altKnoblauch in fast allen Körperöffnungen

von Andreas Schnell

Bremen, 12. Juli 2012. Großes Theater war nicht unbedingt zu erwarten. Eher auf die Schnelle entstand eine letzte Inszenierung, bevor die Spielzeit endet – und damit für nicht wenige Akteure die gemeinsame Zeit in Bremen. Immerhin Gelegenheit, gleich auch noch den hundertsten Todestag von "Dracula"-Schöpfer Bram Stoker zu würdigen. Auch das ja nicht eben die Sorte Jubiläum, die in Stadttheatern so auf der Agenda steht.

Untertitelt mit "A tribute to Blutdurst und Unsterblichkeit", annoncierte sich dieser "Dracula" von vornherein eher klamottig. Immerhin: Eine neue Spielstätte wurde eigens eingerichtet, das "Hoftheater", eine Bühne in der Hofeinfahrt vorm Schauspielhaus. Eine charmante Szenerie, mit eingestaubten Lampen und vermoostem Oberlicht.

Was aus der Bahn wirft

Ein siecher Trauerzug läutet den Abend ein, eine Bahre hinter sich herziehend, auf der im Leichentuch ein Körper liegt, der trotz seiner Leichenhaftigkeit immer noch die Becken schlagen muss. Angekommen, wird er an der Wand ab- und uns als Jonathan Harker vorgestellt, der "ewige Mittelständler", verlobt, ein ganz solider Typ. "Was warf ihn aus der Bahn?"

Wir wissen das natürlich. Er reiste nach Transsilvanien, weil er den Immobilienkauf eines dubiosen Grafen regeln soll. Und im wesentlichen erzählt Sebastian Martins Inszenierung dann auch die Romanvorlage nach, ganze Textpassagen haben Stoker'schen Duktus. Nur dass dieser Dracula hier gleich in vier Körpern steckt. Und die haben so ihre Macken. Einer der Blutsauger, der von Helge Tramsen, rutscht auf den Knien herum, einen roten Luftballon in der Hand, etwas Norddeutsches in der Stimme, ein anderer, der von Gerhard Palder, schnarrt irre im weißen Anzug, ein dritter ist die androgyne Variante, gespielt von Philipp Michael Börner in Stöckelschuhen und durchsichtiger Bluse. Nummer vier wird von Varia Linnéa Sjöström etwas dezenter dargeboten. In die Fänge dieses blutrünstigen Quartetts gerät nun der arme Jonathan Harker, ganz treuherzig: Thomas Hatzmann.

Glaskasten und Zwangsjacke

Es kommt, wie es kommen muss: Der Graf reist nach London, während der Schiffspassage muss der Kapitän, auch wieder ganz reizend norddeutsch: Helge Tramsen, feststellen, dass auf seinem Schiff etwas ganz entschieden nicht stimmt, derweil in London Doctor Seward versucht, aus dem Fliegen fressenden Renfield schlau zu werden, den Gerhard Palder herrlich wahnsinnig gibt – einmal erbricht er sogar Federn. Und langsam bekommt der bislang trotz einiger wirklich ulkiger Einfälle etwas ziellos dahinmäandernde Abend trashigen Schwung. dracula3 560 joerg landsberg h© Jörg Landsberg

Oliver Jahn hat schon die Surf-Gitarre vorgelegt, "Pulp Fiction" im Sinn, als der delirierend heimgekehrte Harker, in einem der beiden Glaskästen an den Seiten der Bühne eingekerkert, sich befreit und flieht. "Ist das abgesprochen?", fragt einer, Irritation, Renfield flucht: "Schauspieler sind wie Kleinkinder", und schon beginnt die Jagd auf den Ärmsten. Natürlich wird er eingefangen, in einer Zwangsjacke an die Wand gehängt - und von Ärzten und Assistenzärzten gepiesackt, in etwa die gleichen Figuren, in die zuvor Dracula zerlegt war.

Van Helsing (Tramsen) brabbelt debil, während er manisch die Flüssigkeit in seinem Becher umrührt, die sich als Blut herausstellt. Lüstern führt er Harkers Verlobte Mina ab, den androgynen Dracula von vorhin, denn sie braucht Blut. In der anderen Glaszelle, die vorher den Irren Renfield beherbergte, bekommt sie es, das Stück säuft in Kunstblut ab.

Weniger Geschichte, mehr Blut

Schließlich soll der arme Harker den Seelenfrieden seiner geliebten, leider aber nun untoten Frau retten, in dem er ihr den Kopf abschlägt, ihr einen Pfahl durch's Herz schlägt, ihr den Zeh abbeißt, Knoblauch in ungefähr sämtliche Körperöffnungen steckt. Und er lässt sich überzeugen, gerade rechtzeitig, denn die Gute ist schon zombiehaft unterwegs Richtung Publikum. In Zeitlupe köpft er die frischgebackene Vampirin, pfählt sie, meterhoch spritzt das Blut. Und haut immer wieder zu, bis ihm Renfield Einhalt gebietet: "Nicht verkloppen, Jonathan!"

Tja, der arme Jonathan Harker: "Was warf ihn aus der Bahn?" Ganz in der Metaphorik des Trashfilms formuliert: Die Gesellschaft. Alles Blutsauger. Aber das ist eigentlich weniger interessant, als dieser "Dracula" dann vielleicht doch weniger Geschichte, mehr Blut vertragen hätte. Dann wäre zwar immer noch kein großes Theater dabei herausgekommen, aber wahrscheinlich ein größerer Spaß. Spielfreude war jedenfalls vorhanden.

Dracula
nach Bram Stoker
Regie: Sebastian Martin, Bühne und Kostüme: Mareen Biermann, Katja Fritzsche, Dramaturgie: Diana Insel, Marcel Klett, Musikalische Leitung: Oliver Jahn.
Mit: Thomas Hatzmann, Philipp Michael Börner, Varia Linnéa Sjöström, Gerhard Palder, Helge Tramsen, Oliver Jahn.

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Eine Riesenhorrorgaudi zum Spielzeitschluss," schreibt Johannes Bruggaier in der Bremer Kreiszeitung (13. 7. 2012) Nicht nur, dass Bruggaier die "herrlich bizarre Truppe" Spaß macht, die "mit wahren Leichenbittermiene" in den Zwischengang des Theaterhofs einzieht. Auch die Tatsache, dass es gleich vier Draculas gibt, leutet ihm sehr ein. Zwar räumt er ein, dass die szenische Vielfalt des Spektakels auch schon mal unübersichtlich wird. Aber "genau diese Unübersichtlichkeit ist es, die Harkers Unbehagen für das Publikum sinnlich erfahrbar macht." Ab und zu erscheint das Treiben dem Kritiker dann doch zu sehr bemüht. Insgesamt aber läßt ihn der spektakelige Spielzeitabschluss mit Blick auf die mit der neuen Spielzeit beginnende Intendanz von Michael Börgerding schließlich schreiben: "In zwei Monaten geht es am Schauspiel weiter. Hoffentlich mit genauso viel Biss – und ein bisschen weniger Blut."

 

 
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