Der Reiz des Rausches

von Sarah Heppekausen

Duisburg, 25. August 2012. Vom "authentischen Drama des Zusammenseins", vom "oszillierenden Plasma der Beziehungen", vom "Innen/Außen-Paradoxon" ist im Programmheft die Rede. Klar klingt das nicht. Vermutlich ist es besser, den Text beiseite zu legen und sich beim Bilderbauer Romeo Castellucci und seiner Kompanie "Socìetas Raffaello Sanzio" ganz auf Raum- und Körpererfahrung einzulassen. Aber auch im Bühnenraum herrscht zunächst Nebel.

Der italienische Regisseur zeigt seine Arbeit "Folk." in der Gebläsehalle im Duisburger Landschaftspark. Die ursprüngliche Grundidee der Ruhrtriennale, die Industriehallen nicht nur zu bespielen, sondern als Ausgangspunkt für theatralisches Denken zu setzen, setzt Castellucci konsequent um. Keine Zuschauertribüne, kein Bühnenpodest stört als Fremdkörper die Sichtachse. Nur ein großes Wasserbecken steht in der Mitte der 50 Meter langen Industriekathedrale.

Hundert mal Taufe

Durch die Nebelschwaden sieht man Menschen in dieses Becken steigen. Sie kommen zur Taufe, tauchen mit dem ganzen Körper unter und lassen kurz strahlend ein Erweckungserlebnis erahnen, bevor sie wieder stumm und starr blickend in der Zuschauermenge verschwinden. 100 Statisten sind hier beschäftigt, von den sechs professionellen Schauspielern sind sie kaum zu unterscheiden. Das Ritual formt sie zum Kollektiv. Individualität verschwimmt in der Masse oder geht unter im betörenden Soundgewaber des Komponisten Scott Gibbons.

Ein Knall weckt wieder auf. Ein Vogel, der an die Scheibe gedonnert ist? Nein, es sind Menschenkörper, die vor die Fenster springen und am Glas kratzen. Die neoromanischen Rundbogen-Fenster der Gebläsehalle erinnern so hell erleuchtet an sonnen- und geistdurchflutete Kirchenfenster. Wie Gekreuzigte fallen die schwarzen Figuren eine nach der anderen von den Fenstern wieder ab. Die Gemeinschaft bleibt eine geschlossene. Und die Hölle ist außen?

folk3 560 WongeBergmann uInnig sein, außen sein © Wonge Bergmann

Romeo Castellucci spart in dieser knappen Stunde nicht mit Assoziationsangeboten. Wie gewohnt beschwört er die Macht des Mystischen, will mit Rausch und Ritual das Wesen Mensch ergründen. Auch das Altern und Vergessen wird wieder (wie in "On the Concept of the Face, Regarding the Son of God") thematisiert, wenn ein weißhaariger Mann über einem Steckspiel für Kinder stumm verzweifelt. Aber diesmal tut es gar nicht weh, es gibt kaum physische oder psychische Herausforderungen.

Faszinierende Bilder, beeindruckende Halle

Wenn der letzte Täufling den Arm gen Himmel ausstreckt und die Technikgötter die Halle fluten, muss – wer keine nassen Füße haben will – an den Rand oder auf die Stufen flüchten. Das ist auch schon alles an direktem Reiz. Und die von Triennale-Intendant Heiner Goebbels für das Festival einberufene Kinderjury freut sich fröhlich über die angenehme Abkühlung.

Castellucci betreibt viel Aufwand für wenige starke Momente. Die (Umbau-) Pausen zwischendurch verdämmern jeden Schauer. Es ist der dionysische Rausch, der nach Nietzsche das Individuelle durchbricht und die Verzückungen der Gemeinschaft eröffnet. Das dürfte ganz im Sinne Castelluccis sein. Aber wer nicht teilhat am Rausch, der beobachtet nichts als Kitsch. Was dann noch bleibt, sind einige faszinierende Bilder in einer beeindruckenden Halle. Die sieht sich der Besucher an, eben als Zuschauer. Ein "authentisches Drama des Zusammenseins" hat nicht stattgefunden. Das ist nur frommer Wunsch.


Folk.
Regie, Konzept, Bühne: Romeo Castellucci, Musik: Scott Gibbons.
Mit: Horst Bergs, Silvia Costa, Diego Donna, Luca Nava, Sergio Scarlatella, Giacomo Strada und 100 Statisten.

www.ruhrtriennale.de

Mehr zu Romeo Castellucci: Sein Stück Sul concetto di volto nel figlio di Dio hatte in Frankreich zu Protesten geführt, aber auch der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki bezeichnete es als "unanständig". Biem Festival d'Avignon inszenierte er Dante in mehreren Teil, wir besprachen Inferno und Purgatorio.

 

Kritikenrundschau

Schöne Bilder, aber sie bleiben schließlich in der Ambivalenz stecken, meint Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (27.8.2012). Romeo Castellucci inszeniere ein Weihespiel mit der Strenge und Inbrunst eines Gottesdienstes ohne Gott. Dabei schaffe er am Anfang Bilder für den einstigen Duisburger Industrieraum, "deren suggestiver Macht man sich kaum entziehen kann. Andererseits gelingt es ihm nicht, eine Spielstruktur zu entwerfen. Was der Regisseur in Interviews an Ideen entfaltet, das lösen die schönen Rätselbilder am Becken nicht ein."

Der Abend sei der Versuch einer Beschwörung, eine Hinterfragung jedoch sei er nicht, schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (27.8.2012) über das Duisburger Taufspektakel. Denn Romeo Castelluccis Bildfindung sei christlich-pathetisch, "durchaus auf Überwältigung angelegt und nicht schwer zu knacken". Castellucci sei schon immer ein Mann kräftiger Bilder gewesen, doch nicht immer wären sie auch stark. Im vorliegenden Fall geraten sie für den Geschmack der Rezensentin sogar an einer Stelle zur Plattheit: "wenn die Menschen vor den Fenstern gegen Ende ihres Ansturms die Arme ausbreiten wie Gekreuzigte – ehe sie rückwärts fallen, vermutlich in ein Höllenloch. Die Hölle sind nicht die anderen, die Hölle ist, nicht zu ihnen ins Planschbecken zu dürfen."

Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (29.8.2012) ist nicht besonders angetan von der inhaltlichen Evidenz der Inszenierung. Zwar sei der Effekt "gewaltig", wenn 40.000 Liter Wasser aus dem Bassin rauschten, doch insgesamt seien die verwandten Mittel "viel zu plakativ und (holzhammer-)symbolisch" und rutschten "auch mal aus in den Kitsch". Weder eine "Katharsis" noch "sonst eine Erkenntnis, die sich gewaschen hat", werde so bewirkt. Zwar habe Castellucci jegliche religiöse Bezugnahme abgestritten, aber wer in der Duisburger Gebläsehalle nicht an eine Kirche und bei den rituellen Waschungen nicht an Taufe denke, müsse schon ein Parzival sein. Wenn ein Täufling nach dem anderen wieder aus dem Becken auftauche, sehe er "verändert" aus: "erweckt, erleuchtet, angeknipst, beseelt". Das habe "etwas Zombie- und schwer Sektenhaftes". Und wenn an den Fenstern schattenhafte Menschen wie Vögel gegen die scheiben schlügen und immer wieder abprallten und nach hinten stürzten – scheine sich das "ganze Flüchtlingsdrama vor der Festung Europa da oben in aller Eindeutigkeit zu manifestieren". "Demonstrations- und Überwältigungstheater", urteilt Dössel. Bei aller Kritik jedoch, es gelinge Castellucci, "den Raum eindrucksvoll wirken und zu seinem Recht kommen, ja, von ihm sich inspirieren und sinnlich (ver)führen zu lassen."

 

 

 

 
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