Ich und du, Müllers Kuh

von Petra Hallmayer

München, 21. Juli 2012. Auf der fast kahlen Bühne im Marstall gibt ein Autor und Regisseur (Götz Schulte) seinen Darstellerinnen Anweisungen und führt uns in die Geschichte ein: Die Schauspielerin Elisabet Vogler ist mitten in einer "Elektra"-Aufführung verstummt. Sie weigert sich zu sprechen, ihren Mann und ihren Sohn zu sehen und wird fortan von der Krankenschwester Alma betreut, mit der sie in ein einsames Sommerhaus zieht.

Die Entstehung eines Theaterstücks im Theater bildet die Basis für Amélie Niermeyers Bühnenadaption von Ingmar Bergmans Filmklassiker "Persona" von 1966. Changierend zwischen Sprödigkeit und Strindberg'scher Wucht variierte der schwedische Film- und Theaterregisseur darin einige seiner Grundmotive: die nicht aufhebbare Einsamkeit zwischen Menschen, die Schrecken der Nähe, das Geflecht aus unerfüllbaren Sehnsüchten, Täuschungen, Hass und Liebe in Beziehungen, die Unzulänglichkeit der Sprache als Mittel der Verständigung, die Jagd nach dem Phantom Wahrheit.

Verstörendes Psycho-Duell
Der Ausbruch Elisabets, die nicht länger lügen mag, aus allen Rollenzwängen mündet nur in eine weitere Rolle. Beide Frauen, erklärte Susan Sontag in ihrem "Persona"-Essay tragen Masken, die irgendwann zerbrechen: "Elisabets Maske ist ihre Stummheit. Almas Maske ist ihre Gesundheit, ihr Optimismus, ihr normales Leben." Zwischen der Krankenschwester, die entschlossen ist, sich mit einem konventionellen weiblichen Lebensentwurf zu arrangieren, und ihrer sich allen sozialen Erwartungen verweigernden Patientin entwickelt sich ein verstörendes Psychoduell, in dessen Verlauf sich die Identitäten verwischen.

persona3 560 sarahrubensdoerffer uEin Herz und eine Seele? Juliane Köhler und Evgenya Dodina in "Persona" © Sarah Rubensdörffer

Erbarmungslos führt "Persona" die verführerische und grausame Macht des Schweigens vor. Mit flatternder Nervosität und kieksendem Kichern spricht Alma (Juliane Köhler) auf die mit leerem Gesicht lauschende Elisabet (Evgenya Dodina) ein und vertraut ihr schließlich ihre tiefsten Geheimnisse an. Als sie durch einen Brief begreift, dass diese in ihr bloß ein amüsantes, ihre vampiristische Neugier befriedigendes Studienobjekt sieht, versucht sie mit ohnmächtiger Wut, die Mauer der Unantastbarkeit zu durchbrechen. Sie bedroht sie, schreit, fleht, fällt auf die Knie.

Mehr als pures Frauendrama
Mit der deutsch-israelischen Koproduktion, bei deren Premiere in Tel Aviv Juliane Köhler und Evgenya Dodina die Rollen tauschen werden, erfüllten die Intendanten zwei außergewöhnlichen Schauspielerinnen, die einmal gemeinsam auf der Bühne stehen wollten, einen Herzenswunsch. Tatsächlich hätte dieser Stoff ihnen eine fantastische Spielvorlage bieten können. Nur leider packt ihn Amélie Niermeyer in ein überehrgeiziges Konzept.

In einer Montage aus Stummfilmsequenzen, ineinanderflirrenden Bildern von brutaler Gewalt spinnt Bergmans Film, der auch die Selbstreflexion eines Künstlers ist und von eigenen kindlichen Einsamkeiten erzählt, ein weites Netz an Symbolen und Verweisen. Dass Niermeyer ihn nicht auf ein pures Frauendrama reduzieren mochte, ist sehr verständlich. Allein ihre Versuche, durch kurz aufleuchtende bunte Videoprojektionen etwas vom motivischen Reichtum des Films wiederzuspiegeln, muten ziemlich hilflos an, und die lange Einblendung eines Fotos aus dem Warschauer Ghetto bleibt bloßes (Film-)Zitat. 

Nähe-Distanz-Störung
Vor allem aber wirkt die Figur des Regisseurs und Spielleiters, der sich hartnäckig einschaltet ohne eigene Konturen zu gewinnen, bald nur noch störend. Die völlig unnötigen Illusionsbrüche machen es Köhler und Dodina immer wieder schwer, emotionale Intensität aufzubauen. Ohnehin hetzt Niermeyer viel zu atemlos durch die Beziehungsgeschichte. Sie überspringt die Phase der Annäherung, die federleichten Momente in einem gemeinsamen Alltag, nimmt sich keine Zeit für die Erotisierung des Verhältnisses und treibt Alma allzu rasch in die Hysterie. So muss Juliane Köhler zu früh und abrupt zu schrille Töne anschlagen und findet erst mit Verzögerung zu berührender Eindringlichkeit.

Evgenya Dodina, in deren Gesicht zu schauen man nicht müde wird, verleiht ihrer Elisabet, die mit Blicken vernichten kann, ohne Worte eine ungeheure Präsenz. Was zwischen den beiden möglich gewesen wäre, zeigt sich in einer großartigen Szene: Da schmiegt sich Alma an die sie mit blasiertem Interesse betrachtende Elisabet, nimmt ihr die Zigaretten aus dem Mund und vertraut ihr hektisch rauchend und fiebrig erregt ihre sexuellen Strandabenteuer an. Da entfaltet sich in wunderbarer Verdichtung ein fesselndes Drama aus Nähe und Distanz. Solche Szenen hätte man sich mehr gewünscht in einer Inszenierung, die zwar eine beklemmende Faszination entwickelt, doch über ein wenig glückliches Regiekonzept stolpert.

Persona
nach dem Drehbuch von Ingmar Bergman
Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Alexander Müller-Elmau, Kostüme: Kirsten Dephoff, Choreographie: Ulf Kirschbauer, Musik: Fabian Kalker, Licht: Gerrit Jurda, Video: Meike Ebert, Dramaturgie: Sebastian Huber.
Mit: Evgenya Dodina, Juliane Köhler, Götz Schulte, Anouk Barakat.

www.residenztheater.de

Eine andere Version des Ingmar-Bergmann-Stoffs zeigte der junge Regisseur Philipp Preuss 2009 in der Box des Berliner Deutschen Theaters, u.a. mit Almut Zilcher und Margit Bendokat.

 

Kritikenrundschau

"Ein packendes psychologisches Kammerspiel. Großartig", befindet Rosemarie Bölts in der Sendung "Kultur Heute" beim Deutschlandfunk (22.7.2012). Amélie Niermeyer habe die Dynamik des Stoffs aus dem Jahr 1966 "sozusagen auf das heutige, emanzipatorische Maß zurechtgeschoben. Den reinen Bergman-Blick auf die Frauen hat sie um ihre Fassung mit der Rolle des Mannes aus übergeordneter Perspektive erweitert. So wird das Spiel nicht nur existentiell, sondern auch plausibel. Das wiederum liegt auch an der schauspielerischen Kraft und Größe in dem ständigen Changieren der Rollen Juliane Köhlers als 'Alma', Götz Schultes als Ingmar-Bergman-Typ und Evgenya Dodinas als schweigender 'Elisabeth'."

Assoziative Intensität bescheinigt Egbert Tholl diesem Abend in der Süddeutschen Zeitung (23.7.2012), dessen Kritik vor allem auch auf ein intensives Erleben der beiden Protagonistinnen schließen lässt. "In einem Moment öffnet sich das Gesicht von Juliane Köhler", ist beispielsweise zu lesen, "als gelange man aus einem engen Tal in eine weite, offene Landschaft. Das Gesicht wird weich und warm, belebt von einem Erlebnis, das Alma, die Krankenschwester, die Köhler spielt, sich aus ihrem Gedächtnis zurückholt in diesen Moment der Gegenwart." Oder: "Die Elisabet spielt Evgenya Dodina, eine russisch-israelische Schauspielerin, eine Frau mit einem wunderschönen altmodischen Gesicht, aus dem Schmerz und Qual rinnen wie dröhnend laute, aber nicht zu hörende Schreie." Wie Ingmar Bergmann in seinem Film, nach dessen Drehbuch dieser Theaterabend entstand, denke Regisseurin Amélie Niermeyer in ihrer Inszenierung über das Theater nach. Doch so ganz löst sich das Versprechen des Abens offenbar nicht ein, dessen Intensität so der Kritiker, schließlich "haarscharf am Betrachter vorbeizielt".

Drei Schneewittchensärge sind für K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (23.7.2012) die "heimlichen Stars" dieses Abends: eine "kompakte Radio-Phono-Kombination aus Holz und Metall mit Plexiglasdeckel, der Design-Klassiker "Braun SK 4". Auf Knopfdruck werden hier immer wieder Stimmen eingespielt." Regisseurin Amélie Niermeyer habe "das bewusst verwirrende, irisierende Spiel mit den Identitäten" auf der Bühne verstärkt und in achtzig Minuten verdichtet. Wer spreche hier gerade welche Rolle? Wer lenke hier wen? "Vom Film über den Film zum Theaterstück über das Theater: Diese wunderbare Akzentuierung lässt die Aufführung zum elektrisierenden Erlebnis für die Theatergemeinde werden."

Auch wenn der Abend aus Sicht von Silvia Stammen von der Neuen Zürcher Zeitung (24.7.2012) "nicht die ästhetische Geschlossenheit und Dichte" des Ingmar-Bergmann-Films erreicht, sei er sehr sehenswert - "vor allem als Duell zweier starker Schauspielerinnen, die Sprechen und Schweigen als entgegengesetzte Instrumente ihrer Kunst einsetzen." Evgenya Dodina schweige "mit aller Kraft, verweigert anfangs nicht nur verbale, sondern jegliche Kommunikation, ja selbst Augenkontakt. In ihrem Gesicht spiegeln sich kindliche Verlorenheit und die hellwache Geduld eines lauernden Tiers, was Juliane Köhlers Alma zu immer nervöseren Kontaktaufnahmeversuchen treibt, bis sie sich ihrer Patientin in einem Anfall von Offenbarungsbereitschaft geradezu an den Hals wirft, um sich später mit verzweifelter Aggression an ihr für den Verrat zu rächen. Dabei bleibt Juliane Köhler mit ihrem flirrenden, selbst in der Ekstase noch kontrollierten Spiel mindestens ebenso sehr Diva wie ihre Gegenspielerin."

 
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