Schauen Sie nur

von Simone Kaempf

Hamburg, 9. August 2012. Tor zur Welt, Wachstumsmotor, führend als Warenumschlagsplatz, so soll der Hamburger Hafen sein. Zumindest im Jargon der Marketingexperten. Mittlerweile ist auch das ökologisch optimierte Wohn- und Arbeitsquartier Hafencity mehr als zur Hälfte fertiggestellt. An der Elbphilharmonie wird weitergebaut, trotz Kostenexplosion. Höher, weiter, schneller geht gut hier. Und doch sind die Zeiten noch nicht vorbei, dass ein Hafenbesuch ein verlangsamtes, verschlafenes Sonntagsgefühl verbreitete.

Denn das Ausgedehnte ist mal wieder das andere: die Riesenfrachter etwa, die bald nicht nur 12000, sondern 18000 Container laden können, während der Mensch wie ein Däumling durch den Hafen schippert, die riesigen Kräne und Gebäude betrachtet, angefeuert von Fabian Hinrichs: "Schauen Sie nur, schauen Sie nur". "Die Ausgedehnten" haben Hinrichs und Schorsch Kamerun diese Hafenrundfahrt genannt, die in sechzig Minuten eine Runde dreht Richtung Blankenese bis zur Strandperle, via Blohm und Voss und Elbphilharmonie zurück zu den Landungsbrücken. Gedacht als Eröffnung des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel, das Kurator Matthias von Hartz teilweise unter das Motto "Die Grenzen des Wachstums" gestellt hat, benannt nach jener Studie aus dem Jahr 1972, die beschrieb, warum permanentes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum zum Zusammenbruch führt.

Hafenrundfahrt bleibt Hafenrundfahrt
Der Diskurs findet an diesem Abend allerdings nur im Programmheft statt. Auf der Hafenbarkasse "MS Hamburg" geben Hinrichs, Schorsch Kamerun und eine Handvoll Musiker ein Konzert, das aus einer Reihe zukunftspessimistischer Songs besteht. Danach taucht Fabian Hinrichs dann an Deck auf, um eine pointenarme Minierzählung zu liefern. Sie handelt davon, wie Hinrichs einen alten Freund, den er aus Hamburger Jugendtagen kennt, in Kronach bei München besucht, dort im Gästezimmer übernachtet und in der Früh zurück nach Berlin flüchtet. Der Freund arbeitet mittlerweile als Angestellter bei Loewe, "wir sind andere Wege gegangen", orakelt Hinrichs, die Milieus passen nicht mehr zusammen. Ansonsten bleibt der höhere Sinn der Geschichte vernebelt... Die Zeit vergeht, die Wege trennen sich, man selbst ist auch in Bewegung, aber immer ganz erschrocken, wenn sich mal wirklich jemand verändert hat?

ausgedehnten1 560 kerstin behrendt uNah am Wasser gebaut: Hamburg, im rechten Vordergrund Schorsch Kamerun © Kerstin Behrendt

Was an Grenzziehung, Selbstbefragung, Reflexion zur Situation, in der man sich gerade befindet, möglich wäre, findet nicht statt. So bleibt der Abend eine Hafenrundfahrt, melancholisches Besuchsgefühl inklusive, aber eben eine mit Konzert auf dem hinteren Achterdeck, und einem Kapitän Hinrichs, der eine Geschichte erzählt, die situativ aus dem Rahmen fällt. Hat man nicht die frühe Partie gebucht, nicht die mit offiziellem Senatsempfang, sondern die spätere in anbrechender Dunkelheit, gab's zumindest eine großartige Kulisse: das Metropolenleuchten der Stadt, das vom Wasser aus noch ein Stück verheißungsvoller ist. Aber man lerne, dass die Sinnproduktion nicht automatisch stattfindet, nur weil das Theater seinen Raum verlässt.

Die Ausgedehnten
von Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs
Performance: Fabian Hinrichs, Musik und Komposition: Schorsch Kamerun (Die goldenen Zitronen), Polly (Pollyester), Carl Oesterheld (Freiwillige Selbstkontrolle), Salewski (Salewski/Merricks), Anton Kaun (A. Kaun).

www.kampnagel.de


Zum Auftakt des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel 2012 war als Gastspiel auch Árpád Schillings Die Priesterin zu sehen, das auf nachtkritik.de schon während Wiener Festwochen besprochen wurde.

 

Kritikenrundschau

"Kamerun thematisiert den Hafen nicht, sondern nutzt von ihn auf eine ähnliche Weise wie andere Hamburger Hafenevents auch", schreibt Klaus Irler in der taz-Hamburg (11.8.2012). Dabei ist der Hafen aus Irlers Sicht eigentlich ein sinniger Ort für das neoliberalismuskritische Anliegen der Verantaltung. "Schließlich ist der Hafen der Ort, an dem die Wirtschaft ganz bei sich ist." Schorsch Kameruns Songs bestünden aus "knarzigen Noise-Sounds, über denen minimalistische (Klavier-)Motive liegen und apokalyptische Gongschläge von Röhrenglocken. Darüber spricht Kamerun mit dünner Stimme seine pamphletartigen Texte über den Irrsinn, grenzenloses Wachstum zu propagieren oder nur noch im Internet zu leben. Man versteht nicht alles. Aber schnell hat man verstanden: Auf die Hafenrealität, die draußen an den Panoramafenstern vorbeizieht, gehen die Songs nicht wirklich ein." Daran änderten auch der Schauspieler Fabian Hinrichs und die "selbstgefällige Schlichtheit" seiner Erzählung nichts.

 

 
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