Von der Wirklichkeit der Schwärmer

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 24. August 2012. Haben wir es mit einem Parzifal zu tun, mit einem Jung-Siegfried gar? Der reine Tor, der seine Wurzeln nicht kennt, der angehalten ist, nicht zu fragen und der doch aufbrechen muss, um Gewissheit zu bekommen? In seinem neuen Stück führt uns Händl Klaus in archaische Seelengefilde – und ist damit doch mehr als heutig in einer Gesellschaft, in der sich ausblendende (oder ausgeblendete) Väter die normalste Sache der Welt scheinen.

Findelkind der Wildnis

Brandaktuell, und zwar im Wortsinn: nach einem Waldbrand. Geschwärzte glatte Baumstämme links und rechts der Bühne, zum Drahtgestell skelettierte Bienenstöcke. In die Natur hatte Kathrin, die Mutter, den Knaben Lukas verpflanzt, "ein Kind, das in der Stadt entstanden ist, am Land erzogen". Die Natur ist jetzt verwüstet, und Lukas reagiert so pubertär wie altklug: "Ich betrachte den Brand als ein köstliches Ereignis", denn "diese wuchernde Umgebung kann den Vater nicht ersetzen". Ein Natur-Hasser ist da herangewachsen, und das ist kein Wunder: "Du hast mich wie ein Findelkind der Wildnis überlassen", schmettert er der Mutter an den Kopf.meine bienen5 560 hans joerg michel uBirgit Hobmeier und Stefan Kurt  © Hans-Jörg Michel

Aber erst kommt Peter, der Polizist, auf der Suche nach dem Brandstifter. Er trifft auf Kathrin, ein ätherisches Wesen im luftigen Kleid, mit fliegenden Haaren. Noch schläft sie auf einem harten Stein wie das wach zu küssende Dornröschen. Und prompt knistert es zwischen Peter und Kathrin, man begegnet einander in einer Vertrautheit, die auf Vergangenheit schließen lässt. Es ist mehr als Berufsinteresse des Inspektors, wenn es da heißt: "Wir müssen uns den Tatort bewahren."

Stille Wälder, weidende Bienen

Ist Peter Lukas' Vater? Da ist noch ein Mann, Wim, der Wanderimker. "Ein stiller Mensch ... er wandert durch die stillen Wälder mit den Bienen, die er weidet". Wenn er dann da ist, wird er sich seinerseits als hochgradiger Naturhasser zeigen und vom Knaben promt als "Vater" chiffriert. Mit dem Kind wollen in Wirklichkeit beide Männer nichts zu tun haben. Wir sind am Ende nicht klüger als zuvor.

Wie so oft bei Händl Klaus: kein echter Dialog, sondern oft Wort für Wort gesplittete Texte, "ein Sprachkörper, den sich die Figuren teilen", wie es der Autor umschreibt. Das ist besonders überzeugend, wenn die Dialogpartner von gleichen Befindlichkeiten reden, von Gefühlen, die beide betreffen und beide unterschiedlich akzentuiert leben. Es gleitet aber auch oft ab in artifizielles, verdächtig leer laufendes Wort-Geklingel.

meine bienen2 280 hans joerg michel u© Hans-Jörg Michel

Aber Händl Klaus hat ja dezidiert kein Sprech-, sondern ein "Musik-Stück" geschrieben und "Meine Bienen. Eine Schneise" ebenso dezidiert der Osttiroler Musicbanda Franui gewidmet, diesen mutigen Quergängern, die ihren Stil darin gefunden haben, keine Stilgrenzen zu akzeptieren – aber dafür musikantische Urlust zu leben und auf den erhellenden Side-Kick zwischen U- und E-Musik zu vertrauen.

Schau- und Hörspiel zugleich

"Meine Bienen" sind so zum musikalischen Hummelflug geworden, zur Oper beinah. Das wächst vom Melodram hinüber zur Bänkelsänger-Ballade, es knallt blechern, fokussiert sich aber auch sehr subtil in sechs frühen Liedern von Alban Berg (erstaunlich, wie Romantik und Symbolismus mit dem neuen Theatertext zusammengehen). Da wird gefühlig koloriert und deftig mit heimischen und exotischen Volksmusikelementen jongliert. Das übersteigt an Originalität den Text bei weitem. Bei dem schleicht sich ja außer dem Verdacht auf Wortgeklingel auch der auf inhaltliche Wald- und Wiesen-Psychologie ein. Aber man kann in dem Fall Musik und Wort nicht gut voneinander trennen. Kein Teil wäre wohl ohne den anderen (über)lebensfähig.

Wäre "Meine Bienen. Eine Schneise" überhaupt überlebensfähig, wären da nicht vier Bühnenmenschen von außerordentlichem Charisma? Brigitte Hobmeier ist Kathrin, der als "Natur-Erzieherin" alle Fäden entglitten sind, die jetzt halt- und bodenlos zu schweben scheint. Die Frau ist längst nicht mehr Regisseurin eines gelingenden jung-männlichen Lebens. Stefan Kurt ist nur auf den ersten Blick der sachliche Inspektor, in Wirklichkeit ein Schwärmer und angstvoll Liebender. Und erst der wunderbare André Jung als Wim. Eine derbe Dunkelfigur auf den ersten Blick, ehemaliger Häftling. Hat Kathrin völlig recht, wenn sie den vermeintlichen Tunichtgut wüst beschimpft ("Weil deine Stimme hässlich ist .... das überträgt sich aufs Gesicht ...") und ihren Sohn fernhält von ihm? Da sind Zwischentöne, wie überhaupt in diesem Schau- und Hörspiel kein Charakter so ist, wie er aufs Erste scheint.

meine bienen3 560 hans joerg michel u© Hans Jörg Michel

Urwüchsiges Wunderland

Schwer abzuschätzen, was zu diesen eindreiviertel Stunden intensiven Musiktheaters der französische Regisseur Nicolas Liautard beigetragen hat und was unmittelbar von den Schauspielern kommt. Liautard ist der deutschen Sprache ja nicht kundig. Mag sein, dass sein Zutun mehr auf die Bühnen-Aura beschränkt war.

Und nun der Knüller des Premierenabends, ein 13jähriger Wiltener Sängerknabe in der Rolle des Lukas. Unglaublich gestelzte Formulierungen muss er von sich geben, die Lieder von Alban Berg singen, in einer Art Rezitativ oft mit Franui kommunizieren. Das gelingt ihm so selbstverständlich, musikalisch unbestechlich, er dreht mit Mutterwitz auf und katapultiert sich mit seinem Knabensopran quasi gleich wieder hinaus aus dieser Welt. Für die sechs Aufführungen stehen zwei Lukas-Darsteller zur Verfügung.

Das Premierenpublikum hat den Sängerknaben gefeiert und wirkte insgesamt höchst angetan vom Stück und seiner Umsetzung. Nicht unter den Tisch fallen darf, dass über allem L'art-pour-l'art"-Touch der Humor nicht zu kurz kommt. "Deine Sehnsucht nach der Seife überrascht mich, ich grolle", sagt die Mutter zum Knaben und hält eine Eloge über die Vorteile des (schlechten) Geruches, "weil wir ungenießbar sind – ein köstlicher Gestank, uns alle schützt er. Seife wird dich schwer verwunden." Es spricht viel für einen gesunden Grind um Herz und Seele, das wissen die knorrigen Tiroler. Aus diesem urwüchsigen Land kommen ja der Autor und seine Musiker.

 

Meine Bienen. Eine Schneise (UA)
von Händl Klaus (Stück) und Markus Kraler/Andreas Schett (Musik)
Regie: Nicolas Liautard, Musikalische Leitung: Andreas Schett, Bühne: Giulio Lichtner, Nicolas Liautard, Kostüme: Marie Odin, Lichtdesign: Jérémie Papin.
Mit: Brigitte Hobmeier, Stefan Kurt, André Jung und einem Wiltener Sängerknaben.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Alles über die Salzburger Festspiele auf nachtkritik.de im Lexikon. Und Händl Klaus mit Musik gabs auch 2009 in Wien schon mal (zum Beispiel): Ruedi Häusermanns Vertonung von Die Glocken von Insbruck läuten den Sonntag ein.

Kritikenrundschau

"Händl Klaus schafft ganz eigene Welten, in denen so etwas tatsächlich geht", sagt Sven Ricklefs im Deutschlandradio Kultur Fazit (23.8.2012): "Auch jetzt wieder wirft er auf die ihm ganz eigene hochartifizielle Weise einen Blick auf die Nachtseite des Menschen, dort wo Verbrechen und Sexualität ganz furchtbar Ringelrein tanzen." Das Stück sei eine Sprachkomposition, in der die Schauspieler ihre Sätze und ihr Sprechen so in einander verschlängen, dass ganz neuer Sinn entstehe. Nicolas Liautard habe "Meine Bienen. Eine Schneise" im wirklich besten Sinne des Wortes arrangiert und es dabei zusammen mit seinem kleinen Ensemble auf ein ganz eigenes artifizielles Niveau gehoben. "Und dort jonglieren Ausnahme-Schauspieler wie Brigitte Hobmaier oder Andre Jung mit ihren Rollen und ihren Texten auf so virtuose Weise, dass man sich mit ihnen auf dieses böse Märchen einlässt, widerwillig und gern zugleich."

Die Musicbanda Franui habe die Musik zu einer wesentlichen Erzählstimme des Dramas gemacht, meint Karin Fischer im Deutschlandfunk (24.8.2012). "Sie setzt Zeichen und Stimmungen und rhythmisiert den ohnehin schon musikalisch gedachten Text von Händl Klaus noch einmal." Der Dialog werde zum Sprechkonzert, dessen Stimmen miteinander verwoben seien. Die Schneise der Gewalt werde an dem Abend immer größer, die zum Teil krude Erfindung aber immer durch den musikalischen Zugriff und die Schauspieler gebrochen: "Brigitte Hobmeier, Stefan Kurt und André Jung, denen die Rollen auf den Leib geschrieben sind, meistern die ungewöhnliche Textaufgabe souverän und mit vielen Zwischentönen in Gestik und Ausdruck." Insgesamt habe man einen "ebenso schaurigen wie luftigen musikalischen Theaterabend" gehört und gesehen.

"Grausame Menschen und grausame Ereignisse konstituieren Händls 'Bienen'", schreibt Barbara Petsch in Die Presse (24.8.2012). "Sie sind hier nicht sympathisch besetzt, sondern als wimmelnde Masse ohne Gesicht und Gefühl dargestellt, die blind ihren Instinkten folgt." Nicolas Liautard habe die Uraufführung höchst einfallsreich inszeniert und Händls Worte-Hackfleisch zu einem kompakten Sprach-Opern-Kosmos zusammengefügt. "Allein für die Ausführung dieses Virtuosenstücks sind die Schauspieler zu bewundern." Die Sätze kämen fugenlos wie von einer Person gesprochen, der Zusammenhang stelle sich dadurch mühelos her. "Die Akteure stellen ihre saftigen Rollen nicht aus, sie sind stark dank Innerlichkeit." Petschs besonderes Lob erntet der Sängerknabe Michael in einer exponierten Rolle: "Ein 13-Jähriger, der tadellos seine schwierige Gesangspartie bewältigt, auch mit der richtigen Emotion, das mag normal sein, eine Frage des Trainings. Aber Michael ist auch schauspielerisch ein Könner als eben dem Hosenmatz-Alter entwachsener Bursche, der eine facettenreiche Figur aus bösem Parsifal und rebellischem Patchwork-Familienopfer auf die Bühne stellt." Die Musik von Franui illustriere den Text hinreißend und wirke mit schrägen Tönen zuweilen wie eine Parodie auf den Konzertbetrieb.

"Gerne vertrauen wir uns dem rätselhaften Händl-Sound an, der nie zur Sache kommt, alles bloß andeutet, auf Spurensuche mit Vorliebe falsche Fährten legt", schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (24.8.2012). Leider kehre "Franuis" hübscher Klangteppich mit den charakteristischen Blech- und Holzbläsern, der Harfe und dem Hackbrett eine Menge unter denselben. Es sei das alte, auf einem Irrtum beruhende Problem: "Gulasch schmeckt köstlich, Schokoladeneis desgleichen. Wie köstlich müsste dann erst beides zusammen schmecken!" Die Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk produziere meist Gesamtkunsthandwerkliches. Die Spieler gäben ihr Bestes, die sauschwere Sprechpartitur zum Tönen zu bringen. "In der olympischen Disziplin des verbalen Stafettenlaufs - die einzelnen Sätze wurden von Händl Klaus sorgsam zerschnipselt und auf die Figuren verteilt - sind sie medaillenverdächtig." Trotzdem halte sich das Interesse in engen Grenzen. Ganz am Ende immerhin finde Liautards Inszenierung zu atmosphärischer Dichte. "Das Anhören wird zum Zuhören mit emotionaler Beteiligung."

"Lauter Idealbedingungen. Und doch ist das Resultat ein süsslich breiiger Quatsch. Österreichisch gesagt: Kaiserschmarren", findet Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (24.8.2012) deutliche Wort. "Denn der Brei wurde, wie das wahre Sprichwort sagt, durch zu viele Köche verdorben." Der Charme von Franui erstarre im quasi-opernhaften Rahmen dieses ambitiösen Experiments. Der Reiz von Händl Klaus' Text bestehe in einem auf die Sprechenden verteilten Kanon aus Versen, welche in Satzfragmente, Worte oder lediglich einzelne Silben aufgetrennt sind, virtuos und sophisticated. Doch davon lasse die musikalische Unter- oder eher Übermalung herzlich wenig übrig. "Bleibt die geheimniskrämerische Handlung dieses spartenübergreifenden Gesamtkunsthandwerks." Sie sei, unter dick aufgetragener Symbolik, "so dünn wie beliebig und trotz Deftigkeit letztlich saurer Kitsch".

"Leider Gottes" übertrage sich Händl Klaus' "eigenwillige Form des kommunikativen Spannungsaufbaus" nicht unbedingt auf den Zuschauer, beklagt Ronald Pohl in Der Standard (25.8.2012). Regisseur Nicolas Liautard habe das Spiel der Waldbewohner gefällig arrangiert und nicht mehr und nicht weniger als einen "in vielerlei Facetten schimmernden Abend, der einen entsetzlich kalt zurücklässt". Zum Glück gebe es aber ja noch die Musik: "Mit sattem Sound, der sich im Wesentlichen auf den Zusammenklang von Klarinette, Trompete und Saxofon stützt, pflügt die Musicbanda Franui resolut durch Händls szenischen Schwächeanfall."

Händl Klaus habe ein wundersam verwunschenes Gräuelmärchen geschrieben über die Schrecken der Herkunft, schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (25.8.2012). Aus dem Crossover von Musik- und Sprechtheater allerdings sauge die Inszenierung nicht durchweg Honig. "Das liegt zum einen daran, dass die Musik von Franui bei weitem nicht so raffiniert komponiert ist wie das Libretto." Sie docke sich nur punktuell an den Text an. Zum anderen lege die komplizierte Abstimmungslogistik die Schauspieler in Fesseln. Unschuldige Ausnahme: die gesungene Rolle des Kindes Lukas. Der klare, helle Ton des Knabensoprans wirke so ergreifend wie die Figur selbst. Retten tut das die Produktion in den Augen und Ohren des SZ-Kritikers aber nicht. "Die Poesie von Händl Klaus ist süßes Gift", schließt er: "Den Stachel seines Stücks hat man in dieser Festspiel-Produktion allerdings nie gespürt, zu sehen war vor allem kunstfertiger Bienenfleiß."

"Ein Tiroler Provinz-Bunuel mit der Marotte, seine Figuren, nicht in Worten, sondern in Wort-Erbrechungen reden zu lassen", sei Händl Klaus, schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.8.2012) und findet weitere böse Worte: Händls Stücke seien schnell erzählt, kämen aber nur stotternd vom Fleck. "Der Mann ist halt von Nomen bis Omen ganz Masche." Was passiert also nun hier in Salzburg? "Die 'Musicbanda Franui', eine gar nicht unvirtuose Tiroler Almdudler-Combo, mahlert, brahmst, wagnert, dessaut, eislert sich in scheppernden süffigen Fünftonskalen mit treuherzigen Dur-Schlüssen musikalisch über die Aschenbahn, über der Brigitte Hobmeier und Stefan Kurt und André Jung ihre Händlsche Laberlohe abfackeln, wozu der Wilterner Sängerknabe Michael in glockenklarem Knabendiskant 'Ich begehre Gewalt' oder 'Ich ersehne das Gefängnis' oder 'Ich hasse die Natur' oder 'Mutter, du bist ein Sumpf' singt." Es sei dies alles herzallerliebst. Der Junge sei eine Opernbegabung. "Eine Bubenverzweiflung kann er gar nicht sein. Eine Stimme. Keine Figur." Was die Gesamtinszenierung betreffe, blieben die wunderbaren Schauspieler von vornherein mit Händls Schmarrn allein. "Für die 'Schneise', von der hier so viel die Rede ist, wäre rein sprachlich die Lösung, dass man das 'n' darin streicht und das 's' etwas anschärft.

 

 
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