altMich selber zu sein oder jemand anderes

von Andreas Klaeui

Avignon, 9. Juli 2012. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Mit dieser Produktion hat die Theaterarbeit mit Behinderten eine neue Ebene erreicht. Seit 1993 hat sich das Zürcher Theater Hora mit landauf, landab bejubelten Produktionen zu einer ersten Theateradresse für Menschen mit einer geistigen Behinderung gemausert; in der Zusammenarbeit mit Jérôme Bel ist es nochmal einen Schritt weiter gegangen. In "Disabled Theater" gibt es keine Rollen, die Behinderten stehen selber im Zentrum. Eine Darstellerin bringt es auf den Punkt: "In diesem Stück ist meine Aufgabe, mich selber zu sein und nicht jemand anderes."

Es gibt kein So-tun-als-ob, und gerade dies macht den Abend zum Ereignis. Das ist freilich eine ambivalente Sache – sie werden "vorgeführt" – und muss zunächst wie ein Schock gewirkt haben, besonders auf die Angehörigen: Er selber finde es zwar "super", sagt ein Darsteller, aber die Eltern seien anderer Ansicht, bei der Heimfahrt nach einer Berner Voraufführung (im Festival "auawirleben", die Premiere war dann im Mai im Kunstenfestival) habe seine Schwester geweint, "wie Tiere im Zoo" würden sie vorgeführt. Von "Freakshow" spreche wieder eine andere Mutter, "aber sie findet es gut". Was sich hier zeigt, sind Wahrnehmungsverschiebungen im Dreieck von Schauspielern, Angehörigen und Publikum. Einer tut ihre Behinderung "leid", sagt sie; einer will seine unbedingt vorführen: dass er die Finger immerzu in den Mund nimmt. Das sieht die Familie nicht so gern. Und wir?

Auftritt im Ungeschützten
Wir sehen die Vorführung. Jérôme stellt Aufgaben: Die Schauspieler sollen einer nach dem anderen eine Minute lang vors Publikum hinstehen. Allerdings hält es kaum einer eine Minute lang aus – wie lang ist eine Minute? Und wir sehen auch im Ungeschützten einen Auftritt. Nicht den Schutz einer Rolle, aber viel Persönlichkeit; Würde. Einer hält es gnadenlos durch, eine Minute, zwei Minuten, drei. Die Zeit steht still; bis Simone Truong ihn bedankt. Das Setting ist schlau: Jérôme Bel ist selber nicht anwesend, aber Simone Truong, Schweizer Tänzerin und Choreografin, vermittelt als Bindeglied zwischen Bühne und Publikum, und als Übersetzerin, denn die Schauspieler sprechen nur Schweizerdeutsch "und Jérôme nicht".

Jérôme bittet: sich mit Namen, Alter und Beruf vorzustellen. Beruf? Schauspieler! Ihre Behinderung zu nennen. Es fällt den einen wohl schwer (ich bin ein "Huere Mönggi", sagt eine Schauspielerin, "und mir macht's weh"), den anderen überhaupt nicht. Eine weiß sie nicht; einer ist stolz, dass er ein Chromosom mehr hat als wir da. Wie lange, bei der ganzen pränatalen Diagnostik, werden wir Menschen mit Trisomie 21 überhaupt noch begegnen?

disabled theater 560 michael bause uAuf der Suche nach der Unvollkommenheit: "Disabled Theater" © Michael Bause

Jérôme bittet: ein Solo nach selbst gewählter Musik und eigener Choreografie zu tanzen. Es ist zum Heulen schön. Die Suche der Unvollkommenheit sei eine Konstante in seinem Schaffen, sagt Jérôme im Programmheft. Zwischen "Dancing Queen" und Elektro-Ungestüm tut sich hier ein Traumhimmel auf, Kleist hätte vielleicht gesagt: Grazie. Alle sind sie immer ganz und gar dabei, unterstützen einander, behutsam, geben sich Halt; manches andere Theaterensemble könnte sich ein Stück davon abschneiden. Jérôme bittet die Schauspieler, sich zu verbeugen. Das Publikum in Avignon dankt ihnen mit einer stehenden Ovation.

 

Disabled Theater
von Jérôme Bel und Theater Hora
Konzept: Jérôme Bel, Dramaturgie: Marcel Bugiel, Assistenz und Übersetzung: Simone Truong, Chris Weinheimer.
Mit: Remo Beuggert, Gianni Blumer, Damian Bright, Matthias Brücker, Matthias Grandjean, Julia Häusermann, Sara Hess, Miranda Hossle, Peter Keller, Lorraine Meier, Tiziana Pagliaro.

www.festival-avignon.com

 

Alles über das Festival d'Avignon auf nachtkritik.de im Lexikon.


Kritikenrundschau

Jérôme Bel stelle in seiner neuen Arbeit "sehr grundsätzlich die Frage, wo die Grenze zwischen Normalität und Abnormität verläuft, im Leben – und im Tanz", schreibt Annette Stiekele für die Welt (8.8.2012) in ihrem Überblick zum diesjährigen Festival d'Avignon über "Disabled Theater". Bel, der "Star unter den französischen Konzeptchoreografen", bleibe dabei "seinem Prinzip, das Repräsentationstheater zu hinterfragen, treu: Die elf Akteure im Alter von 18 bis 51 Jahren spielen ausschließlich sich selbst". Sie entwickelten "zu ihrer Lieblingsmusik einen individuellen Ausdruckstanz" mit "Ergebnissen, die einen sprachlos zurücklassen". Als Zuschauer habe man in "keiner Sekunde" das "Gefühl, die Darsteller wüssten nicht, was sie da tun. Selbstbewusst konfrontieren sie den Zuschauer mit der Frage, ob die genau abgezirkelte physische Perfektion eigentlich notwendig ist. Ist sie nicht. Diese kluge Aufführung spiegelt dem Zuschauer die eigene Unvollkommenheit."

Auf der Webseite von Deutschlandfunk schreibt die Tanzkritikerin Wiebke Hüster (25.8.2012): "Disabled Theater" sei ein großartiges Konzeptstück für elf geistig behinderte professionelle Schauspieler des Zürcher Theaters Hora. Welche "befreiende, mitteilsame Natur" Tänze haben könnten, zeigten die wunderbaren Akteure jeweils in einem Solo. "Ans Ende stellte Bel die unverblümten Aussagen seiner Schauspieler über das Stück selbst. Damian Bright, Schauspieler mit Downsyndrom, fand es toll; seine Mutter fand es eine Freak Show, aber eine wundervolle."

Ausführlicher argumentiert Hüster in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.8.2012), wo sie sich der Kunst des Jérôme Bel rückhaltlos ergibt: er sei der einzige zu Recht weltberühmte Choreograph "jenes ansonsten abscheulich langweiligen, mehr von zweifelhaften Absichten als von guten Ausführungen bestimmten Gebrechens mit dem Namen 'Konzepttanz'". Das "hinreißende Posttanztheater" des Pariser Intellektuellen mache jeden schwach - es sei "zu unterhaltsam, zu verblüffend, zu reich an Einsichten, als dass man ihm (...) widerstehen könnte." In jedem Stück von Bel erfasse man "neue Hinterbühnen-Aspekte des Tanzes", begreife man seine Bedingungen besser, "seine Opfer, seine Schätze, seine Fallen", nicht nur für die Kunst sei das befreiend, auch für das Publikum. "Eingeladen zum hemmungslosen Anstarren von Leuten, zum Belauschen ihrer Geschichten, zum Studium ihrer Physiognomien, Bewegungen, ihrer Sprechakte, ihrer Tanzversuche, verlässt man das Theater tief zufrieden und zugleich - denn auch das Publikum zahlt einen Preis für so viel Vergnügen - einigermaßen verunsichert darüber, was daran jetzt ausgedacht war und was echt." In "Disabled Theater" sehe man Darsteller mit Down-Syndrom und bewundere sie für ihre Energie, ihren Charme, ihre Bühnenpräsenz. Was ein Missverständnis sei, und das mache Bel hinreichend deutlich, wenn der Zuschauer das Gefühl bekomme, dass es "einfach nur toll ist, so spielen und tanzen zu können", und die Diagnose "Trisomie 21" gar kein Problem sei. Die Botschaft von "Disabled Theater" verstehe man sehr gut. Aber das Können Jérôme Bels und seiner Darsteller erweise sich darin, dass "der Abend viel mehr ist als die Summe seiner zerstörten Vorurteile".

Anlässlich der Premiere von Disabled Theater bei der Ruhrtriennale schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (29.8.2012): Auch diesmal folge "Szene-Liebling" Jérôme Bel "den Prinzipien seines menschenfreundlichen Konzepttheaters": Die elf Akteure würden von ihm nicht "inszeniert oder choreografisch instruiert - er hat nur ein paar Aufgaben für sie, und die soll ein jeder so, wie er ist, und so, wie er will, erledigen, ohne Rollenspiel, ohne Druck". Ganz einfach sei das alles, "ganz direkt und unaufgeregt, oft auch komisch, aber lächerlich ist es zum Glück nicht". Zwar mache sich bei den Zuschauern schon mal Unwohlsein breit, schließlich wolle man ja kein Voyeur sein und die Behinderten nicht schamlos anstarren. Doch "die da vorne" wüssten das, sie spielten damit, konfrontierten die Zuschauer – "tatsächlich schamlos - mit ihrem Anderssein und liefern etwaige Kritik gleich selber mit". Was bei den anschließenden Tanz-Soli "zum Vorschein" komme, sei "lustig, fetzig, kitschig, wütend, auch mal peinlich. Aber immer berührend".

 

 

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