Gedächtnisspiel des Lebens

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 23. August 2012. Ich erinnere mich an Traute Hoess und Felix von Manteuffel, die nebeneinander auf der Bühne stehen, im grauen Flanell und weißem Hemd, und Sätze sprechen. Jeder beginnt mit den Worten: "Ich erinnere mich". Ich erinnere mich an Felix von Manteuffel, der mit unbeholfener Leichtigkeit aus seinen Schuhen steigt, ich erinnere mich, dass mir sein träges Angehen gegen die Schwerkraft bekannt vorkam aus anderen Stücken. Ich erinnere mich an die angespannten Gesichtszüge von Traute Hoess, die schließlich weich wurden und runde, staunende Mädchenaugen preisgaben. Ich erinnere mich an das Stück "Bouncing in Bavaria" des Regieduos Auftrag: Lorey, das heute Abend im Schauspiel Frankfurt Premiere hatte.

bouncing2 280 birgit hupfeld u"Ich erinnere mich" Felix von Manteuffel und Traute Hoess   © Birgit Hupfeld

Geröllhalden des Gedächtnisses

Ich erinnere mich an einen Text im Programmheft, der die Worte "ich erinnere mich" als Auslöser einer Gedächtnismaschine bezeichnet, und ich erinnere mich an den Gedanken, dass diese Maschine hier also erprobt werden soll, dass zwei Schauspieler mithilfe einer simplen, aber konsequenten Inszenierungsstrategie die Geröllhalden des Gedächtnisses betreten werden, um dort Fundstücke zu bergen, Lawinen auszulösen und Klüfte aufzusuchen.

Ich erinnere mich an den unheimlichen Star des Abends, die Tänzerin Lili Mihajlovic, die eineinhalb Stunden mit unbeirrbarer Präzision wie eine Skulptur im Raum stand, in den Händen eine Konstruktion, die das Licht des Notausgangs verdunkelte. Ich erinnere mich, dass ich diese Konzession an die Sicherheit, das Inszenieren der institutionellen Notwendigkeit genoss und mich fragte, wie oft Zugeständnisse unsichtbar bleiben, weil niemand auf sie deutet.

Schauspielerkörper im Erinnerungsstrom

Ich erinnere mich an Felix von Manteuffel und Traute Hoess, diese großen Schauspieler mit ihren erfahrenen Körpern, wie sie im raschen Wortwechsel eine Topographie der Kindheit entwerfen, ihrer Gerüche und Geschmäcker, diese ersten Welterkundungen, deren Intensität und Einzigartigkeit ihrer Ausschnitthaftigkeit entspringen – wie das Licht, das durch die angelehnte Tür ins Schlafzimmer fällt.

Ich erinnere mich, dass die einfache Struktur des Abends die Wahrnehmung schärfte für die kleinen Verschiebungen, die halbgeöffneten Lider des Felix von Manteuffel zum Beispiel. Oder für die sich fächerförmig ausbreitenden, grazilen Finger der Traute Hoess und auch das Stocken in den Körpern, wenn die Sprache nicht mehr nachfloss und der Erinnerungsstrom zu versiegen drohte: der im Theater ja immer ein gelernter ist, wird doch hier die Erzählung, die wir unablässig von unserem Leben anfertigen, vertextet, auswendiggelernt und wiedergegeben. Ich erinnere mich, dass ich das weitere Aufklappen des doppelten Bodens der Theatererinnerung vermisste, arbeiten die Inszenierungen von Auftrag: Lorey doch stets auch selbstreflexiv mit der Bühnensituation und der uneigentlichen Rede des Schauspielers.

Wiederhall des Allgemeinen im Individuellen

Ich erinnere mich an eine gewisse Wohnzimmergemütlichkeit, die sich allmählich im Zuschauerraum ausbreitete, als hörten wir gemeinsam an einem Sonntagnachmittag den Großeltern beim Erzählen zu. Ich erinnere mich, dass ich mir Traute Hoess als kleines Mädchen mit Zöpfen vorstellte, wie sie am Abend die Kühe nach Hause treibt. Ich erinnere mich, dass ich mir Felix von Manteuffel als Teenager mit Zopf vorstellte, der beim Trampen nach Berlin in Bayreuth hängenbleibt. Ich erinnere mich an die rührige Überschaubarkeit der alten Bundesrepublik, den Braunkohlegeruch in Eisenach, an die RAF und den Mauerfall. Ich erinnere mich an einen toten Kanarienvogel in der Zwieback-Packung von Brandt, ich erinnere mich an die Kuh Hella, die Milchausschenkerin Erna und die Jugendfreundin Renate.

Ich erinnere mich an Erinnern, das zur Anekdote gerinnt und an solches, das überspringt und die eigene Erinnerung in Gang setzt. Ich erinnere mich an die gründliche, nahezu pedantische Durchforstung von Schichten und Qualitäten der Erinnerung an diesem Abend, die im Moment ihrer Aufführung gleichwertig werden und ein Bild dessen entwerfen, was man "ein Leben" nennt: Es besteht aus einer unüberschaubaren Anhäufung von Augenblicken, von denen einige durch ihre wiederholte Erzählung zum Bild geworden sind, während andere zusammenhanglos in Untiefen versanken.

Es besteht aus Namen, deren Gesichter allein der Erinnernde kennt, und aus Geräuschen, die nur er hörte – deren Wiederhall jedoch auch durch unsere bundesrepublikanischen Kindheiten echot. Es besteht aus politischen und gesellschaftlichen Ereignissen, zu denen man sich mehr oder minder ins Verhältnis setzte, und aus dem Körper, der all dies berührte, roch und schmeckte, in den sich die Brennnessel, die Blaubeere und die Schulterblätter von Wolfi einschrieben.

 

Bouncing in Bavaria (UA)
Ein Projekt von Auftrag : Lorey
In Zusammenarbeit mit Traute Hoess und Felix von Manteuffel
Regie und Konzept: Stefanie Lorey, Bjoern Auftrag, Bühne und Kostüme: Ralph Zeger, Videodesign: Konny Keller, Licht: Johannes Richter, Sounddesign und Sensoring: Bjoern Auftrag, Joachim Schröder, Dramaturgie: Alexandra Althoff.
Mit: Traute Hoess, Felix von Manteuffel, Lili Mihajlovic.

www.schauspielfrankfurt.de

 

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Kritikenrundschau

"Hier geht es nicht um einen Stoff, einen dramatischen Text, sondern um das, was Menschen denken", sagt Natascha Pflaumbaum im Deutschlandradio Kultur Fazit (23.8.2012). Also sei auch das, was Traute Hoess und Felix von Manteuffel erzählten, autobiografisch, ohne allzu persönlich oder gar indiskret zu sein. "Ihre singulären Erinnerungen funktionieren exemplarisch." Aus den vielen Einzelheiten schälten sich im Laufe des Abends eine Reihe von philosophischen und psychologischen Erkenntnissen über das Erinnern: wie rudimentär es sei, wie es verkürze, wie viele Details man behalte, dass es fast immer Kleinigkeiten seien, die sich geradezu symbolhaft aufbliesen. "Am Ende zweifelt man an der Wahrhaftigkeit von Erinnerungen überhaupt: sie sind Geschichten, die man in sich trägt, ein Konstrukt, das uns zu dem macht, für das wir uns halten."

"So kann man anfangen. So vergnüglich, so melancholisch. So unaufgeregt spielerisch vordringen zum Kern der Frage, was das denn eigentlich sei, das Theater. Und was es heute soll", schreibt Michael Hierholzer im Rhein Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.8.2012). Zur Saisoneröffnung biete sich dergleichen an. Auch wenn es ein Risiko sei, dem Publikum gleich zu Beginn die dramatische Form zu verweigern und stattdessen ein zwischen Performance, Installation, Dokumentation changierendes Spiel zum Thema Erinnerung und Vergessen zu präsentieren. "Dass der Auftakt im Frankfurter Schauspiel rundum gelungen ist, liegt zunächst an den glänzenden Schauspielern mit ihrer Bühnenpräsenz, ihrer Ironie und Selbstironie, ihrem Witz und ihrem lakonischen Ernst." Aber auch daran, dass Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag auf Form in der Formlosigkeit Wert legten "und die mal großen, mal kleinen Gefühle, die das menschliche Leben grundieren, nicht unter den Tisch der ästhetischen Theorie fallen lassen". Traute Hoess und Felix von Manteuffel gäben viel von sich preis. Und behielten doch viel für sich. Es sei ihrer hohen schauspielerischen Kunst zu verdanken, dass es unklar bleibe, was an Improvisationen beabsichtigt war und was nicht. "Der Erinnerungsdialog wirkt ungemein authentisch, und das Durchspielen der Metapher vom Leben als Theater ist kein blutleeres Geplänkel, sondern bekommt eine geradezu existenzialistische Wucht."

"Dass die eigene Erinnerung Teil der kollektiven ist, machen die beiden en passant deutlich, wie auch, dass die eigene Erinnerung vermutlich nicht so individuell ist, wie wir es gerne hätten", schreibt Shirin Sojitrawalla in der Allgemeinen Zeitung Mainz (25.8.2012). "Manchmal erinnern sie uns an Dinge, die wir aufgehört hatten, zu erinnern." Dabei dröselten sie anhand ihrer Erinnerungen zwei Leben auf, die exemplarisch seien für die alte Bundesrepublik, "und auch wieder nicht". Die Kammerspiele wandelten sich zum Erinnerungsraum, der sich füllen lasse wie ein leerer Bilderrahmen. "Ein Raum, aus dem es kein Entkommen gibt, bis man vergisst, sich zu erinnern."

 
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