Spaghetti à la Prospero

von Martin Pesl

Salzburg, 24. August 2012. Guten Morgen in der "brave new world". Fröhliche Musik weckt den Mikrokosmos der sandigen Insel im Paradies. Luftgeist Ariel, der perfekte Kellner, und Sklave Caliban, triebgesteuertes, aber eigentlich wohlmeinendes Monsterchen, verrichten die morgendliche Hausarbeit in der liebevoll chaotisch eingerichteten Strandküche. Miranda stochert missmutig im Sand, weil sie heute dreißig wird und – einsame Insel eben – wieder einmal keine Geburtstagsgäste hat. Vater Prospero, der ja magische Kräfte besitzt, versucht sie mit ein paar Zaubertricks und einem Kuchen aufzuheitern, aber sie scheint halt gerade in einem schwierigen Alter zu sein.

Niedlich geht es zu in Irina Brooks Fassung von Shakespeares "Sturm", einem Gastspiel aus Paris bei den Salzburger Festspielen. Unfassbar niedlich. Shakespeares vermutlich letztes Drama ist ohnehin nicht das existenziellste: Was an Konflikt vorhanden ist, erweist sich dank der Güte und Zauberkraft des Königs Prospero sehr rasch als lösbar: Einst wurde er vom verräterischen Bruder Alonso seines Reiches beraubt und samt Töchterchen auf der einsamen Insel ausgesetzt, nun hat er die Möglichkeit, sich ein bisschen zu rächen, weil das Schiff Alonsos und seines Sohnes Ferdinand vor ebendieser Insel in einen Sturm geraten ist. Wirklich wehtun wird er ihnen aber nicht, das missfiele dem Mädchen. Nun schraubt Irina Brook die Fallhöhe noch weiter hinunter, und für ein Zielpublikum im Durchschnittsalter von deutlich über zehn Jahren geht sie dabei schlicht zu weit: Bei ihr ist Prospero einfach Meisterkoch und Erbe des Restaurants Da Prospero, und das große Buch, das er mitnehmen durfte, enthält seine Lieblingsrezepte.

Hokuspokus
Freude am Spiel steht im Zentrum von Irina Brooks Arbeiten mit ihrer Compagnie, die Akteure kommen aus verschiedenen künstlerischen Ecken: Sie jonglieren, sie tanzen, sie machen Späße. Ihr französisch sprechender Gauklertrupp aus nur fünf Personen unterschiedlicher Herkunft übernimmt teils Doppelrollen und gestaltet mit großem Körpereinsatz bunte Figuren. Technische Verspieltheiten dürfen jederzeit die Handlung aufhalten, hier allerdings weniger virtuos als etwa bei Brooks Pariser Kollegin Ariane Mnouchkine. Natürlich lässt sich der titelgebende Sturm durch erregtes Töpfescheppern und etwas Scheinwerferflackern darstellen, und wenn Ariel von den Schiffbrüchigen berichtet, liegt nahe, sie in der Küche durch verschiedene Gemüsesorten darzustellen.

la tempete1 560 patrick lazic uMehr oder weniger schmackhafte Insel-Albereien: "La Tempête" © Patrick Lazic

Von Beginn an regieren diese kapriziösen Scherze in enervierendem Ausmaß. Alles ist auf Heiterkeit ausgelegt, so dass der "comic relief", den die zwei dümmlichen Besatzungsmitglieder Stephano und Trinkulo ursprünglich bieten sollten, nicht mehr der Erleichterung, eher der Verschärfung dient. Im Kontext des Theaters für junges Publikum könnte diese Aufführung geeignet sein, ein ebensolches zu fesseln, an die Magie des Theaters zu binden, wiewohl es diese Magie eben nur durch Hokuspokus vorgaukelt. Die Kids dürfen unbenommen lachen über den impulsiv wilden Caliban (Hovnatan Avédikian), den lustig betrunkenen Stephano (Renato Giuliano) oder die Tricks des Zauberers Prospero (ebenfalls Giuliano) und seines Schülers Ariel (Scott Koehler). Mit Miranda (Ysmahane Yaqini) kann sich vielleicht ein schwärmerischer Backfisch identifizieren, weil Papa ja sooo gemein ist und ihr den feschen Ferdinand (Bart David Soroczynski) nicht gleich geben will. Und dann singt Ariel noch ein Lied auf Englisch über "the big L", also die Liebe, die entsteht, wenn "boy meets girl".

Schluss in Moll
Nach der Hälfte der gut neunzig Minuten werden die Choreografien im Detail origineller und kunstvoller ausgeführt: Wie etwa Artist Soroczynski zwecks Eroberung von Mirandas Hand innerhalb von drei Minuten die legendären Spaghetti à la Prospero zubereitet, das ist die beeindruckend bewältigte Umsetzung einer infantilen Idee (und ja, das Rezept ist im Programmheft abgedruckt...).

Dann scheint die Regisseurin plötzlich Bedenken zu bekommen, ihr Abend könne zu flach sein, und von einer Sekunde auf die andere wechselt sie auf Tonart Moll. Der ganze Schluss – die Versöhnung der Brüder, die gegenseitige Enthüllung von Vater und Sohn, dass der jeweils andere noch lebt, die Freilassung Ariels – das alles geschieht mit Trauer atmender Langsamkeit. Wenn der Maestro am Ende alleine mit seinem Espresso und den Patience-Karten dem Meeresrauschen lauscht, kaufen wir ihm die Instant-Melancholie aber nicht mehr ab. Dieser Snack war dermaßen bekömmlich, dass wir uns danach doch noch eine ganze Pizza bestellen müssen.

 

La Tempête
nach William Shakespeare
Regie: Irina Brook, Bühne: Noëlle Ginefri, Kostüme: Sylvie Martin-Hyszka, Nathalie Saulnier, Lichtdesign: Arnaud Jung, Produktion: Compagnie Irina Brook und Maison de la Culture de Nevers et de la Nièvre.
Mit: Renato Giuliani, Scott Koehler, Hovnatan Avédikian, Bart David Soroczynski, Ysmahane Yaqini.

www.salzburgerfestspiele.at

 
Alles über die Salzburger Festspiele auf nachtkritik.de im Lexikon. Irina Brook war in diesem Jahr zweimal zu Gast in Salzburg: Erst vor drei Wochen brachte sie hier ihre neue Arbeit Peer Gynt heraus.

Kritikenrundschau

Auf der Webseite der Wiener Zeitung Die Presse (25.8.2012, 16:16 Uhr) schreibt Barbara Petsch, es sei sicher nicht nötig und möglich, die großen politischen und geistigen Auseinandersetzungen Europas zur Zeit Shakespeares im "Sturm" abzuhandeln, aber das Stück als italienische Gastro-Groteske zu präsentieren, sei doch eine "arge Verhunzung". Brooks "Sturm" biete "Amüsement, blendendes Spiel" und als beste Idee den Umgang mit dem "Kolonialismusthema": "Caliban, der 'Wilde', ist ein Ureinwohner, der wahre Herr der Insel, die er aber bereit ist, jedem Hergelaufenen zu verkaufen." In diesem Caliban bildeten sich "Drittwelt-Regenten" ab. "Völlig unlogisch", dass er am Ende wie ein Flüchtling mit dem Reisekoffer von dannen ziehe. Die Zauberei bestehe über weite Strecken aus "billiger Taschenspielerei", Ariel sei eher ein "Jahrmarktkünstler". "Recht witzig" würden "Meinungen, Stereotypen der Völker Europas übereinander" aufs Korn genommen, ob das allerdings ein Ersatz sei für eine "schlüssige, gehaltvolle Neuinterpretation des "Sturm", bleibe jedem überlassen. Fürs Erste wirke dieser "Sturm" wie "Ariane Mnouchkine für Arme".

Auf der Webseite der Wiener Zeitung Der Standard (26.8.2012, 18:24 Uhr) schreibt Margarete Affenzeller: diese "slapstickhafte Nummernrevue" könnte als Club-Med-Abend durchgehen. Irina Brook greife tief in die Klamottenkiste und opfere einer "unerhört nichtssagenden Zauber-Slapstick-Zirkusshow" das ganze Drama. Erstaunlich, wie gleichgültig die Regisseurin dem Autor Shakespeare gegenüber sei, den sie im Original zu lesen vermöchte. "La Tempête" sei ein "gänzlich neuer Text", der sich bis auf Mirandas Verheiratung für nicht sehr viel mehr im "Sturm" interessiere. Insbesondere bleibe der Kampf um die Macht, um das dem Königreich Neapel untergeordnete Herzogtum Mailand, links liegen. Und der Herzog von Mailand sei zum "König der Pasta" geschrumpft. In diesen Größenordnungen taugten Shakespeares Witze freilich nicht mehr.

Auf der Webseite der Oberösterreichischen Nachrichten aus Linz schreibt Wolfgang Huber-Lang (27.8.2012, 00:04 Uhr): Wie schon bei Ibsens "Peer Gynt" habe Irina Brook ihre Inszenierung einem "Grund-Setting" untergeordnet und lasse alles, was nicht ganz ins Konzept passt, einfach weg. Wir erlebten also am einsamen Strand die Auswirkungen einer erbitterten Fehde in der neapolitanischen Gastro-Szene. Ariel werke als hurtiger Oberkellner und Caliban als aufbegehrender Küchengehilfe. Bis die zwischen Französisch, Italienisch und Englisch wechselnde Produktion ihre Betriebstemperatur erreicht habe und ihren Charme entfalte, brauche es einige Zeit. Doch dann habe man sich damit abgefunden, dass nicht nur viele Personen, sondern auch viele Interpretationsebenen des Stückes auf der Strecke geblieben seien. Sei man aber "endlich eingekocht", folge man mit "leuchtenden Augen" den Kabinettstücken des Ariel oder mit "kindlicher Freude" den allerliebsten Annäherungen zwischen Miranda und Ferdinand.

Auf der Webseite der Salzburger Nachrichten schreibt Werner Thuswaldner (27.8.2012): "Viel unterhaltsamer" als alle Kochsendungen im Fernsehen sei diese Version von Shakespeares "Sturm" allemal. Das Publikum sei "mehrheitlich hingerissen" gewesen und habe am Schluss "vor Begeisterung" getrampelt. Irina Brook setze auf "Trash, derben Spaß und Temperament". Die Regisseurin verschiebe ihre Unternehmung "weg vom Theater hin zum Zirkus". Clowns müssten keine großen Schauspieler sein. Clowns könnten damit punkten, dass sie Höchstleistungen anstreben und dabei versagen. Das Misslingen löse Gelächter aus. Gelacht werde viel während der Vorstellung. Nicht alles in dieser Inszenierung (siehe Caliban) sei zu Ende gedacht. Mit dem Schwenk am Ende, wenn Prospero, der auf die Magie verzichtet hat, allein auf der Insel zurückbleibe, "wollte die Regisseurin doch noch ein wenig von der Poesie und Melancholie des Shakespeare-Stücks zum Zug kommen lassen". Aber das gelinge kaum, zu sehr sei alles "auf pures Gaudium" eingestellt.

 

 
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