prahlen die sechs jungen Schauspieler … mit ihrem bereits prächtig entwickelten Können. In einem Satz: Es werden 100 unterhaltsame Minuten geboten. Das ist mehr als nur eine Talentprobe, das ist wunderbares Theater."

In der Frankfurter Rundschau (24.11.2007) schreibt Stephan Hilpold: "Theoriegestammel trifft auf Zahnraddialoge. Wolf Haas auf Werber Schwab." Das Ganze müsse man sich als eine "in sich gebrochene Familientragödie" vorstellen: "Bruder liebt Schwester, Mutter hasst Oma, Vater ist sprachlos." Am Blatt "nicht ganz einfach verdaubar", auf der Bühne des Schauspielhauses aber "ein trashiger Spaß". In Brucker Regie lebe noch einmal "eine Theaterphase auf, die man schon voreilig ad acta gelegt" hat: "Das Prekariat als Personal blutiger Familienspäße – samt praller Retroklamotten und draller Ferkeleiern."

Caro Wiesauer schreibt im Kurier, Wiener Ausgabe (24.11.2007), von einem "sprachgewaltigen Stoff". In immer wiederkehrenden Schleifen "zelebrieren" vier junge Menschen und ein Ehepaar die "Antikommunikation". Während auf der einen Seite "nichtssagendes Befindlichkeitsgeschwätz" parodiert werde, entwickele sich auf zweiter Ebene ein "spannender, nicht leicht durchschaubarer Plot". "Theaterspielen als würde es ums Leben gehen. Schön."

Ernst P. Strobl schreibt in den Salzburger Nachrichten (24.11.2007): "Theatralisch hat Palmetshofer die österreichischen Tradition inhaliert. Ein Thomas Bernhard für Armer? Oder doch eher ein Jünger von Wolfgang Bauer? … Der 1978 geborene Mühlviertler ist sicher ein Talent."

Laut Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (26.11.2007) handelt es sich bei "hamlet ist tot" um eine "realistische Studie über schwelende Verletzungen" mit "knappen Dialogskalpellen". "Die sorgfältig vertuschte Gefühlsfratze befreit sich in der Katastrophe, Humor und Hass, Monotonie und Erregung halten sich in Felicitas Bruckers musikalischer Belastungsprobe des Textes klug die Waage."

Im Wiener Falter solle, wirke das (30.11.2007) lobt Wolfgang Kralicek: "Es passiert einiges in diesem Stück, aber wichtiger als die Handlung ist die Sprache, ihr Sound, der Rhythmnus. In einer eigenwilligen Mischung aus Poesie, Mathematik und leerem Geplapper beschreibt der 29-jährige Palmetshofer eine Welt ohne Herz." Regisseurin Brucker arbeite "gekonnt den Humor heraus", nur wenn die Farce am Ende "in eine Tragödie kippen""etwas gezwungen".

In Theater Heute schreibt (2/2008) Franz Wille: Es gab schon lange kein so schönes Familienstück wie "hamlet ist tot, keine schwerkraft", das einerseits alles kann, was Ibsen auch konnte – langsames Entblättern der menschlichen Fassadenhintergründe -, aber den alten Norweger dabei endlich so alt aussehen lässt, wie er tatsächlich ist: ein gutes Jahrhundert nämlich. … Solche Dialoge … hat vor Ewald Palmetshofer noch keiner geschrieben. "


Kommentar schreiben