Im Wald der Zeichen

8. August 2012. In der "Welt" beleuchtet Jan Küveler die Festspiele von Bayreuth und ihre jüngsten Probleme mit faschistischer Symbolik: Erst wurde der Opernsänger Evgeny Nikitin wegen seiner Hakenkreuz-Tätowierung aus dem "Fliegenden Holländer" entlassen. Wenige Tage darauf engagierte man "den Faschismus-Fetischisten" Jonathan Meese für die "Parsifal"-Inszenierung 2016. Die Fälle geben Küveler Anlass, zur sensiblen Zeichendeutung aufzufordern.

Richtig sei, dass Meese gegen die "Ichverseuchung" aufbegehre und mit dezidiert rechter Zeichensprache die "Diktatur der Kunst" verkünde. Mit der Parole "Erz-Wagner befiehlt, Erz-Meese folgt!" begrüße der Bildermacher das Bayreuther Engagement auf seiner Website. "Parsifal" solle "Totalstspiel" werden. Meeses Propagandagestus sei durchaus unironisch aufzufassen: "Am Faschismus liebt er das Unwichtigwerden des Einzelnen, sein Leben im Dienst einer höheren Sache."

Aber, so Küveler, "Meese ist kein Nazi. Meese will spielen". Was er in "Faschismus-, genauer: in Nazisymbolik" kleide, sei "Protest gegen die Wirklichkeit". Er predige "eine Kuscheltierzeit, die sich in Stahlbädern gewaschen hat. Das Ende der Politik und den Anfang des totalen Glücks. Man könnte auch sagen: die Freiheit des Menschen. Mit anderen Worten, eine niemals erreichbare Utopie. Und er hat Recht, wenn er immer wieder darauf besteht, dass sich Kunst mit nichts weniger zufrieden geben sollte."

Vor diesem Hintergrund entproblematisiert Küveler auch Nikitins Zeichengebrauch: "Warum sollte man Nikitin (...) nicht glauben, wenn er behauptet, es sei ihm als Teenager in Murmansk darum gegangen, gegen die Erwachsenenwelt zu protestieren, und dass man die Erwachsenen mit nichts habe so aufbringen können wie mit Nazisymbolen?" Nikitins Protest sei dabei "viel weniger gebrochen" als Meeses. "Durch den Wald der Zeichen tappt der Sänger ungleich linkischer als der Künstler." Aber in beiden Fällen erlebe man einen vergleichbaren "Willen zum Ichverlust".

(chr)

 
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