Wen liebt Mutter?

von Simone Kaempf

Hamburg, 22. November 2007. Fast könnte man meinen, es ist wie früher. Zwischen den Szenen läuft Popmusik, die einem sofort vertraut vorkommt, wie in den Fernsehserien, die man auch immer gleich an der Titelmusik erkennt. Da ist die Bühne fröhlich-bunt zugebaut, mit einer Küchenzeile im Vordergrund, an der sich die Figuren treffen zum neurotischen Schnellsprechen. Und diese Küchengespräche beginnen stets mit dem unverkennbaren "Ja gut". "Ja gut, ich bin deine Mutter und wir bewegen uns hier zuhause auf einer außerökonomischen Matrix."

Wie früher messerscharf

Man fühlt sich sofort zurückerinnert an world wide web-slums, mit denen René Pollesch vor ein paar Jahren, 2001 war’s, am Hamburger Schauspielhaus wegen des großen Erfolgs von der Oberfoyer-Bühne in den Hauptsaal wanderte. Etwas von dort scheint jetzt mitgezogen zu sein oder einfach wiederbelebt in der Thalia-Spielstätte in der Hamburger Gaußstraße, wo René Pollesch zum ersten Mal inszeniert.

Natürlich sind Polleschs Arbeiten sowieso längst ein großes work-in-progress, eine permanente Weiterentwicklung seiner Themen in verschiedenen Strängen und an verschiedenen Orten. Doch während zuletzt "Dikatorinnengattinnen I" an der Berliner Volksbühne im gediegenen Kronleuchterambiente als allzu sepiafarbenes und insgesamt unscharfes Spiel mit dem Ende des Repräsentierens (des Theaters, der Geschlechterrollen, der Politik) ausfiel, ist der neue Abend nicht nur kunterbunt, sondern auch superschnell und messerscharf.

Au weia, das 30jährige Kind vor der Tür

Polleschs Thesen zu Liebe und Kapitalismus oder Herrschaftstrukturen und Identitäts-Zuschreibung sind wieder zusammengeführt, und dieses Mal scheint er auch tiefer eingedrungen in die dschungelhaft wuchernde Komplexität der Wirklichkeit. Kurzum: "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern" ist ein inspirierender neuer Pollesch-Abend. Und ein zutiefst komischer Abend, der zudem sogar so etwas wie eine fünfköpfige Familie (aus dem Thalia-Ensemble Anna Blomeier, Judith Hofmann, Felix Knopp, Jörg Pose, Katrin Wichmann) auf die Bühne bringt, und zwar eine Familie im Ausnahmezustand. "Ich mach die Tür auf", heißt es gleich am Anfang, "und plötzlich steht mein Kind wieder vor der Tür, mit dreißig, und will zuhause einziehen."

Die Eltern sind so etwas wie die letzte Ressource, wenn die Karriere nicht funktioniert. "Die lieben mich", so das Kind, "die können mich nicht einfach ausschließen wie der Markt und der Sozialismus." Ist also alles bedingungslos und ungeregelt in der Familie? "In der Familie liegt man nicht ungeregelt nebeneinander. Sonst würde sie auch nicht den Kapitalismus überleben." Und überhaupt, ja gut, ein Kind ist ein Geschenk, "aber ein Geschenk muss unausgesprochen beantwortet werden. Geschenke sind theoretisch freiwillig, müssen in Wirklichkeit aber immer gegeben und erwidert werden." Weswegen es höchste Zeit wird, "zu überprüfen, ob wir es mit Körpern zu tun haben, auf die wir auch außerhalb dieser Familiensituation stehen."

Ausbruch aus der Familie mit Hitchcock

Den Ausbruch aus dem Produktiv-Verhältnis Familie und aus dem Vertrag bedingungsloser Mutterliebe stellen die Schauspieler selbst nach. Von den diskursiven Küchengesprächen zwischen Herd und Spüle schwärmen sie auf der Bühne aus, suchen nach Liegeordnungen im Ehebett oder spielen in Gesellschaftsspielen Filmszenen nach: Bonnie and Clyde und dann unter der Dusche den Mord aus Psycho, nur dass diesmal der Sohn die Mutter ersticht. Diese Szenen werden auch gefilmt und auf die große Videoleinwand übertragen, aber auch ohne sie zieht der Abend seine elliptischen Kreise, in denen Pollesch wie selbstverständlich, aber mit echtem Tiefgang seine Themen verhandelt.

Es gibt die Familie, und es gibt eine Außenwelt – das ist die einfache Ausgangsbasis. Und es gibt das Theater, das wie die Familie auch außerhalb der Ökonomie stattfindet. Und so verhandelt Pollesch am Ende des Abends das Theater selbst mit seinem fließenden Übergang von Privatem und Öffentlichem, mit seinen problematischen Grenzen von innen und außen. "Die Freiheit bestand lange darin, im Theater asozial zu sein", sagt Jörg Pose. "aber nun ist der Regisseur so nett und sozial zu mir, und in der Wirklichkeit ist alles asozial."

Alles fließt, auch die Geschlechterrollen

Wobei den drei Frauen auf der Bühne die Pollesch-Erstberührung noch einen deutlichen Tick mehr Spaß macht als den Männern. Katrin Wichmann tritt als Typ patente Übermutter mit 60er-Jahre Hochsteckfigur auf, die gleich am Anfang in der Kücheneinrichtung handwerkert. Judith Hofmann gibt die zickigere Variante, die gerne an Mord und Totschlag erinnert, und Anna Blomeier ist schon optisch unschwer als Tochter identifizierbar in ihrem hellblauen Hängerkleidchen.

Freilich ist hier jeder mal die Mutter. Die Rollenzuweisungen sind auch in diesem Pollesch fließend. Alle Zuschreibungen von Geschlechterrollen sind aufgelöst, selbst die von Mensch und Tier sind an diesem Abend nicht mehr sicher. Eine Reminiszenz an Donna Harraway, derzeit Polleschs Lieblingslektüre, die als Biologin glaubt, dass auch die Grenze zwischen Tier und Mensch eine kulturell markierte sei. Aber auch wer Michel Foucault herausliest, liegt richtig. Pollesch hat aller Theorie einmal mehr einen bunten, verspielten wie lebensprallen Abend abgetrotzt. Und einen, der an der Abschaffung all der Zuweisungen arbeitet, die die Welt wie auch das Theater woanders täglich neu erschafft. So geht ihm nie der Stoff aus.

 

Die Welt zu Gast bei reichen Eltern (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne und Kostüme: Janina Audick. Mit: Anna Blomeier,
Judith Hofmann, Felix Knopp, Jörg Pose, Katrin Wichmann, Souffleuse: Gabriele Rau.

www.thalia-theater.de

 

 

Kritikenrundschau

In den Kieler Nachrichten (24.11.2007) schreibt Ruth Bender über Polleschs Debüt am Thalia Theater: Zwar seien die Schauspieler zur Premiere noch nicht die "pausenlos Text generierenden Wortschnellfeuergewehren", würden sich aber zusehends in "die notwendige Pollesch-Emphase" hineinsteigern. Die Wortwahl sei "jugendfreier" als sonst, auch gebrüllt werde wenig. Dafür zeigten sich die Spieler als "versierte Slapstick-Komiker, die prima unverhofft fallen oder sich … unauflöslich zwischen widerborstigen Besteckschubladen verheddern können." Ausstatterin Janina Audick habe dafür wunderbar vertrackte Fallen aufgestellt und schöner "als in der Unbotmäßigkeit der Küche hat noch keiner die ganz normale dysfunktionale Familie versinnbildlicht".

In der Welt (25.11.2007) schreibt Monika Nellissen von einer "gut geölten Komödie mit Bitterstoffen". Die "screwballartige biestige Comedy mit zwerchfellerschütternder Slapstickkomik, Filmzitaten und life aufgenommenen Videopassagen" gehöre zu Polleschs "guten Arbeiten". Sie hinterfrage "Werte und Sehnsüchte der Familie als ‚archaischer Vertrag’." Der Seitensprung zum Thalia Theater habe Pollesch gut getan, zumal "ihm hier fünf fabelhafte Schauspieler" und eine Souffleuse in einer "für sie ungewohnten Inszenierungskunst so lustvoll wie rasant folgen." Das "hoch musikalisch grundierte, sorgsam durchkomponierte Vexierspiel" trage "uns" permanent aus der Kurve. "Verlässlichkeit gibt es nicht, nirgendwo, das ist leider 'die universelle Wahrheit'."

Die Süddeutsche Zeitung braucht ein paar Tage bis sie am 27.11.2007 so weit nach Norden, bis nach Hamburg zu Polleschs "Welt zu Gast bei reichen Eltern" geschaut hat. Dafür aber wird Till Briegleb prinzipiell.
Einstmals, konstatiert er, war Pollesch "Exot" und "schlechtes Gewissen" im deutschen Stadttheater, mittlerweile rege er schon niemanden mehr auf. Den Erfolg könne man Pollesch nicht vorwerfen, aber sein Theater sei "immer häufiger selbst ein Illusionstheater, das seine ursprünglichen Mittel mit unterschiedlichsten Schauspielern perfekt und salbungsvoll reproduziert". Wo früher "Überreizung" und "Überforderung" die Schauspieler in einer "dauerhaften Krise" oszillieren ließen, sei mittlerweile selbst bei Pollesch-Neulingen ein souveräner Umgang mit den Textmassen eingetreten, das Ganze schlage um in die Boulevard-Komödie, die subversive "Daseinskritik" werde, schlimmste Schande, "ARD-tauglich". Auch Polleschs neue Familien-Komödie sei nurmehr "Intellektuellen-Comedy, über die auch alle lachen können, die mit der Kritik gemeint wären." Und damit sei "dieses Theater eindeutig ein Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweise, deren Erfolg im Aufsaugen ihrer Kritiker garantiert" werde. Das sei vielleicht nicht schlimm, "nur die Rebellion gerät dabei zur Pose. Und dann wird dieses Theater genau das Oberflächenphänomen, gegen das es einst protestiert hat."

 
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